Allein bald schon fühlte ich, daß meine Gegnerin stärker war als ich. Mit jeder neuen Begegnung konzentrierte sich in ihrem Blicke eine immer größer und größer werdende Gewalt über mich. Allmählich verlor ich denn auch die Möglichkeit, sie einen Tag hindurch ganz zu fliehen. Sie befahl mir täglich, mehrere Stunden vor ihr zu verbringen. Sie beherrschte meinen Willen, wie der Magnetiseur den Willen der Somnambule. Sie teilte mein Leben ein, wie die Herrin das Leben der Sklavin. Alles, was sie verlangte, mußte ich ausführen, und ich wurde zum Automaten ihrer schweigenden Befehle. Ich wußte, daß sie bedacht und vorsichtig, aber auf sicherem Wege mich zum Verderben führe, doch ich wehrte mich nicht mehr. Ich erriet ihren geheimen Plan: mich in die Welt der Spiegel zu bannen und selbst in unsere Welt hinauszutreten, doch schon hatte ich keine Kraft mehr, sie zu hindern. Mein Mann, meine Verwandten sahen, daß ich ganze Stunden, ganze Tage, ganze Nächte vor dem Spiegel verbrachte; sie hielten mich für verrückt und wollten mich heilen. Ich aber wagte es nicht, ihnen die Wahrheit zu enthüllen, es war mir verboten, ihnen die ganze furchtbare Wahrheit zu sagen, das ganze Entsetzen, dem ich entgegenging.
Einer jener Dezembertage vor den Feiertagen war der Tag meines Verderbens. Ich erinnere mich noch an alles, völlig klar, völlig genau bis in die Einzelheiten: in meiner Erinnerung hat sich nichts verwischt. Wie gewöhnlich betrat
ich schon früh mein Boudoir, noch bevor es düster wurde. Vor den Spiegel stellte ich einen weichen Sessel ohne Rücklehne, setzte mich, und gab mich ihr hin. Ohne zu zögern, erschien sie auf meinen Ruf, rückte gleichfalls einen Sessel heran, setzte sich und begann mich anzusehen. Dunkle Vorahnungen quälten meine Seele, aber ich hatte nicht die Macht, mein Gesicht zu senken und mußte den frechen Blick meiner Gegnerin in mir aufnehmen. Die Stunden vergingen, und es wurde finster. Keine von uns beiden zündete Licht an. Leise nur glänzte in der Dunkelheit das Glas. Und schon war kaum mehr etwas zu sehen, nur die siegessicheren Augen sahen mich mit der alten Kraft an. Ich fühlte weder Zorn noch Entsetzen, wie an anderen Tagen, nur eine unstillbare Trauer und die bittere Erkenntnis, daß ich ganz in der Gewalt der anderen wäre. Die Zeit floß hin, und ich schwamm mit ihr in die Unendlichkeit, in den schwarzen Raum der Schwäche und Willenslosigkeit.
Plötzlich stand sie, die Wiedergespiegelte, von ihrem Sessel auf. Vor dieser Beleidigung erbebte ich. Doch etwas Unbesiegbares, etwas von außen her mich Zwingendes hieß auch mich aufstehen. Und die Frau im Spiegel trat einen Schritt vor. Ich gleichfalls. Und die Frau im Spiegel streckte ihre Hände aus. Ich gleichfalls. Mit ihren hypnotisierenden und befehlenden Augen sah sie mir gerade ins Gesicht und bewegte sich vorwärts, und ich schritt ihr entgegen. Und merkwürdig: trotz all des Entsetzens meiner Lage, trotz all meines Hasses auf meine Gegnerin zitterte irgendwo in den Tiefen meiner Seele der seltsame Trost und die versteckte Freude, daß ich nun endlich in jene geheimnisvolle Welt, zu der ich seit der Kindheit mich hingezogen fühlte, und die mir bis heute verschlossen blieb, hineintreten würde. In einigen Augenblicken wußte ich nicht einmal, wer eigentlich den anderen zu sich zöge: sie mich oder ich sie; verlangte sie nach meinem Platz, oder hatte ich diesen Kampf mir nur erdacht, um sie zu verdrängen.
Doch als meine Hände beim Vorwärtsbewegen am Spiegel ihre Hände berührten, erstarb ich förmlich vor Abscheu.
