„Gehen wir, sagte ich zu meiner Erscheinung, gehen wir, sie schläft jetzt und nimm einen schmalen Dolch mit dir, dessen Griff von Elfenbein sei.“

Ich gehorchte und ging den gewöhnlichen Weg durch die dunklen Zimmer. Es kam mir so vor, als würde ich nicht gehen, und nicht meine Füße bewegen, sondern fliegen, wie das ja immer im Traume so ist. Als ich durch den Saal ging, sah ich durchs Fenster die Dächer der Stadt und dachte: „dies alles ist in meiner Gewalt.“ Die Nacht war ohne Mondschein, aber am Himmel funkelten die Sterne. Unter den Sesseln krochen meine Zwerge hervor, doch ich ließ sie verschwinden. Lautlos öffnete ich die Türe zum Schlafzimmer. Das Zimmer wurde von einem Lämpchen genügend erhellt. Ich trat an das Bett heran, in dem mein Weib schlief. Da lag sie, so schwach, so klein, so mager; ihre Haare, die sie des Nachts in zwei Zöpfe flocht, hingen vom Bett herunter. Neben dem Kopfkissen lag ein Tuch: sie hatte wohl geweint, da sie sich niederlegte, darüber geweint, daß sie mich wieder nicht erwarten konnte. Ein bitteres Gefühl schnürte mein Herz zusammen. In diesem Augenblick war ich bereit, an Mitleid zu glauben. Ich hatte sogar das Verlangen, vor ihrem Bette niederzuknien und ihre frierenden Füße zu küssen. Doch sofort erinnerte ich mich, daß dieses alles im Traume wäre.

Ein merkwürdig seltsames Gefühl quälte mich. Ich konnte mein geheimes Verlangen befriedigen, mit dieser Frau alles tun, was ich nur wollte. Und doch würde alles das nur mir bekannt bleiben. Und am Tage konnte ich sie wiederum mit allem Rausche der Zärtlichkeit umgeben, sie trösten,

lieben und liebkosen . . . Indem ich mich über den Körper meiner Frau bückte, preßte ich mit fester Hand ihre Gurgel zusammen, so daß sie nicht schreien konnte. Jählings erwachte sie, öffnete die Augen und erbebte unter meiner Hand. Doch ich nagelte sie förmlich an das Bett, und in dem Bestreben, mich fortzustoßen, krümmte sie sich, war bemüht, mir etwas zu sagen und sah mich mit verstörten Augen an. Einige Sekunden lang sah ich sie voll unsagbarer Erregung an, dann aber stieß ich unter der Decke mit einem Schlage meinen Dolch in ihre Seite. Ich sah, wie sie erzitterte, sich streckte, noch immer nicht zu schreien vermochte, aber ihre Augen füllten sich mit Entsetzen und Tränen entströmten ihnen. Über meine Hand, die den Dolch hielt, floß das klebrige und warme Blut. Dann stieß ich langsam den Dolch mehrere Male in ihren Körper, riß die Decke von ihr und verwundete sie immer mehr, sie, die Nackte, die sich bedecken wollte, aufspringen, fortkriechen. Dann erfaßte ich sie am Kopfe und stieß den Dolch durch ihren Hals, dort, wo die Halsarterie ist, nahm alle meine Kraft zusammen und schnitt ihre Kehle durch. Gurgelnd strömte das Blut hervor, da sie sich noch im Todeskampfe zu atmen bemühte, ihre Hände wollten krampfhaft etwas greifen und fortwischen. Ein wenig später war sie schon unbeweglich.

Da ergriff eine so furchtbare Verzweiflung meine Seele, daß ich mich sofort zu erwachen bemühte, aber ich konnte es nicht. Ich machte alle Willensanstrengungen, ich erwartete, daß die Wände ihres Schlafzimmers plötzlich zerfallen würden, verschwinden, zerschmelzen, daß ich mich auf meinem Divan in der Bibliothek wieder sehen würde. Doch das Alpdrücken ging nicht vorüber. Der blutige und unförmliche Körper meines Weibes lag vor mir auf dem vom Blute überströmten Bette. Und in der Türe drängten sich mit Lichtern schon die Menschen, die hierherstürzten, als sie den Lärm des Kampfes hörten, und ihre Gesichter verzerrte das Entsetzen. Sie sprachen kein Wort, doch alle blickten mich an und ich sah sie.

Da begriff ich plötzlich, daß dieses Mal alles, was geschehen war, nicht im Traume geschah.

Im Spiegel

Aus dem Archiv eines Psychiaters

Ich liebte die Spiegel schon seit meinen frühesten Jahren. Als Kind weinte und zitterte ich oft, wenn ich in ihre durchsichtig-wahrhaftige Tiefe blickte. In der Kindheit war es mein Lieblingsspiel, durch die Zimmer und den Garten zu gehen, einen Spiegel vor mir herzutragen und in seinen Abgrund blickend, mit jedem Schritte den Rand zu überschreiten und vor Schrecken und Schwindlichkeit fast zu ersticken. Schon als Mädchen begann ich, mein ganzes Zimmer mit großen und kleinen, getreuen und ein wenig verzerrenden, klaren und etwas trüben Spiegeln zu füllen. Ich hatte mich gewöhnt, ganze Stunden, ganze Tage inmitten dieser sich kreuzenden, in einander übergehenden, taumelnden, verschwindenden und aufs neue erstehenden Welten zu verbringen. Meine einzige Leidenschaft wurde es, mich diesen lautlosen Fernen hinzugeben, diesen Perspektiven ohne Echo, diesen abgesonderten Welten, welche die unsere durchschneiden und, im Widerspruch zu der Erkenntnis, mit ihr gleichzeitig und am gleichen Platze existieren. Diese umgedrehte Wirklichkeit, die von uns durch die glatte Spiegelfläche getrennt und dem Tastvermögen irgendwie unerreichbar ist, zog mich immer an und lockte mich wie ein Abgrund oder ein Geheimnis.