»Wie, mit der Zunge? Bin ich ein Kätzchen geworden? Darf ich bitten, wo bin ich, wer sind Sie, und was ist mit mir geschehen?«

Das hilfreiche Wesen antwortete:

»Still, Kleines! Wie bist du doch so neugierig! Jetzt, wo du eben erst aus deinem Gespinst geschlüpft bist, kannst du noch nichts verstehen. Gedulde dich, bald wird dir alles klar werden, du kleiner Naseweis.«

Naseweis hatte sie gesagt. Er war also schon erkannt und hütete sich, jetzt noch mehr wissen zu wollen. Aber bei der gütigen Ruhe, mit der er von allen Seiten gestriegelt wurde, erwachte sein Denken; seine Gedanken ordneten sich, und er wollte sich selbst Rechenschaft geben von seinem neuen Zustande. Gottlob, die letzten Wundererlebnisse hatten seinem Gedächtnis nicht weiter geschadet. Zunächst aber gab es leider, leider keinen Zweifel. Er befand sich in der ägyptischen Finsternis, von der er in der Schule einst gehört hatte, oder was ganz entsetzlich wäre, er war blind! Wie konnte er aber dann wissen, wo er sich jetzt aufhielt? Jawohl, Blinde haben ja solch feines Gefühl für den Raum, in dem sie sich befinden. Und er, er war in einem unterirdischen Zimmer, er wußte es, ohne herumzutasten. Ringsum beobachtete er mit feinstem Sinn ein emsiges Arbeiten von vielen geschäftigen Wesen, ohne solche zu sehen. Hatte er einen neuen Sinn bekommen? Er beantwortete sich jetzt von selbst die vorhin gestellten Fragen. Er war eine Ameise; das Wesen, das vor ihm stand, war auch eine Ameise, und sie beide befanden sich in einem Ameisenhaus. Soviel begriff er einstweilen, so wunderbar es auch war. Verworrene Bilder aus der letzten Vergangenheit tauchten in seinem Gedächtnis auf wie ein halbvergessener Traum. War nicht ein merkwürdiger, alter Herr dagewesen mit einem langen, grünen Rock und rotem Schnupftuch, mit Brille und Tabaksdose, der unversehens in dem Augenblick auf ihn zugetreten war, als er sich gewünscht hatte, eine Ameise zu sein, ohne Prüfungsnot und Bücherqual? Moritz, Therese? Wo werden sie sein? Zu Hause bei Vater und Mutter!

Dieser Gedanke bewegte Max schmerzlich, allein er beruhigte sich nach und nach. Es war nun einmal nichts zu ändern. Weil er nicht lernen wollte, hatte er sich das gewünscht, was er jetzt war. Onkel Walter sagte stets: »Ein Mann muß die Folgen seines Handelns auf sich nehmen.« In der Schule hatte er ein Sprichwort gelernt: »Wie man sich bettet, so liegt man.« Mit vernünftiger Überlegung schloß er seine Betrachtung:

»Ich bin jetzt eine Ameise, und es geht mir nicht schlecht. Aber Max bin ich doch auch noch. Wenn es nicht so wäre, kämen mir diese Fragen und Gedanken gar nicht in den Sinn. Folglich bin ich jedenfalls etwas viel Besseres als diese Insekten um mich, und ich werde immer tun können, was mir gefällt und was ich will.«

Die pflegliche Ameise, die noch vor ihm verweilte und ihn auf den noch schwachen Füßen gehalten hatte, befragte jetzt Max:

»Liebes Püppchen, du wirst wohl Hunger haben?«

»Nicht wenig«, erwiderte Max erfreut, der längst schon Appetit verspürte.