Es versteht sich, daß die Regierung der Republik durchaus nicht gleichmütig dem furchtbaren Unglück, das die Hauptstadt betroffen hatte, zuschaute. Doch schon sehr bald mußte man jeglicher Hoffnung, Hilfe zu bringen, entsagen. Ärzte, Diakonissinnen, Militärs, Beamte jeder Art — alles weigerte sich, in die Sternenstadt zu fahren. Nach der Einstellung der elektrischen Bahnfahrten war jede direkte Verbindung mit der Stadt unterbrochen, da das rauhe örtliche Klima keine anderen Verkehrswege gestattete. Außerdem wurde die Aufmerksamkeit der Regierung bald schon auf Erkrankungsfälle am „Widerspruch“ gelenkt, die in anderen Städten der Republik auftraten. In einigen von ihnen drohte die Krankheit gleichfalls epidemischen Charakter anzunehmen und es begann eine allgemeine Panik, die den Ereignissen in der Sternenstadt ähnelte. Dies führte zu einer Emigrierung der Einwohner aus allen bewohnten Punkten der Republik. Auf allen Fabriken wurde die Arbeit eingestellt und das ganze Handelsleben des Landes erlosch. Doch dank den energischen Maßnahmen, die in den anderen Städten zeitig getroffen wurden, gelang es, die Epidemie zum Stillstand zu bringen, und nirgends erreichte sie einen solchen Umfang wie in der Hauptstadt.
Es ist bekannt, mit welcher aufgeregten Aufmerksamkeit die ganze Welt das Unglück der jungen Republik verfolgte. Im Beginne, als noch niemand das bis zu so unerhörter
Ausdehnung erfolgende Anwachsen des Elendes erwartete, war die Neugierde das herrschende Gefühl. Die hervorragenden Blätter aller Länder (darunter auch unser „Nord-Europäisches Abendblatt“) entsandten in die Sternenstadt ihre Spezialkorrespondenten zum Berichterstatten über den Gang der Epidemie. Viele dieser tapfern Ritter von der Feder wurden ein Opfer ihrer professionellen Pflicht. Kaum aber, daß Nachrichten bedrohlichen Charakters auftauchten, boten sofort die Regierungen verschiedener Staaten sowie die Privatgesellschaften der republikanischen Regierung ihre Hilfe an. Die einen entsandten Truppen, die andern formierten Escadres von Ärzten, die dritten trugen Geldspenden bei, aber die Ereignisse entwickelten sich mit solcher Vehemenz, daß der größte Teil dieser Operationen nicht zur Ausführung kam. Nach der Einstellung des Eisenbahnverkehrs kamen als einzige Lebensnachrichten von der Sternenstadt nur die Telegramme des Befehlshabers. Diese Telegramme wurden sofort an alle Weltenden versandt und dort in Millionen von Exemplaren verbreitet. Nachdem die elektrischen Maschinen zerbrochen waren, funktionierte der Telegraph noch einige Tage, da sich auf der Station einige geladene Akkumulatoren vorfanden. Der genaue Grund, weswegen die telegraphische Verbindung völlig abbrach, ist bisher unbekannt: vielleicht waren die Apparate beschädigt. Das letzte Telegramm Horace Diviles trägt das Datum des 27. Juni. Von diesem Tage ab blieb die Menschheit fast 1 ½ Monate lang ohne jede Nachricht aus der Hauptstadt der Republik.
In den letzten Tagen des August erreichte der Äronaut Thomas Billie auf seiner Flugmaschine die Sternenstadt. Er fand auf dem Dach der Stadt zwei Menschen, die längst schon den Verstand verloren hatten und vor Kälte und Hunger halbtot waren. Durch die Ventilatoren sah Billie, daß die Straßen in absoluter Dunkelheit lagen, hörte aber auch wilde Schreie, die bewiesen, daß noch Lebewesen in der Stadt wären. In die Stadt selbst wagte Billie sich nicht herunter. Anfang September gelang es, die eine Linie der elektrischen Eisenbahn bis zur Station Lissis, die nur 105 km von der Stadt abliegt,
wieder herzustellen. Ein Trupp gutbewaffneter, mit ausreichendem Proviant und den Mitteln für die ersten Hilfeleistungen versehener Leute gelangte durch das nordwestliche Tor in die Stadt. Diese Truppe konnte sich allerdings infolge des furchtbaren Gestankes, der die Luft erfüllte, nicht über die ersten Quartale hinauswagen. Sie mußten faktisch Schritt für Schritt machen, die Straßen von Leichnamen säubern und die Luft durch künstliche Mittel reinigen. Die Menschen, die sie in der Stadt noch lebend antrafen, waren bis zur Unkenntlichkeit entstellt. In ihrer Wildheit glichen sie bösen Tieren und mußten mit Gewalt eingefangen werden. Endlich, es war etwa Mitte September, gelang es, eine regelmäßige Verbindung mit der Sternenstadt herzustellen, und konnte man mit der systematischen Renovierung beginnen.
