»Dein Bereich? Ich möchte doch sehen, ob du andern Insekten verbieten kannst, an den Rosen zu riechen! Herumtrampeln! Da hört sich doch alles auf. Wie? Ich stehe da und bin niemand im Weg und soll Blüten zertrampeln? Und du? Du kommst her, um alles aufzulecken und auszusaugen, schleppst fort, was du schleppen kannst, noch dazu in verborgenen Körben an den Hinterbeinen! Eine schöne Geschichte! Du Hamsterer du!«

Die Biene hatte während dieses Zornausbruches ihren Stachel mehrmals in der Scheide spielen lassen und leicht zu verstehende Zeichen damit gemacht. Schließlich aber bemeisterte sie ihren Verdruß und bemerkte kühl:

»Eine so einfältige Ameise habe ich noch nirgends getroffen, wie du bist.«

Ehe unser Freund antworten konnte, fuhr sie fort:

»Schwätzen hat keinen Sinn. Beweise will ich dir geben. Weißt denn du, was eine Blume eigentlich ist? Kennst du ihr geheimes Leben? Weißt du, daß sie atmet, schläft, leidet, sich freut, liebt und lebt wie wir?«

In seinem Ameisendasein hatte Max viele Wahrnehmungen gemacht, die ihm als Kind ferne lagen. Er hatte längst in den Kräutern, über die er lief, ein gewisses Leben und Bewegung entdeckt, die ein Mensch nie erfaßt; Lebenszeichen, für Menschenaugen allzu fein. Max hatte sich überdies nie gerne mit Pflanzen abgegeben. Darum war auch er an den feinen Äußerungen des Pflanzenlebens achtlos vorübergegangen. Die Worte der Biene eröffneten ihm eine neue Welt.

»Siehst du«, fuhr die Biene fort, »nun stehst du so einfältig da wie zuvor. Du weißt nicht einmal, daß die Blumen, wie du, Vater und Mutter haben; daß die Blumeneltern sich Blumenkinder wünschen, die so schön und duftend sind wie sie selbst. Aber die Blumen stehen festgewurzelt. Sie lieben sich und möchten einander viel erzählen und können es nicht. Wer trägt nun zum einen und andern die liebevollen Gedanken von Duft und die süßen Botschaften von Nektar, die reinen Küsse aus Blütenstaub? – Wir geflügelten Insekten sind es, wir Bienen. Wir kennen sie alle, wir wissen ihre Geheimnisse, und wir sind die Liebesboten der verlobten Blumenpaare. Und sie sind froh und öffnen uns für diesen Liebesdienst ihre Blumenkelche, empfangen uns in ihrem Schoß und geben uns ihren Honig, den wir unsern Angehörigen heimbringen.«

Die geschäftige Biene summte von neuem ihr Liedchen, die Rose aber erbebte in froher Lust:

»Summ, summ, summ, summ!
So treu wie Gold
Ein Blümchen klein,
So rein und hold,
Läßt grüßen fein.

Summ, summ, summ, summ!
Du, sei ihm gut,
Dein Herz allein
Gefallen tut
Dem Blümelein.