Ich zweifle nicht an meinem Siege, nein, nein! Ich weiß, daß ich Ich bin. Doch sobald ich an jene denke, die jetzt in meinem Spiegel eingeschlossen ist, so erfüllt mich eine seltsame Ungewißheit: wie, wenn mein wirkliches Ich dort wäre? Dann würde ich selbst, ich, die dieses hier denkt, ich, die dieses hier schreibt, ein Schatten sein, eine Erscheinung, ein Spiegelbild. In mich strömten nur die Erinnerungen, Gedanken und Gefühle jener über, die mein anderes Ich ist, mein wirkliches. Und tatsächlich wäre ich noch immer im Nichtsein der Spiegeltiefe, würde mich quälen, würde ermatten, sterben. Ich weiß, o, ich weiß es fast genau, daß dieses nicht wahr ist. Doch um die letzten Wolken des Zweifels zu zerstreuen, muß ich wieder, nur noch einmal, das letztemal in jenen Spiegel schauen. Noch einmal muß ich in ihn sehen, um mich zu überzeugen, daß dort die Usurpatorin ist, mein Feind, der meine Rolle während einiger Monate spielte. Ich werde dies sehen, und alle Bedrücktheit meiner Seele wird weichen, und ich werde wieder sorgenlos klar und glücklich sein. Wo ist dieser Spiegel, wo werde ich ihn finden? Ich muß, o, ich muß noch einmal hineinschauen, schauen in seine Tiefe! . . .

Das Köpfchen aus Marmor

Erzählung eines Landstreichers

Man verurteilte ihn wegen Diebstahls zu einem Jahr Gefängnishaft. Mich intrigierten das Benehmen des Alten vor dem Gerichte, wie auch die eigenen Umstände des Verbrechens. Ich erreichte eine Zusammenkunft mit dem Verurteilten. Anfangs hatte er eine gewisse Scheu vor mir, schwieg, dann aber erzählte er mir doch sein Leben.

— Sie haben Recht, begann er, ich sah einst bessere Tage, war nicht immer ein Herumtreiber, schlief nicht immer in den Nachtasylen. Ich genoß eine ganz gute Erziehung, ich wurde ein Techniker. Als ich jung war, da hatte ich schon Geld, lebte geräuschvoll: jeden Tag irgend eine Abendgesellschaft, ein Ball, und alles endete immer mit einem Saufgelage. An diese Zeit erinnere ich mich gut, selbst an Kleinigkeiten. Aber in meinen Erinnerungen ist eine Lücke und um sie auszufüllen, würde ich den ganzen Rest meiner lumpigen Tage hingeben: nämlich alles, was in Bezug zu Nina steht.

Sie hieß Nina, gnädiger Herr, ich bin davon überzeugt, daß sie Nina hieß. Sie war mit einem armen Eisenbahnbeamten verheiratet. Sie waren arm. Aber wie verstand sie es, in dieser kläglichen Atmosphäre vornehm zu sein und so besonders fein! Sie kochte selbst, aber ihre Hände waren wie gemeißelt. Aus ihren billigen Fetzen nähte sie sich wundervolle Träume. Ja und auch alles alltägliche, das mit ihr in Berührung kam, wurde so ungewöhnlich, so phantastisch. Ich selbst wurde unter ihrem Einfluß ein anderer, besserer, schüttelte von mir wie Regentropfen alle Gemeinheit des Lebens ab.

Gott verzeih ihr die Sünde, daß sie mich liebte. Rings war alles so ungeschliffen, daß sie mich lieben mußte, mich, den jungen, hübschen, der so viel Verse auswendig konnte. Doch wo ich mit ihr bekannt wurde und wie, dessen kann ich mich schon nicht mehr entsinnen. Aus dem Dunkel reißen sich einige Bilder. Wir sind im Theater. Sie ist glücklich und lustig (o, wie selten das bei ihr vorkam!), trinkt sozusagen jedes Wort des Schauspieles, lächelt mir zu . . . O, dies Lächeln kenn ich noch. Dann sind wir irgend

wo zu zweien. Sie neigt den Kopf und sagt mir: „Ich weiß, du, mein Glück, wirst nicht lange bei mir verweilen; sei es immerhin, ich habe doch gelebt.“ O diese Worte kenn ich noch. Doch was gleich danach war, — und ist dies mit Nina überhaupt wahr? Ich weiß nicht.

Natürlich verließ ich sie. Mir erschien das so selbstverständlich. Vor mir lag eine glänzende Zukunft und ich konnte mich durch irgend eine romantische Liebe nicht binden lassen. Es war mir schmerzlich, sehr schmerzlich, aber ich bekämpfte das und sah darin sogar eine Tat, daß ich dieses Weh überstand. Ich hörte, daß Nina rasch darauf mit ihrem Mann nach dem Süden gereist sei und bald gestorben. Doch Erinnerungen und Gespräche von ihr peinigten mich damals so sehr, daß ich alle Nachrichten vermied. Ich bemühte mich, nicht an Nina zu denken. Weder ihr Porträt noch ihre Briefe hatte ich mehr und nichts erinnerte mich an sie. Und natürlich vergaß ich dann auch ihr Gesicht, ihren Namen, unsere ganze Liebe, begreifen Sie bitte, vergaß alles. Sie verschwand aus meinem Leben, als wäre sie nie darin gewesen. Und es ist etwas Schmähliches für einen Menschen, so zu vergessen.