Befehle aus. Und mit ihnen feierte ich meine Orgien des Blutes und Feuers, der Schreie und Flüche.
Wahrscheinlich wäre ich so wahnsinnig, einsam und glücklich, wie ich es war, geblieben. Doch die wenigen Freunde, die ich noch hatte, hielten mich für krank und nahe dem Irrsinn, und wollten mich retten. Fast mit Gewalt zwangen sie mich, auszufahren, in Theater und Gesellschaften zu gehen. Ich hege auch den Verdacht, daß sie jenes Mädchen, das nachher meine Frau wurde, mir absichtlich in dem allerreizvollsten Lichte zeigten. Übrigens würde sich wohl kaum ein Mensch gefunden haben, der sie nicht der Anbetung würdig erklärt hätte. Alle Reize der Frau und des Menschen vereinten sich in ihr, die ich lieb gewann, die ich so oft mein nannte, und die ich in allen Tagen meines Lebens, die mir übrig geblieben sind, nicht aufhören werde, zu beweinen. Ihr aber zeigte man mich als einen Leidenden, als einen Unglücklichen, den man retten müsse. Sie begann mit Neugierde und ging dann zu der vollen, selbstvergessenden Leidenschaft über.
Lange Zeit hindurch wagte ich nicht, an eine Heirat zu denken. Wie stark das Gefühl auch war, das meine Seele unterjochte, mich erschreckte der Gedanke, meine Einsamkeit zu verlieren, die mir solche Weiten, in denen ich in Freiheit mich an meinen Traumgesichten berauschen konnte, erschloß. Doch das regelmäßige Leben, zu dem man mich zwang, trübte allmählich meine Erkenntnis. Aufrichtig begann ich, daran zu glauben, daß mit meiner Seele eine Umgestaltung geschehen könne, daß sie ihrer von den Leuten nicht anerkannten Wahrheit entsagen würde. Am Tage meiner Hochzeit gratulierten mir meine Freunde wie einem aus dem Grabe zur Sonne Erstandenen. Nach der Hochzeitsreise bezogen meine Frau und ich ein neues helles und heiteres Heim. Ich begann mir vorzureden, daß mich die Weltereignisse und Stadtneuigkeiten interessierten; ich las Zeitungen und unterhielt einen regen Verkehr. Und wieder lernte ich, am Tage munter zu sein. Nachts, inmitten der entrückten Liebkosungen zweier Liebender überfiel mich gewöhnlich
ein toter, flacher Schlaf, der ohne Weiten war, ohne Bilder. In der kurzen Zeit meiner Blindheit war ich bereit, mich meiner Genesung zu freuen, meines Erwachens aus Wahnsinn zur Alltäglichkeit.
Doch natürlich niemals, o niemals! erstarb in mir das Verlangen nach anderen Trunkenheiten. Es wurde nur von der allzu faßbaren Wirklichkeit betäubt. Und selbst in den Flitterwochen des ersten Monats nach der Hochzeit fühlte ich irgendwo in den Tiefen meiner Seele den unersättlichen Hunger nach blendenderen und mehr erregenden Empfindungen. Mit jeder neuen Woche quälte mich dieses Verlangen immer unbesiegbarer. Und gleichzeitig mit ihm entstand in mir ein anderes unbezwingliches Verlangen, daß ich mir anfangs gar nicht einmal eingestehen wollte: das Verlangen, sie, meine Frau, die ich liebte, zu meiner nächtlichen Feier zu bringen, und ihr Gesicht bei den Qualen ihres Leibes verzerrt zu sehen. Ich kämpfte, kämpfte sehr lange und bemühte mich, meine Nüchternheit zu bewahren. Ich war bestrebt, mich mit allen Vernunftsgründen zu überzeugen, doch ich konnte ihnen nicht glauben. Und umsonst suchte ich Zerstreuung und floh das Alleinsein mit mir, die Versuchung wuchs in mir, und ich konnte ihr nicht entfliehen.
