Dann aber müssen sie auf halbem Wege wieder umkehren; denn im Eifer haben sie ganz vergessen, zu fragen, wohin sie eigentlich gehen sollten. Zu große Eile macht oft, daß man erst recht zu spät kommt. Max hatte als Kind immer alles mit kopfloser Eilfertigkeit angefangen. Als Ameise aber lernte er: Erst überlegen, dann handeln! Anstatt also von der Eiche herunterzustürmen, ging er seine Straße Schritt für Schritt, schaute sich öfter um, beobachtete jeden Zoll des Weges und berechnete die zurückgelegte Strecke. Auch überschätzte er die vor ihm liegende mit einer Genauigkeit und Vorsicht, wie sie vielleicht nur diese kleinen Geschöpfe kennen. Der Erfolg seines Rechnens und Überlegens blieb nicht aus. Als er den Erdboden betrat, stand er mit dem Gesichte genau in der Richtung, die das Blatt oben auf dem Baume hatte. Er konnte daher seinen Weg sofort geradeaus in der Richtung verfolgen, die ihm die Gallwespe angegeben hatte.

Dankbar fühlte unser Kleiner, daß er den wunderbar ausgebildeten Richtungssinn der Insekten besaß. Mit ihm war er imstande, auf die unbedeutendsten Zeichen zu achten und sich nach solch feinen Wahrnehmungen zurechtzufinden, die für Menschen unfaßbar sind. Gleichwohl bedauerte Max, daß er so viel Zeit zum Abstieg von der Eiche hatte aufwenden müssen.

»Schade«, sagte er, »daß die Insekten keine Wegweiser auf ihren Straßen haben!«

Beim Weitergehen kam ihm wieder der Gedanke, ob er nicht doch noch dazu berufen sei, dem Insektenreiche höhere Bildung und Fortschritt zu bringen. Allein er ließ bald von seinen Träumen ab und verfolgte mit Eifer das eigentliche Ziel seiner Reise und sprach:

»Mit oder ohne Wegweiser! Ich will jetzt heim zur Mutter.«

Indessen näherte sich die Sonne dem Untergange. Ringsum bemerkte Max allgemein eine geschäftige Bewegung von vielerlei Insekten, die alle nach Hause eilten, ehe es dunkel wurde.

»Auch ich«, dachte der einsame Wanderer, »gehe jetzt nach Hause.« Diese Erinnerung an die Heimat belebte aufs neue seine müden Beinchen, und seine Reise schien ihm nicht mehr so unsicher und gefährlich. Auch den Hunger spürte er nicht mehr so quälend.

Plötzlich wurde er aus seinen frohen Gedanken durch ein nahes Getöse aufgeschreckt. Den erstickten Jammerlauten und den gewalttätigen Drohungen nach zu urteilen, gab es da einen entsetzlichen Kampf auf Leben und Tod.

Eine Wespe, von der Art der Sandwespe – Max hatte nun schon eine ganz nette Insektenkenntnis –, drückte mit aller Kraft eine Grille auf den Boden nieder. Diese wehrte sich und zirpte um Hilfe. Schon wollte die Wespe der besiegten Grille ihren fürchterlichen Stachel durch den Leib bohren, als sie plötzlich davon abstand.