— Die neue Regierung spricht umsonst mit uns diese lügnerische Sprache. Uns ist es schon bekannt, daß wir alle vom Geheimen Gericht zur Hinrichtung verurteilt sind. Wir wissen, daß unser heiliger Glauben von euch schon von vornherein als unsittliche Sekte gebrandmarkt ist. Aber wir erkennen eure Gewalt und euer Gericht nicht an. Wir stehen auf jenen Höhen der Erkenntnis, die ihr niemals erreichtet, und darum ist es nicht an euch, uns zu richten. Wenn ihr nur ein wenig bekannt seid mit dem Kulturleben eurer Heimat, so seht die hier Versammelten an. Wer sind diese? Die Blüte unserer Zeit: eure Poeten, Künstler, Denker. Wir sind der Ausdruck, wir, die Stimme jenes Lautlosen, Ewigstummen, das sich aus Einsen gleich euch zusammensetzt. Ihr seid die Finsternis; wir, das aus ihr sich gebärende Licht. Ihr, die Möglichkeit des Lebens; wir — das Leben. Ihr seid der Boden, der not und nützlich ist nur dazu, daß aus ihm wachsen könnten Stengel und Blüten — also wir. Ihr verlangt, wir sollen uns in unsere Häuser begeben und dort eure Dekrete erwarten. Wir verlangen, daß ihr auf den Händen uns zum Palais trüget und auf den Knien liegend unseren Willen entgegennähmet.
Du kennst ja den Theodosius. Kennst alle seine Fehler: seine Heuchelei und Kleinmütigkeit, seine kleinliche Ruhmsucht.
Doch dieses Mal, seine letzte Predigt sprechend, war er wirklich groß und schön. Er war wie ein biblischer Prophet, sprechend zu aufrührerischem Volke, oder wie ein Apostel erster Christenzeit, irgendwo in den Katakomben des Kolosseums, inmitten Scharen von Märtyrern, die gleich in die Arena hinausgeführt werden, den Raubtieren zum Zerfleischen.
Und dieses antwortete der Abgesandte dem Theodosius:
— Umso besser, wenn ihr euer Los schon kennt. Tausendjährige Versuche zeigten uns, daß morschen Seelen kein Platz im neuen Leben sei. Sie waren eine tote Kraft, die bisher all unsere Siege verhinderte. Nun, am Tage der großen Umgestaltung der Welt, entschlossen wir uns zu einem unumgänglichen Opfer. Wir wollen all die Toten, all die zur Neugeburt unfähigen von unserem Körper abhauen, wenn auch mit gleichem Schmerze, so doch auch mit gleicher Unerbittlichkeit, mit der man einen kranken Körperteil abschneidet. Und warum rühmt ihr euch, daß ihr Poeten und Denker wäret! In uns ist genug Kraft um ein ganzes Geschlecht von Weisen und Künstlern zu gebären, wie sie die Erde noch nie gesehen, wie ihr sie auch nicht einmal zu ahnen vermöget. Nur der fürchtet zu verlieren, in dem keine Kraft ist zu schaffen. Wir sind die schöpferische Kraft. Wir brauchen nichts Altes. Wir sagen uns von jedem Erbe los, weil wir uns unsere Schätze selbst schmieden wollen. Ihr seid das Vergangene, wir, das Künftige, aber das Gegenwärtige, das ist das Schwert in unseren Händen!
Lärm erhob sich. Alle sprachen gleichzeitig. Ich mußte schreien:
— Ja! Barbaren seid ihr, die keine Vorfahren haben. Ihr verachtet die Kultur der Jahrhunderte, weil ihr sie nicht begreift. Ihr rühmt eure Zukunft, weil ihr geistig arm seid. Ihr seid eine Kugel, die schamlos den Marmor des Altertums zerschlägt!
Der Abgesandte des Milizstabes sagte zuletzt in offiziellem Tone:
— Im Namen der zeitweiligen Regierung geb ich euch Zeit bis zum heutigen Mittag. In dieser Zeit habt ihr die Pforten eures Domes zu öffnen und euch in unsere Hände zu geben. Nur so werdet ihr hunderte von Leuten, die ihr durch Trug und Verführung an euch zogt, vor unnützem Tode bewahren. Das ist alles.
— Und wenn wir nicht gehorchen? fragte Lycius.