Die christlichen Herrscher konnten den Gedanken natürlich nicht ruhig ertragen, die Ungläubigen in einem Lande

zu wissen, in dem sonst der Stellvertreter Christi sich beständig aufhielt. Alfons, der Herzog von Calabrien und Sohn des damaligen Königs von Neapel, berief, um die Türken aus Italien zu verjagen und Otranto wieder mit Neapel zu vereinigen, ein gewaltiges Heer. Papst Sixtus IV. ließ kirchliche Geräte einschmelzen und zu Münzen umprägen, bemannte 15 Galeeren und sandte sie Alfons zu Hilfe. Ein Gleiches taten die Arragonier und Ungarn.

Die ausgezeichnete Tapferkeit der Christen brach den Widerstand der Ungläubigen, denen außerdem der Mut entfiel, als sie vom Tode ihres Sultans Mahomed hörten, der sein ungestümes Leben im Mai des Jahres 1481 beschloß. Die Muselmänner flohen aus Italien und aufs neue nahmen die Neapolitaner die wohledle Stadt Otranto ein.

Inmitten der Befehlshaber des christlichen Heeres befand sich auch Pietro, der Bruder des unglücklichen Fernando Largo, und er beeilte sich, den Aufenthaltsort seiner Nichte auszukundschaften. Man führte Julia aus ihrem Verließ. Sie vermochte kaum, auf ihren geschwächten Füßen zu stehen und unerträglich blendete sie das Licht der Sonne. Jene aber, die ihre Blässe und Magerkeit sahen, konnten sich kaum der Tränen enthalten. Flinke Dienerinnen badeten sie in wohlriechendem Wasser, kämmten ihre Haare, und kleideten sie in leichtes feines Linnen.

Julia war wie von Sinnen, und gab kaum auf die vielerlei Fragen Antwort. Am Tage nach ihrer Befreiung befiel sie eine schwere Krankheit, und mehrere Wochen hindurch war sie dem Tode nahe. Im Fieberwahne kam es ihr vor, als ob sie schon tot sei und zu ewigen Qualen im Fegefeuer verurteilt wäre, und als ob die Teufel auf jede nur denkbare Weise ihren Körper zu peinigen und schänden bestrebt wären. Sie erkannte keinen ihrer Verwandten und alle ihr sich Nähernden flößten ihr Entsetzen und Abscheu ein.

Als sie dank der ärztlichen Kunst und der Fürsorge ihrer Verwandten sich langsam zu erholen begann, schien es ihr, als wäre all das Vergangene, jenes furchtbare Jahr, das sie im unterirdischen Kerker zubrachte, nur eine Erscheinung

ihrer Fieberträume. Niemand versuchte es, von den Monaten ihrer Gefangenschaft zu sprechen, und sie selbst bemühte sich, bei ihnen nicht einmal im Gedanken zu verweilen.

10.

Nach ihrer endgültigen Wiederherstellung reiste Julia nach Neapel und wohnte dort bei einem ihrer Onkel. Der heute bereits entschlafene König Fernando gab ihr im Angedenken des Märtyrertodes ihres pflichtgetreuen Vaters eine jährliche Rente von tausend Dukaten. Außerdem gingen als ihr Erbe alle Schlösser und Länder ihres Vaters in vollem Bestande an sie über. Die Schönheit Juliens erblühte in solcher Pracht wie nie zuvor. Auf den Hoffesten setzte sie alle in Verwunderung, und, da sie reich war, so fehlte es ihr nicht an jungen, artigen und hochgeborenen Männern, die sich um ihre Hand bewarben.

Einstmals ging Julia am Hafen, wo die neuen bemerkenswerten Gebäude errichtet waren, mit ihren Dienerinnen spazieren. Plötzlich bemerkte sie in einem kleinen Haufen von Fischern, die an einem Boote standen, den Marco. Er war ganz wie ein Seemann angezogen, trug eine Jacke mit Posamenten und eine rote phrygische Mütze.