— Marco! Du mußt mich ja verachten. Ich bin gefallen. Du bist der Erste, den ich lieb gewann. Aber ich kann dir nicht mehr die Reinheit meines Körpers hingeben. Gegen meinen Willen hat man mich beschmutzt. Ich bin deiner unwürdig, obwohl ich mich nicht an dir versündigt habe. Ach, wäre ich dir in früherer Zeit begegnet, und hättest du als erster meine Brust gesehen, die kein Mann je zu berühren wagte! Dann gäbe es keine Liebkosung, die ich nicht in mir finden würde, um sie an dich mit aller Hingabe der Liebe und Leidenschaft zu verschwenden. Jetzt aber, Marco, laß mich, und wage es nicht, an mich als an ein Weib zu denken. Wenn es mir schon unmöglich ist, dir als Mitgift die einzige wirkliche Kostbarkeit, die ein Mädchen besitzt, ihren ehrlichen Namen, mitzubringen, so will ich auch nicht, daß du dich späterhin deiner Wahl schämen müßtest. Ich werde dich ewig lieben, doch du sollst nicht an mich denken. Aber so lange uns noch der gerechte Zorn des Herrn in dieser Hölle festhält, o, so lange erlaub mir zuweilen dein Gesicht anzusehen, damit ich die Versuchung überwinden kann, die Todsünde des Selbstmordes zu begehen. Sollte aber die Fürsprache
der reinen Jungfrau Maria uns die Freiheit wieder erwirken, so gedenke vielleicht zuweilen jener Seele, der du ewig als ein Leuchten erscheinen wirst. Ich aber werde in der Zelle des Klosters nicht ermüden, Gebete für dich emporzusenden.
Jedoch Marco entgegnete ihr:
— Julia! Du bist der lichte Engel über mir. Niemals noch, sei’s im Traum oder im Wachen, sah ich etwas, was schöner wäre, als dein Bildnis. Du ließest mich wieder an Gottes Barmherzigkeit und an den Duft seiner Paradiese glauben. Denn wenn dort, inmitten der hohen Lilien, solche Menschen sind, wie du, so verlohnt es sich schon, die Qualen auf der Erde zu erdulden. Der Gedanke an dich blendet mich mit blauem Feuer, wie der Blitz. Wenn deine Hände mich berühren, erbebe ich: es ist wie eine glühende, aber süße Kohle, Deine Stimme ist wie ein Vogellied auf der taufrischen Wiese, oder wie das Raunen einer leise schaumgekrönten Welle, nicht weit vom steinigen Ufer. Den Fleck zu küssen, den du berührst, ist meine höchste Bestrebung. Du bist unberührt und in deinem Wesen aller Sünden ledig; die Sünde ist unter dir und du bist immer über ihr, wie der kristallene Himmel immer über den Wolken ist. O, meine Herrin, laß nicht mich entbehren den Regenbogen deiner Blicke.
Da aber kniete Julia nieder und sagte zu ihm:
— Marco! Mein Geliebter! So nimmst du mich denn zur Frau?
Da aber kniete Marco nieder und sagte zu ihr:
— Mädchen! Vor dem Antlitz Gottes des Herren, der alles sieht, nehme ich dich zum Weibe, verlobe mich mit dir und vereinige uns in einem Bunde, den kein Mensch jemals die Macht hat, aufzulösen.
Und so vereinte sie die Ehe, nachts, während alle schliefen und nur die beiden auf den Knien voreinander lagen.