Gegenwärtig ist der größte Teil der Stadt bereits von Leichnamen gesäubert. Die elektrische Beleuchtung und Beheizung sind wieder hergestellt. Unbesetzt sind bisher nur noch die Amerikanischen Quartale, doch man nimmt an, daß in ihnen keine Lebewesen sind. Im ganzen sind gegen 10000 Menschen gerettet, doch der größte Teil von ihnen hat eine unheilbare psychische Störung erlitten. Die, welche mehr oder weniger wieder genesen, sprechen nur höchst ungern von dem, was sie überlebten und von den grauenhaften Tagen. Zudem sind ihre Erzählungen voller Widersprüche und werden sehr oft vom dokumental Gegebenem nicht bestätigt. An verschiedenen Orten hat man Nummern der Zeitungen aufgefunden, die in der Stadt noch bis Ende Juli erschienen. Die letzte bis jetzt aufgefundene, vom 22. Juli datierte, enthält die Nachricht vom Tode Horace Diviles und den Aufruf, das Asyl im Rathaus wiederherzustellen. Allerdings wurde noch ein Blättchen gefunden, das vom August datiert, doch dessen Inhalt ist derart, daß man den Autor (der vermutlich seinen Irrsinn selbst gesetzt hat) entschieden für unzurechnungsfähig erklären muß. Im Rathaus wurde das Tagebuch Horace Diviles entdeckt, das in folgerichtiger Ordnung die Chronik der Ereignisse in in jenen drei Wochen vom 28. Juni bis zum 20. Juli enthält. Nach den furchtbaren Funden, die man auf den
Straßen und im Innern der Häuser gemacht hat, kann man sich eine klare Vorstellung von jenen Ungeheuerlichkeiten machen, die in den letzten Tagen in der Stadt geschahen. Überall sind furchtbar verstümmelte Leichen: Menschen, die des Hungertodes starben, Menschen, die gemartert und erwürgt wurden, Menschen, die von Wahnsinnigen in Anfällen der Ekstase getötet wurden, und endlich — benagte Körper. Die Leichen findet man in den allerunerwartetsten Orten: im Tunnel der Metropolitaine, in den Kanalisationsröhren, in unterschiedlichen Koffern, in Kesseln: überall suchten die ihres Verstandes beraubten Einwohner Rettung vor dem sie umgebenden Entsetzen. Das Innere fast aller Häuser ist zerstört und die Immobilien, die den Plünderern nutzlos erschienen, findet man in geheimen Zimmern und unterirdischen Räumen versteckt.
Zweifellos werden bis zur Wiederbewohnbarkeit der Sternenstadt noch einige Monate vergehen. Gegenwärtig ist sie fast leer. Die Stadt, die gegen drei Millionen Menschen beherbergen kann, wird augenblicklich von etwa 30000 Arbeitern bewohnt, die mit der Säuberung von Straßen und Häusern beschäftigt sind. Übrigens kamen auch einige der früheren Einwohner an, um die Leichen ihrer Verwandten aufzusuchen und die Reste ihres vernichteten oder gestohlenen Eigentums zu sammeln. Zugereist sind auch einige Touristen, die das ausschließliche Schauspiel der verwüsteten Stadt hingelockt hat. Zwei Unternehmer haben bereits zwei Hotels eröffnet, die schon recht flotte Geschäfte machen. In kurzer Zeit wird auch ein kleines Café chantant eröffnet werden, für welches die Truppe bereits engagiert ist.
Das „Nord-Europäische Abendblatt“ hat seinerseits einen neuen Korrespondenten, Herrn Andrew Ewald, in die Stadt gesandt und wird in genauen Berichten die Leser mit allen neuen Entdeckungen bekannt machen, die in der unglücklichen Hauptstadt der Republik des Südkreuzes gemacht werden sollten.