Sieges spüren. Und da ich das vergehende Opfer spielte, reizte ich in ihr alle geheimen Henkerinstinkte. Sie fiel auf dieses Lockmittel herein. Das Spiel mit mir lockte sie. Indem sie immer neue Martern für mich ersann, verschwendete sie ihre Phantasie. Sie erfand tausend Listen, um mir immer und immer noch einmal zu beweisen, daß ich nur eine Erscheinung wäre, und daß ich kein eigenes Leben mehr hätte. Bald spielte sie vor mir auf dem Klavier und quälte mich mit der Tonlosigkeit meiner Welt. Bald saß sie vor meinem Spiegel, trank langsam meine geliebten Liköre und zwang mich, so zu tun, als würde auch ich trinken. Bald endlich führte sie in mein Boudoir Menschen, die ich verachtete, erlaubte ihnen vor meinen Augen ihren Körper zu küssen, und überließ es dabei ihnen, zu denken, daß sie mich küßten. Und wenn sie dann mit mir allein war, lachte sie mit bösem und triumphierenden Lachen. Doch dieses Lachen verletzte mich nicht mehr; seine Schärfe trug eine Süßigkeit: meine kommende Rache!

In den Stunden, wenn sie mich kränkte, zwang ich meine Gegnerin unmerklich, mir in die Augen zu sehen, begann ich allmählich, ihren Blick zu beherrschen. Bald lag es schon in meiner Gewalt, ihre Lider zu heben oder zu senken, diese oder jene Bewegung ihres Gesichtes hervorzurufen. Und schon begann ich, zu triumphieren, wenn ich auch dieses unter der Maske des Leides verbarg. Meine seelischen Kräfte wuchsen, und ich erkühnte mich, meinem Feinde zu befehlen: heute wirst du dieses tun, heute wirst du dorthin fahren, morgen wirst du zu mir um diese Zeit kommen. Und sie führte es aus! Ich verwickelte ihre Seele in das Netz meiner Wünsche, spann einen festen Faden, mit dem ich ihren Willen hielt und wenn ich meine Erfolge bemerkte, triumphierte ich insgeheim. Als sie dann einmal in den Stunden ihres Lachens auf meinen Lippen plötzlich das siegessichere Lächeln bemerkte, war es schon zu spät. Sie lief damals in heller Wut aus dem Zimmer, doch während ich wieder in den Schlaf meines Nichtseins zurückfiel, wußte ich doch, daß sie morgen wiederkehren würde, wußte, daß sie

mir gehorchen würde! Und der Jubel des Sieges schwebte über meiner willenlosen Schwäche, zerschnitt das Dunkel meines Halbtodes als regenbogenfarbener Fächer.

Sie kehrte zurück! In Zorn und Furcht kehrte sie zu mir zurück, schrie mich an und drohte mir. Ich aber erteilte ihr Befehle. Und sie mußte mir gehorchen. Es war wie das Spiel der Katze mit der Maus. Zu beliebiger Stunde konnte ich sie wieder in die Spiegeltiefe stürzen, selbst aber hinaustreten in die tönende und feste Wirklichkeit. Sie wußte, daß dieses von meinem Willen abhinge, und dieses Bewußtsein quälte sie zweifach. Doch ich zauderte. Es war mir angenehm, zu Zeiten im Nichtsein zu sein. Es war mir angenehm, mich mit der Möglichkeit zu berauschen. Endlich (und dieses ist gewiß merkwürdig) erwachte in mir das Mitleid mit meiner Gegnerin; die mein Feind war, mein Henker. Allein es war in ihr etwas von mir und es war mir furchtbar, sie so aus der Klarheit des Lebens hinauszureißen und sie in einen Schatten zu verwandeln. Ich schwankte und wagte es nicht, verlängerte die Frist von Tag zu Tag und wußte eigentlich selbst nicht, was ich wollte und was mich erschreckte.

