am ehesten auf erregte Menschen wirke, und welche die gesunden und gemütsstarken Leute aufforderte, auf die Schwachen und Nervösen den Einfluß ihrer Autorität geltend zu machen. Gleichzeitig trat Divile in Verbindung mit der „Gesellschaft zur Bekämpfung der Epidemie“ und verteilte unter deren Mitglieder alle öffentlichen Orte, Theater, Versammlungen, Märkte, Straßen. In diesen Tagen verging kaum eine Stunde, in der nicht an irgend einem Orte eine Erkrankung konstatiert wurde. Bald hier, bald dort bemerkte man Menschen, oder ganze Gruppen von Menschen, deren Benehmen offenkundig ihre Abnormität bewies. Größtenteils hatten die Kranken, die ihren Zustand erkannten, den unmittelbaren Wunsch, jemand um Hilfe anzugehen. Aber unter dem Einfluß ihrer gestörten Psychen verwandelte sich dieser Wunsch in feindliche Handlungen gegen die in der Nähe Weilenden. Die Kranken wollten zu sich nach Hause laufen oder ins Krankenhaus, flohen aber statt dessen in die entfernten Stadtviertel. Ihnen kam der Gedanke, jemand um Trost zu bitten, statt dessen packten sie die zufällig Vorübergehenden an die Gurgel, würgten sie, schlugen und verwundeten sie oft mit Messer oder Stock. Deshalb flohen alle Menschen, sobald sich jemand in der Nähe zeigte, der vom „Widerspruch“ befallen war. In solchen Minuten kamen die Mitglieder der „Gesellschaft“ zu Hilfe. Einige von ihnen überwältigten den Kranken, beruhigten ihn und transportierten ihn in das nächstliegende Krankenhaus; die anderen beruhigten die Menge und erklärten ihr, daß keine Gefahr vorhanden sei, daß nur ein neues Unglück geschehen wäre, mit dem alle nach dem Maße ihrer Kraft zu kämpfen hätten.

In den Theatern und Versammlungen führten die Fälle plötzlicher Erkrankungen sehr oft zu tragischen Endspielen. Anstatt den Sängern ihr Entzücken auszudrücken, stürzten einige hundert Zuschauer, die in der Oper von plötzlichem Massenwahnsinn ergriffen wurden, plötzlich auf die Szene und prügelten die Darsteller. Ein Artist, dessen Rolle mit einem Selbstmorde schließen mußte, schoß in einem Anfall plötzlicher Erkrankung im großen dramatischen Theater

mehrere Male in den Zuschauerraum. Der Revolver war natürlich nicht geladen. Doch unter der Einwirkung dieser Nervenerschütterung brach bei mehreren Personen im Publikum die Krankheit, die sie schon heimlich ergriffen hatte, offen aus. Bei dem entstehenden Gewühl, während dessen die natürliche Panik durch die Handlungen der „Widerspruchsvollen“ noch verstärkt wurde, wurden an 100 Menschen getötet. Doch am allerfurchtbarsten war das Ereignis im „Feuerwerktheater“. Die dorthin zur Beaufsichtigung des Feuers gesandte Truppe der Stadtmiliz zündete in einem Anfall der Krankheit die Szenerie an, sowie jene Schleier, welche die Lichteffekte verteilen. Vom Feuer und im Gedränge kamen nicht weniger als 200 Menschen um. Nach diesem Geschehnis verbot Horace Divile alle theatralischen oder musikalischen Ausübungen in der Stadt.

Eine für die Einwohner furchtbare Gefahr bildeten die Räuber und Diebe, die bei der allgemeinen Desorganisation ein weites Feld für ihre Tätigkeit fanden. Man beteuert, daß einige von ihnen erst zu dieser Zeit in die Sternenstadt aus dem Auslande gekommen seien. Um unbestraft zu bleiben, simulierten einige Wahnsinn. Andere hielten es nicht einmal für nötig, den offenen Raub durch Heuchelei zu bemänteln. Die Räuberbanden brachen in die verlassenen Magazine und trugen die wertvolleren Sachen fort, drangen in die Privatquartiere und verlangten Gold, hielten die Passanten an und nahmen ihnen ihre Kostbarkeiten, Ringe, Uhren, Bracelets fort. Zu den Räubereien gesellten sich Gewalttaten jeder Art und vornehmlich Vergewaltigungen der Frauen. Der Stadtbefehlshaber entsandte ganze Abteilungen der Miliz gegen die Verbrecher, aber diese erkühnten sich, in offenen Kampf zu treten. Es gab furchtbare Vorfälle, wenn unter den Räubern oder den Miliztruppen plötzlich am „Widerspruch“ Erkrankte auftauchten und ihre Waffen gegen die Kameraden wandten. Die arretierten Räuber sandte der Befehlshaber anfangs aus der Stadt. Doch die Bürger befreiten sie aus ihren Waggonzellen, um ihre Plätze einzunehmen. Da fühlte sich der Befehlshaber genötigt, die Straßenräuber

und alle Gewalttätigen zum Tode zu verurteilen. So wurde nach einer fast 300jährigen Unterbrechung auf der Erde aufs neue die unverhüllte Todesstrafe eingeführt.

