Natürlich hielt man mich schon in meiner Kindheit für entartet. Natürlich wollte man mich davon überzeugen, daß niemand meine Gefühle teile. Und ich gewöhnte mich daran, vor den Menschen zu lügen. Gewöhnte mich daran, platte Worte zu sprechen von Mitleid und von der Liebe, vom Glücke, andere Menschen zu lieben. Doch im Innern meiner Seele war ich überzeugt und bin auch jetzt noch davon überzeugt, daß der Mensch seiner Natur nach Verbrecher ist. Ich glaube, daß inmitten aller Empfindungen, die man gewöhnlich Rausch nennt, nur eine ist, die diesen Namen verdient, jene, die den Menschen beim Anblick von fremden Leiden ergreift. Ich glaube, daß der Mensch in seinem Urzustand nur nach einem Verlangen trägt, die ihm Gleichenden zu quälen. Die Kultur legte ihre Fessel auf diese natürliche Regung. Die Jahrhunderte des Sklaventums führten die menschliche Seele zu dem Glauben, daß fremde Leiden ihr schmerzlich wären. Und heute weinen die Leute völlig aufrichtig über andere und leiden mit ihnen. Doch dies ist nur eine Einbildung und eine Täuschung des Gefühles.
Man kann aus Wasser und Spiritus eine Mischung herstellen, in welcher das Provenceröl in jeder Lage im Gleichgewicht bleibt, nicht aufsteigt und nicht hinuntersinkt. Anders gesprochen: die Anziehung der Erde verliert ihre Wirkung auf das Öl. In den physikalischen Lehrbüchern heißt es, daß zufolge des Bestrebens seiner Atome das Öl dann die Form einer Kugel annimmt. Diesem ähneln die Augenblicke, in denen die menschliche Seele sich von aller Macht der Anziehung befreit, von allen Ketten, die Abstammung und Erziehung ihr auferlegten, sowie von allen äußeren Einflüssen, die gewöhnlich unseren Willen bedingen: von der Furcht vor dem letzten Gericht, von dem Bangen vor der öffentlichen Meinung usw. Das sind nicht Stunden des gewöhnlichen Schlafes, in welchen das tägliche Bewußtsein, wenn auch dämmernd, doch immer noch unser schlafendes Ich leitet; das sind auch nicht Tage des Irrsinns und der Geisteszerrüttung: die gewöhnlichen Einflüsse werden von
anderen, von noch mehr selbstherrlichen abgewechselt. Das sind Augenblicke jenes seltsamen Zustandes, in dem der Körper im Schlafe ruht, und der Gedanke dies plötzlich begreift und zu seinem in der Welt der Träume irrenden Schatten spricht: du bist frei! Begreife, daß deine Handlungen nur für dich selbst existieren und du wirst dich freiwillig deinen eigenen, aus der dunklen Tiefe deines Willens aufsteigenden Trieben hingeben. In solchen Augenblicken hatte ich niemals das Verlangen, irgend eine gute Tat auszuführen. Im Gegenteil, wissend, daß ich bis zu den letzten Grenzen völlig unbestraft bleiben würde, beeilte ich mich, irgend etwas Wildes, Böses und Sündiges zu tun.
Immer schon liebte ich den Traum. Niemals hielt ich die Zeit, die ich im Traume verbrachte, für verloren. Völlig gleich der Wirklichkeit erfüllt auch der Traum die Seele, erregt, freut und schmerzt sie ebenso und muß überhaupt unserem äußeren Leben ganz an die Seite gestellt werden. Streng gesprochen, ist der Traum nur eine andere Wirklichkeit, — welche von diesen man vorzieht, hängt von den persönlichen Neigungen ab. Ich zog schon seit meiner Kindheit den Traum vor. Schon als Knabe zählte ich die Nächte, in denen ich keine Träume sah, zu den schweren Entbehrungen. Wenn ich erwachte, ohne daß ich mich an meinen Traum erinnern konnte, so fühlte ich mich unglücklich. Den ganzen Tag, zu Hause oder in der Schule, quälte ich mein Gedächtnis, um dann plötzlich in einem seiner dunklen Winkel einen Splitter der vergessenen Bilder zu finden und bei einer neuen Anstrengung plötzlich die ganze Herrlichkeit des kürzlich vergangenen Traumlebens vor mir zu haben! Heißhungrig vertiefte ich mich dann in diese auferstandene Welt und stellte alle ihre kleinsten Einzelheiten wieder her. Bei solcher Schulung meines Gedächtnisses erreichte ich, daß ich meine Träume niemals mehr vergaß. Wie Stunden ersehnter Zusammenkunft, so erwartete ich nachts den Traum.
