»Komme mit mir!«
Folgsam stieg Max von seiner großen Trommel herunter und bemerkte, wie gut er auf seinen Hinterbeinchen aufrecht stehen und gehen konnte. Wahrscheinlich waren ihm außer seinem Gedächtnis und seinem Verstande noch mehr menschliche Eigenschaften verblieben, und das konnte immerhin ein starker Trost für ihn sein in mancher Bitternis.
So folgte er mit neuem Mute Fuska. Warum stieß er nur plötzlich einen jubelnden Freudenschrei aus? Was war geschehen? O Jubel! Er war nicht blind! Nein, er konnte sehen, großer Gott, wie gut konnte er sehen!
In den weiten Saal, in den Fuska ihn eintreten ließ, drang von oben durch eine winzige Öffnung ein Lichtstrahl herein. Befand er sich vielleicht im Wohnzimmer oder gar im Speisesaale des Ameisenhauses? Aber wie eigenartig neu war sein Schauen! Er hatte einen viel übersichtlicheren Blick bekommen für alles, was ihn umgab. Ohne Kopf und Augen zu wenden, übersah er, was über ihm, vor ihm, hinter ihm und seitwärts geschah. Der Saal glich einer Grotte, die von Säulen gestützt wurde. Wände, Boden, alles war sauber geglättet und regelmäßig angeordnet. Rechts und links waren Ameisen emsig beschäftigt, und einige schauten ihn wohlwollend und freundlich an, lächelten auch wohl über seine staunende Miene. Alles dies konnte er sozusagen mit einem einzigen Blick beobachten.
»Worüber bist du froh erregt?«, fragte ihn Fuska.
»O wie glücklich bin ich«, rief Max freudestrahlend, »ich habe ja die besten Augen der Welt! Aber wie geht es wohl zu, daß ich so Verschiedenes zu gleicher Zeit sehen kann? Ich bewege weder Kopf noch Augen und trotzdem –«
»Das kannst du ja auch gar nicht«, fiel Fuska belehrend ein. »Weißt du, liebes Ameislein, weil wir unsere Augen nicht bewegen können, hat uns die Natur anders geholfen. Unsere Augen sind so gebaut, daß wir durch ihre Form und Stellung ein weites Gesichtsfeld haben. Ja, ja, alle Geschöpfe sind von der großen Mutter Natur so ausgestattet, daß zu ihrem Leben und Dasein alles bereit ist, was sie zu ihrem Dasein brauchen. Wir Ameisen haben zwei zusammengesetzte Augen.«
»Zusammengesetzte Augen! – Kann man sie auch auseinandernehmen?«
Fuska erklärte mit unerschöpflicher Geduld:
»Die Oberfläche der beiden Augen, die links und rechts an unserem Kopfe liegen, ist aus kleinen sechseckigen Feldern zusammengesetzt. Jedes dieser Sechsecke zeigt nach oben eine Wölbung wie ein Brennglas, und jedes Feld ist ein vollkommenes Auge. Begreifst du nun, daß wir deshalb in jedem Augenblick nach allen Richtungen schauen können?«