Mich lockte auch jene Erscheinung, die immer, wenn ich an den Spiegel herantrat, vor mir erschien und mein Wesen seltsam verdoppelte. Ich bemühte mich, zu erraten, wodurch jene (die andere Frau) sich von mir unterscheide, und, wie es sein könne, daß ihre rechte Hand meine linke sei und daß alle Finger dieser Hand umgestellt wären, obgleich auf einem von ihnen sich eben mein Verlobungsring befand. Meine Gedanken begannen sich zu verwirren, kaum daß ich in dieses Rätsel eindringen wollte, um es zu lösen. In dieser Welt, wo man sich an alles herantasten kann und wo Stimmen und Töne sind, da lebte ich, die Wirkliche; aber in jener Spiegelwelt, die man nur sehen kann, lebte sie, die Erscheinung. Sie war fast wie ich und doch nicht völlig ich; sie wiederholte alle meine Bewegungen, und doch fiel nicht

eine dieser Bewegungen mit dem zusammen, was ich tat. Jene (die andere) wußte, was ich nicht erraten konnte, verfügte über jenes Geheimnis, das auf ewig meinem Verstande verborgen war.

Doch ich bemerkte, daß jeder Spiegel seine eigene Welt hätte, seine ihm eigentümliche. Man stelle auf ein und denselben Ort nacheinander zwei Spiegel, und es werden zwei verschiedene Welten entstehen. Und in verschiedenen Spiegeln erstanden verschiedene Erscheinungen vor mir, die alle mir ähnlich sahen und doch niemals miteinander identisch waren. In meinem kleinen Handspiegel lebte ein naives Mädchen, dessen klare Augen mich an meine früheste Jugend erinnerten. Im runden Boudoirspiegel verbarg sich ein schamloses, freies, schönes, kühnes Weib, das alle die verschiedenen Süßigkeiten der Liebkosungen erfahren hatte. In der viereckigen Spiegeltüre des Schrankes wuchs immer eine strenge, machtvolle, kalte Figur auf mit unerbittlichen Blicken. Ich kannte noch andere Doppelgänger von mir, in meinem Trumeau, in dem zusammenlegbaren, vergoldeten Triptychon, im Hängespiegel mit dem eichenen Rahmen, in dem Halsspiegelchen und in vielen und vielen, die ich bewahrte. All den Wesen, die sich in ihnen verbargen, gab ich Grund und Möglichkeit, zu erscheinen. Nach den seltsamen Gesetzen ihrer Welten mußten sie immer das Bildnis dessen annehmen, der sich vor das Glas stellte. Doch sie bewahrten in dieser angenommenen Äußerlichkeit ihre nur ihnen eigentümlichen Züge.

Es gab Spiegelwelten, die ich liebte; es gab aber auch solche, die ich haßte. Ich liebte es, mich in einige von ihnen auf ganze Stunden zu vertiefen und mich in ihren lockenden Räumen zu verlieren. Andere wiederum vermied ich. Heimlich liebte ich nicht alle meine Doppelgänger. Ich wußte, daß alle mir feindlich gesinnt wären, schon weil sie mein von ihnen gehaßtes Bildnis annehmen mußten. Doch einige der Spiegelfrauen bemitleidete ich, verzieh ihnen ihren Haß und verhielt mich zu ihnen fast freundschaftlich. Es gab aber auch solche, die ich verachtete, deren kraftlose Wut ich zu

verlachen liebte, die ich mit meiner Selbständigkeit neckte, und mit der Macht, die mir über sie zustand, quälte. Dagegen gab es auch solche, die stärker als ich waren und sich erkühnten, ihrerseits über mich zu lachen und mir Befehle zu erteilen. Ich beeilte mich, von den Spiegeln, in denen diese Frauen lebten, freizukommen, sah sie nicht an, versteckte, verschenkte und zerschlug sie sogar bisweilen. Doch nach jedem Zerschlagen eines Spiegels mußte ich tagelang weinen, weil ich erkannte, daß ich ein Weltall vernichtet hatte. Und die vorwurfsvollen Gesichter einer vernichteten Welt sahen mich aus den Splittern drohend an.