Und endlich gab ich ihr nach. Ich tat so, als hätte ich eine große religionsgeschichtliche Arbeit vor. In meine Bibliothek stellte ich breite Divans und verbrachte dort ganze Nächte. Etwas später verbrachte ich dort auch ganze Tage. Auf alle nur mögliche Weise verhüllte ich mein Geheimnis vor meiner Frau; ich zitterte bei dem Gedanken, daß sie in das eindringen würde, was ich so eifersüchtig hütete. Sie war mir noch ebenso teuer, wie zuvor. Ihre Liebkosungen waren mir nicht minder süß, wie in den ersten Tagen unseres Zusammenlebens. Doch eine größere Wollust trieb mich jetzt. Ich konnte ihr mein Benehmen nicht erklären. Ich zog es sogar vor, sie bei dem Gedanken zu lassen, daß ich sie nicht mehr liebe und ein Zusammensein mit ihr vermiede. Und tatsächlich glaubte sie das, quälte sich und wurde müde. Ich sah, wie sie bleicher wurde und hinschwand, sah, daß der Gram
sie zum Grabe führen würde. Doch wenn ich, dem Triebe mich hingebend, ihr die früheren Liebesworte sprach, erblühte sie nur auf Augenblicke: sie glaubte mir nicht mehr, weil, wie es ihr schien, alle meine Taten meinen Worten widersprachen.
Doch wenn ich auch, wie früher, ganze Tage im Traume zubrachte und mich meinen Erscheinungen noch ungeteilter als vor der Hochzeit hingab, irgendwie hatte ich meine frühere Fähigkeit, völlige Freiheit zu gewinnen, verloren. Ganze Wochen verbrachte ich auf meinen Divans, erwachte nur, um mich mit ein wenig Wein oder Bouillon zu stärken und um eine neue Dosis des Schlafmittels einzunehmen, allein der erwünschte Augenblick kam nicht. Ich durchlebte die süßen Qualen des Alpdrückens, seine Pracht und Unerbittlichkeit, ich konnte mich an die Reihe der vielgestaltigen Träume erinnern, und sie vor mir aufrollen lassen, die Träume, die so konsequent und furchtbar in dieser triumphierenden Folgerichtigkeit waren, so wild und unlogisch, so entzückend und prachtvoll in dem Wahnsinn ihrer Verbindung, aber meine Erkenntnis blieb, wie von einem Wölkchen umhüllt. Mir fehlte die alte Macht, über den Traum zu verfügen, ich konnte nur jenes, was mir von außen herkam, belauschen und beschauen. Ich griff zu allen mir bekannten Mitteln und Rezepten, zu allen existierenden Giften: störte künstlich die Blutzirkulation, hypnotisierte mich selbst, gebrauchte Opium, Haschisch und alle anderen betäubenden Gifte, doch sie gaben mir nur ihre eigenen Zauber. Erwachend gedachte ich mit sinnloser Wut der anreizenden Erscheinungen, in denen ich kraftlos, wie ein Spielzeug eines fremden Willens, begraben war, und über die ich nicht zu herrschen vermochte. Ich verging vor Wut und Verlangen, aber, wie gesagt, ich war kraftlos.
Seit jener Zeit, in der ich zu dem unterbrochenen Rausch der Träume zurückkehrte, vergingen sechs Monate bis zu dem Tage, da mein verheißenes Glück wiederum mir zurückgegeben wurde. Im Traume fühlte ich plötzlich den mir so gut bekannten elekrischen Schlag und begriff, daß ich frei sei, daß ich schliefe, doch stark genug sei, über den Traum zu verfügen, daß ich alles ausführen könne, wonach ich verlangte
und daß es doch nur ein Traum bleiben würde! Eine Welle unsagbaren Jubels überströmte meine Seele. Und da konnte ich auch schon nicht mehr der alten Versuchung widerstehen. Allerdings verlangte ich nicht mehr nach meiner unterirdischen Halle. Ich zog es vor, mich in jene Umgebung zu versetzen, an die sie gewöhnt war, die sie sich selbst hergestellt hatte. Dies war ein noch mehr verfeinerter Genuß. Und gleichzeitig mit meinem zweiten Traumbewußtsein sah ich mich selbst in der Tür meiner Bibliothek stehen.