Im Juni begann in der Stadt ein Mangel an Gegenständen der ersten Notdurft fühlbar zu werden. Die Lebensmittel reichten nicht aus und ebensowenig die Medikamente. Die Zufuhr auf der Eisenbahn begann sich zu vermindern; in der Stadt selbst hatte fast jegliches Gewerbe aufgehört. Divile organisierte städtische Brotbäckereien und verteilte an alle Einwohner Brot und Fleisch. In der Stadt wurden allgemeine Speisesäle nach dem Muster jener auf den Fabriken eröffnet. Doch es war unmöglich, Arbeiter in genügender Zahl zu finden. Die freiwillig Arbeitenden mühten sich bis zur Erschöpfung, doch ihre Zahl wurde stets kleiner. Die Krematorien hatten den ganzen Tag zu tun, doch die Zahl der Leichname in den Grabkammern wurde nicht geringer, sondern wuchs, und schon wurden auf den Straßen und in den Privatquartieren Leichen aufgefunden. Die städtischen zentralen Unternehmungen, der Telegraph, das Telephon, die Beleuchtung, Wasserleitung, Kanalisation, wurden von einer stets kleiner werdenden Zahl von Menschen bedient. Erstaunlich war es, wie Divile überall hingelangte. Alles verfolgte er, alles leitete er. Nach seinen Berichten kann man denken, daß er keine Ruhe kannte. Und alle, die sich aus der Katastrophe gerettet haben, bezeugen einstimmig, daß seine Tätigkeit über alles Lob erhaben war.

Mitte Juni begann es an Eisenbahnbeamten zu mangeln. Es waren zu wenig Maschinisten und Kondukteure da, um die Züge zu bedienen. Am 17. Juni fand auf der Südwestlinie die erste Eisenbahnkatastrophe statt, deren Ursache ein am „Widerspruch“ erkrankter Maschinist war. In einem Anfall der Krankheit stürzte der Maschinist den Zug aus dreißigfüßiger Höhe auf das Eisfeld herab. Fast alle Passagiere wurden getötet oder verstümmelt. Die Nachricht von diesem Fall brachte der nächste Zug in die Stadt und sie wirkte wie ein Donnerschlag. Sofort wurde ein Sanitätszug ausgesandt. Er brachte die Leichen und die verstümmelten

halblebendigen Körper zurück. Doch am Abend desselben Tages verbreitete sich bereits die Nachricht, daß eine analoge Katastrophe auch auf der ersten Linie geschehen sei. Nun waren bereits zwei der Eisenbahnlinien, welche die Sternenstadt mit der Welt verbanden, untauglich. Natürlich wurden aus der Stadt, sowie aus dem Nordischen Port Abteilungen zur Ausbesserung der Bahnen gesandt, doch im Winter ist es in jenen Gebieten fast unmöglich, zu arbeiten. Diese zwei Katastrophen waren nur Vorläufer der nun folgenden. Mit je mehr Furcht die Maschinisten an ihre Sache traten, desto sicherer wiederholten sie das Vergehen ihrer Vorgänger in einem Anfall der Krankheit. Eben darum, weil sie sich fürchteten, ein Unglück herbeizuführen, führten sie es herbei. Vom 18. bis zum 22. Juni, also in 5 Tagen, wurden sieben Eisenbahnzüge, die alle voller Menschen waren, in die Abgründe gestürzt. Tausende von Menschen fanden dort ihren Tod, da sie entweder zerschmettert wurden oder in Schneewüsten Hungers starben. Nur sehr wenige Menschen fanden die Kraft, zur Stadt zurückzukehren. Die sechs Magistralen (so hießen die elektrischen Bahnen), welche die Sternenstadt mit der Welt verbanden, waren untauglich geworden, die etwa 600000 Menschen zählende Einwohnerschaft der Stadt war von der ganzen übrigen Menschheit abgeschnitten. Einige Zeit hindurch verband sie nur noch der Telegraphendraht.

Am 24. Juni wurde der Verkehr auf der Stadtmetropolitaine eingestellt, da es an Beamten mangelte. Am 26. Juni wurde der Dienst am Stadttelephon eingestellt. Am 27. Juni wurden alle Apotheken außer der zentralen geschlossen. Am 1. Juli ordnete der Befehlshaber an, daß alle Einwohner in die Zentralteile der Stadt übersiedeln und die Peripherien verlassen müßten, damit die Aufrechterhaltung der Ordnung, sowie das Verteilen der Lebensmittel und die ärztliche Hilfeleistungen leichter vor sich gehen könnten. Die Leute verließen ihre Quartiere und bezogen fremde, von ihren Besitzern verlassene Wohnungen. Das Gefühl des Eigentums verschwand. Keinem tat es leid, das seine zu verlassen,

keinem kam es eigentümlich vor, fremdes zu benutzen. Übrigens fanden sich noch immer Marodeure und Räuber, die man schon eher als Psychopathen bezeichnen muß. Sie setzten ihr Plündern noch weiter fort und man findet gegenwärtig nicht selten in den leeren Sälen verlassener Häuser ganze Schätze von Gold und Kostbarkeiten, in deren Nähe der halbverfaulte Leichnam des Räubers liegt.