Aber sie faßte mich gewaltig an den Händen und zog mich krampfhaft zu sich. Meine Hände versanken im Glase, als wie in feurigkühlem Wasser. Die Kälte des Glases drang unter furchtbaren Schmerzen in meinen Körper, als ob alle Atome meines Wesens ihr gegenseitiges Verhältnis veränderten. Und schon nach einem Augenblicke berührte mein Gesicht das Gesicht meiner Gegnerin, sahen meine Augen die ihren ganz vor sich, verschmolz ich mit ihr in einem ungeheuerlichen Kusse. Alles verschwand vor diesem quälenden Leiden, dem nichts vergleichbar ist, und aus dieser Ohnmacht erwachend, sah ich vor mir mein Boudoir, auf das ich aus dem Spiegel hinabschaute. Meine Nebenbuhlerin stand vor mir und lachte. Und ich, — o Grausamkeit! — ich, die vor Qual und Erniedrigung erstarb, ich mußte gleichfalls lachen, alle ihre Grimassen wiederholen, ihr triumphierendes und helles Lachen. Und, ehe ich noch meinen Zustand ganz erfassen konnte, drehte sich meine Nebenbuhlerin plötzlich um, schritt zur Türe, verschwand vor meinen Augen und dann befiehl mich die Erstarrung des Nichtseins.
Darnach begann mein Leben als Spiegelbild. Ein seltsames halbbewußtes, wenn auch heimlich süßes Leben. Wir waren viele in diesem Spiegel, dunkle Seelen voll träumender Erkenntnisse. Wir konnten miteinander nicht sprechen, fühlten aber unsere Nähe und liebten einander. Wir sahen nichts, wir hörten nur unklar, und unser Sein war wie eine Ermattung in der Unmöglichkeit, zu atmen. Und nur wenn ein Wesen aus der Menschenwelt an den Spiegel herantrat, konnten wir, die wir plötzlich sein Bildnis annehmen mußten, in die Welt sehen, die Stimmen unterscheiden, mit voller Brust atmen. Ich denke, daß das Leben der Toten ähnlich sein müßte, ein unklares Bewußtsein des eigenen Ich, dunkle Erinnerung an das Frühere und das peinigende Verlangen, wenn auch nur auf einen Augenblick, wieder Gestalt zu gewinnen, zu sehen, zu hören, zu sprechen . . . Und jeder von uns hegte und pflegte den verheißenen Traum, sich zu befreien, einen neuen Körper zu finden und wieder der Welt der Beständigkeit und Unerregtheit anzugehören.
Die ersten Tage fühlte ich mich in meiner neuen Lage sehr unglücklich. Ich wußte und verstand noch nichts. Gehorsam und sinnlos nahm ich das Bildnis meiner Gegnerin an, wenn sie sich dem Spiegel näherte um mich zu verhöhnen. Und sie tat das ziemlich oft. Es bereitete ihr ein großes Vergnügen, vor mir mit ihrer Lebendigkeit und ihrer Realität zu kokettieren. Sie setzte sich und auch ich mußte mich setzen, sie stand auf und triumphierte, da sie sah, daß auch ich aufstand, breitete die Arme aus, tanzte, zwang mich, ihre Bewegungen zu verdoppeln und lachte, lachte, damit auch ich lachen müßte. Sie schrie mir Beleidigungen ins Gesicht, und ich konnte ihr nicht antworten. Sie drohte mir mit der Faust und verspottete meine unbedingte Wiederholungsgeste. Und mit einem Stoße drehte sie dann plötzlich den Spiegel um seine Achse und mit einem Schwunge stürzte sie mich in das Nichtsein.
Allein die Beleidigungen und Erniedrigungen erweckten in mir allmählich die Erkenntnis. Ich begriff, daß meine Gegnerin jetzt mein Leben lebe, meine Toiletten gebrauche, die Frau meines Mannes sei und in der Welt meinen Platz einnehme. Das Gefühl des Hasses und das Verlangen nach Rache wuchsen in meiner Seele wie zwei feurige Blumen auf. Ich begann, mich bitter zu schmähen, weil ich aus Schwäche oder aus verbrecherischer Neugierde ihr die Möglichkeit gab, mich zu besiegen. Ich war überzeugt, daß diese Abenteurerin niemals über mich hätte triumphieren können, wenn ich ihr nicht selbst in ihren Listen geholfen hätte. Und nachdem ich mich ein wenig mit den Bedingungen meines neuen Seins bekannt gemacht hatte, entschloß ich mich, mit ihr in denselben Kampf zu treten, den sie mit mir geführt hatte. Wenn sie, der Schatten, es verstanden hatte, meinen Platz als wirkliche Frau einzunehmen, war denn ich, der Mensch, der nur zeitweilig zum Schatten wurde, nicht stärker als diese Erscheinung?
Ich begann mit einem Umwege. Anfangs stellte ich mich, als quälte mich der Hohn meiner Gegnerin immer unerträglicher. Ich ließ sie absichtlich alle Süßigkeit des