Den für mich schicksalsvoll gewordenen Spiegel kaufte ich im Herbst auf irgend einem Ausverkaufe. Es war ein großes Trumeau, das sich in Scharnieren bewegte. Es überraschte mich durch die ungemeine Klarheit der Wiedergabe. Seine gespenstische Wirklichkeit veränderte sich bei der geringsten Verschiebung des Spiegels, aber sie war immer selbstständig und schrankenlos lebendig. Als ich während des Ausverkaufs das Trumeau besah, schaute die Frau, die mich in ihm vorstellte, mir mit einer hochmütigen Herausforderung in die Augen. Ich wollte ihr nicht nachgeben, ihr nicht zeigen, daß sie mich erschreckt hätte, kaufte darum das Trumeau und ließ es in mein Boudoir stellen. Als ich in meinem Zimmer allein war, trat ich sofort an den neuen Spiegel heran und heftete meine Augen in die meiner Gegnerin. Doch sie tat dasselbe und so voreinander stehend, begannen wir, wie Schlangen einander mit den Blicken zu durchbohren. In ihrer Iris spiegelte ich mich und sie sich in der meinen. Mein Herz erstarrte und mein Kopf begann sich vor diesem starren Blicke zu drehen. Durch eine Willensanstrengung riß ich endlich meine Augen von den fremden Augen, stieß mit dem Fuß an den Spiegel, so daß er zu schaukeln begann und sich das Bildnis meiner Gegnerin kläglich verzerrte, und verließ das Zimmer.

Seit jener Stunde begann unser Kampf. Am Abend des ersten Tages dieser Begegnung wagte ich nicht, mich dem neuen Trumeau zu nähern; ich war mit meinem Manne im

Theater, ich lachte übermäßig, und man hielt mich für sehr lustig. Am andern Tage, im klaren Lichte eines Septembermorgens, betrat ich kühn mein Boudoir und setzte mich absichtlich gerade vor den Spiegel. Im selben Augenblick trat auch jene, die andere, in die Türe, kam mir entgegen, durchschritt das Zimmer und setzte sich mir gegenüber hin. Unsere Augen begegneten sich. Ich las in ihren Augen den Haß auf mich, sie in den meinen den auf sie. Unser zweiter Zweikampf begann, ein Zweikampf der Augen, zweier unerbittlicher Blicke, die befehlend waren, drohend, hypnotisierend. Jede von uns bemühte sich, den Willen ihrer Gegnerin zu besiegen, ihren Widerstand zu zerbrechen und sie ihrem Verlangen Untertan zu machen. Und es müßte furchtbar sein, so von der Seite zwei Frauen zu sehen, die einander regungslos gegenübersitzen, vom magischen Einfluß der Blicke gefesselt sind, und vor psychischer Anspannung das Bewußtsein verlieren . . . Plötzlich rief man mich. Der Zauber schwand. Ich stand auf und ging hinaus.

Nun wiederholten sich unsere Zweikämpfe jeden Tag. Ich begriff, daß diese Abenteurerin absichtlich in mein Haus eingedrungen war, um mich zu verderben, und um in unserer Welt meinen Platz einzunehmen. Doch schon war ich zu schwach, um diesem Kampfe zu entsagen. In dieser Rivalität lag für mich eine geheime Trunkenheit. Und schon in der Möglichkeit einer Niederlage versteckte sich eine süße Versuchung. Zuweilen zwang ich mich ganze Tage hindurch, nicht an das Trumeau heranzugehen, beschäftigte mich mit anderen Dingen, zerstreute mich, doch in der Tiefe meiner Seele blieb immer das Bild meiner Gegnerin, die meine Rückkehr zu ihr geduldig und siegessicher erwartete. Und ich kehrte zurück, und sie trat vor mich hin, noch triumphierender als früher, durchbohrte mich mit dem siegessicheren Blicke und nagelte mich vor sich an meinen Platz. Mein Herz blieb stehen, und in kraftloser Wut fühlte ich mich in der Gewalt dieses Blickes. Zuweilen, wenn ich nicht mit ihr war, kams mir in den Kopf, mein Haus zu fliehen, in eine andere Stadt zu fahren, um mich vor meinem Feinde

zu verbergen, doch sogleich begriff ich dann, daß dies unmöglich wäre, daß ich dennoch, gehorsam der lockenden Kraft des feindlichen Blickes, hierher zurückkehren müßte, in dieses Zimmer, zu meinem Spiegel. Zuweilen wollte ich sein Glas zerschlagen, es in Splitter zertrümmern, diese unbekannte und mir drohende Welt vernichten, und zuweilen stürzte ich sogar mit irgend einem schweren Gegenstand in der Hand in Ekstase auf den Spiegel zu, aber das verächtliche Lächeln meiner Gegnerin hielt mich zurück. Ein so erkaufter Sieg wäre das Geständnis ihrer Macht und meiner Niederlage gewesen. Und so dauerte der Kampf, dauerte, um mit dem Siege einer von uns zu enden.