Besonders liebte ich Alpdrücken wegen der erschütternden Kraft der Wirkungen. Ich entwickelte in mir die
Fähigkeit, es künstlich hervorzurufen. Ich brauchte nur einzuschlafen, indem mein Kopf tiefer als der Körper lag, und sofort schon preßte mich ein Alpdrücken mit süßquälenden Krallen. Fast erstickend erwachte ich in einer unnennbaren Zerschlagenheit, doch kaum hatte ich etwas frische Luft eingeatmet, beschloß ich, wieder hineinzustürzen in jenen schwarzen Grund, in Entsetzen und Erbeben. Doch noch mehr liebte ich schon in meinen frühen Jahren jene Traumzustände, wenn man es weiß, daß man schläft. Schon damals begriff ich, welche große Geistesfreiheit sie geben könnten. Übrigens verstand ich es nicht, sie willkürlich hervorzurufen. Im Traume war es mir, als wenn ich plötzlich einen elektrischen Schlag bekäme, und dann begriff ich mit einem Male, daß die Welt in meiner Gewalt sei. Ich schritt auf den Wegen des Traumes durch seine Paläste und Täler, wohin ich wollte. Bei hartnäckiger Anstrengung des Verlangens konnte ich mich sogar in jeder Umgebung sehen, die mir gefiel, konnte in meinen Traum jede Person einführen, nach der ich Verlangen trug. In meiner ersten Kindheit benutzte ich diese Augenblicke, um mich über die Leute lustig zu machen und alle möglichen Streiche auszuführen. Doch mit den Jahren ging ich zu anderen mehr erlesenen Freuden über: ich vergewaltigte Frauen, ich mordete und wurde zum Henker. Und da erst begriff ich, daß Jubel und Rausch nicht nur leere Worte seien.
Die Jahre vergingen. Es vergingen auch die Tage der Schule und der Unterwürfigkeit. Ich war allein, ich hatte keine Familie, ich mußte niemals um das Recht zu leben kämpfen. Ich hatte die Möglichkeit, mich meinem Glücke ungeteilt hingeben zu können. Im Traum und Halbschlaf verbrachte ich den größten Teil der Tage. Ich gebrauchte verschiedene narkotische Mittel: nicht wegen der von ihnen ausgehenden Entzückungen, sondern um meinen Traum zu verlängern und zu vertiefen. Erfahrung und Gewöhnung gaben mir die Möglichkeit, mich immer öfter und öfter an der grenzenlosesten aller Freiheiten, die ein Mensch nur erträumen kann, zu berauschen. Allmählich begann sich mein
nächtliches Bewußtsein in diesen Träumen an Stärke und Helligkeit dem des Tages nicht nur zu nähern, sondern vielleicht es auch zu übertreffen. Ich verstand es, in meinen Träumen zu leben, wie auch dieses Leben von der Seite her zu beobachten. Es war, als würde ich meinen Schatten, der im Traume dieses oder jenes tat, beobachten und leiten und zu gleicher Zeit doch alle seine Empfindungen mit ganzer Leidenschaftlichkeit durchleben.
Ich erschuf mir für meine Traumgesichte eine passende Umgebung. Das war irgendwo tief unter der Erde ein geräumiger Saal. Er wurde vom roten Feuer zweier riesiger Öfen beleuchtet. Die Wände waren augenscheinlich eisern. Der Boden aus Stein. Dort befanden sich alle üblichen Marterapparate: Schrauben, Pfähle, Sitze mit spitzen Nägeln, Geräte zum Strecken der Muskeln und zum Aufwickeln der Gedärme, Messer, Zangen, Peitschen, Sägen, glühende Stangen und Rechen. Wenn ein glückseliges Geschick mir wieder die Freiheit gab, trat ich überzeugungsvoll in meinen geheimnisvollen Schlupfwinkel. Mit riesiger Willensanstrengung gelang es mir, wen ich wollte, in diese unterirdische Halle zu führen, zuweilen meine Bekannten, öfters aber solche, die nur in meiner Einbildung lebten; meistens waren es Mädchen und Jünglinge, schwangere Frauen und Kinder. Unter ihnen befanden sich auch einige, die ich zu meinen Lieblingsopfern erwählte. Ich kannte ihre Namen. An einigen lockte mich die Schönheit ihres Körpers, an anderen ihr tapferes Ertragen der größten Qualen, ihre Verachtung aller meiner Listen, während ich bei den dritten im Gegenteil ihre Schwäche, Willenslosigkeit, ihr Stöhnen und unnützes Beten liebte. Zuweilen und nicht einmal selten ließ ich auch die von mir bereits zu Tode gequälten wieder auferstehen, um mich noch einmal an ihrem Märtyrertode zu erfreuen. Anfangs war ich ganz allein, sowohl Henker als auch Zuschauer. Dann aber erschuf ich mir eine Schar unförmlicher Zwerge zu Gehilfen. Ihre Zahl wuchs nach meinem Belieben. Sie reichten mir die Marterinstrumente und lachend und mit Verrenkungen führten sie alle meine