Und plötzlich, an einem hellen Frühlingstage, traten in das Boudoir Menschen mit Brettern und Beilen. Ich war unlebendig, ich lag in einer süßen Erstarrung, aber wenn ich auch nichts sah, so begriff ich doch, daß sie hier wären. Die Leute begannen in der Nähe des Spiegels, der mir zum Weltall geworden war, sich zu beschäftigen. Und eine nach der anderen erwachten die Seelen, die mit mir den Spiegel bewohnten, und nahmen den Körper der Erscheinung, die Form des Spiegelbildes an. Furchtbare Unruhe erregte meine träumende Seele. Im Vorgefühle des Entsetzens, im Vorgefühle des schon nicht mehr gutzumachenden Verderbens sammelte ich all die Macht meines Willens. Welche Anstrengung kostete es mich, mit der Entrücktheit eines halben Seins zu kämpfen. So kämpfen lebendige Leute manchmal mit einem Alpdrücken, wenn sie sich aus seinen quälenden Ketten zur Wirklichkeit befreien wollen.

Ich konzentrierte alle Kräfte der Suggestion in den Ruf, den ich ihr, meiner Gegnerin, zurief: „komm her!“ Ich hypnotiserte und magnetisierte sie mit der ganzen Anstrengung meines träumenden Willens. Und ich hatte so wenig Zeit. Schon bewegte sich der Spiegel. Schon hatte man vor, ihn in das Brettergrab zu legen, um ihn fortzuführen: wohin, das war mir unbekannt. Und so in letztem tödlichem Triebe rief ich wieder und wieder: „komm! . . .“ Und plötzlich fühlte ich, daß ich lebendig wurde. Sie, mein Feind, öffnete die Thüre; und bleich und halbtot kam sie mir entgegen, gehorchte sie meinem Rufe, wenn auch mit Schritten, die sich sträubten, als würde sie zum Richtplatz gehen. Mit meinen Augen umschloß ich ihre Augen, fesselte ihren Blick mit meinem Blicke und dann wußte ich, daß ich siegen würde.

Ich zwang sie, die Leute aus dem Zimmer hinauszuschicken. Sie gehorchte und machte nicht einmal den Versuch, sich zu widersetzen. Und wieder waren wir allein. Ich durfte nicht länger zögern. Außerdem konnte ich ihr ihre Tücke nicht verzeihen. Mitleidlos befahl ich ihr, mir entgegenzugehen. Ein Stöhnen der Qual entrang sich ihren Lippen, ihre Augen erweiterten sich wie vor einem Gespenste, doch sie kam, taumelte, fiel, — sie kam. Und auch ich ging ihr entgegen, mit Lippen, welche der Triumph verzog, mit Augen, welche die Freude weit geöffnet hatte, und mit Schritten, die vor trunkenem Jubel taumelten. Und wieder berührten sich unsere Hände, wieder näherten sich unsere Lippen und wir stürzten eine in die andere, verbrannt vom unnennbaren Schmerze der neuen Verkörperung. Und schon nach einem Augenblick stand ich vor dem Spiegel, meine Brust füllte sich mit Luft und ich schrie laut und sieghaft auf und fiel hin, fiel vor dem Trumeau nieder vor Ermattung.

Mein Gatte, die Menschen liefen in das Zimmer. Ich konnte nur sagen, daß man meinen früheren Befehl ausführen möge, diesen Spiegel ganz und für immer aus dem Hause fortzutragen. Dann verlor ich das Bewußtsein.

Man legte mich ins Bett. Man berief einen Arzt. Ich bekam nach all dem Erlebten ein Nervenfieber. Meine

Verwandten hielten mich schon lange für krank und unnormal. Im ersten Jubel war ich so unvorsichtig, ihnen alles, was mit mir geschehen war, zu erzählen. Meine Erzählung bestärkte nur ihren Verdacht. Man führte mich in ein psychiatrisches Krankenhaus über, in dem ich mich auch jetzt noch befinde. Ich bin davon überzeugt, daß mein ganzes Wesen noch immer tief erschüttert ist. Doch ich darf nicht lange hier bleiben. Mir blieb noch eine Sache, eine Aufgabe, die ich bald schon ausführen muß.