»Freilich, deine große Verwunderung verrät deine Unkenntnis! Ihr andern Ameisen habt eben keine Ahnung von der gediegenen Einrichtung unseres Ernährungsamtes und unserer wirtschaftlichen Umsicht. Wir sind mexikanische Ameisen«, sagte sie ein wenig hochmütig, »und befinden uns nur zufällig in diesem Lande. Weißt du, in einem jener Ungeheuer, in denen die Menschen über die großen Wasser fahren« – sie meinte natürlich Ozeandampfer und Kauffahrteischiffe – »wurden einmal bei uns in Mexiko Pflanzen verladen, in deren erdigen Wurzeln einige Insekten unbeachtet mit hieher reisten. Unter diesen war auch eine Mutter unseres Stammes, und diese begründete unser heute lebendes Volk und errichtete mit ihm dies Haus.«

»O!« rief Max, »kamen die fremden Ameisen vielleicht mit der mexikanischen Eiche an, die in einem Garten hierzulande steht?«

»Ganz richtig; mit einer wellblätterigen Eiche.«

Vor zwei Jahren hatte tatsächlich Onkel Walter eine solche Eiche geschickt bekommen und im Garten der Eltern gepflanzt. Welche Hoffnungen erwachten bei dieser Feststellung! Er war sicher nicht allzu weit entfernt von seinem Hause, in das zurückzugelangen sein heißes Sehnen war.

»Die wellblätterige Eiche«, fuhr die Führerin wie zur Bestätigung der hoffnungsfrohen Vermutung fort, »liefert uns unser tägliches Brot. Aus ihren Gallen, die ihr eine Gallwespe beibringt, sammeln die Ameisen, denen du nächtlicherweile begegnet bist, einen köstlichen Saft. So mächtig füllen sie sich davon an, daß sie den unförmig dicken Bauch bekommen und nur mühsam wieder heimziehen können. Hier angekommen, steigen sie an den Wänden empor, wo dann andere Kameraden sie bis zur äußersten Möglichkeit weiter füttern. So werden sie bis zum Rand gefüllte Töpfe.«

»Und bleiben sie immer so hängen?« fragte Max mitleidig.

»Versteht sich. Sie können sich nicht mehr rühren und haben auch weiter nichts zu tun, als die Nahrung für die Arbeiter aufzubewahren. Sie melden sich übrigens freiwillig zu ihrem Dienst, zu dem man eben berufen sein muß; ja, ja, schwer ist er schon!«

Max war in der Seele tief bewegt. Es gab also Ameisen, die Honigbehälter werden! Honig, nicht zum Selberessen, nein! Voll Entsagung stellen sie ihren eigenen Körper zur Verfügung; zum Wohle der Brüder sind sie lebende Vorratskammern.