»Obwohl ich im Grunde nie große Lust zum Lernen hatte, bin ich doch stets ein gescheites Kind gewesen. Da ich Ameise geworden bin, finde ich es nur natürlich, daß ich es bei diesen kleinen Ameisen so bald schon zum Kaiser brachte.«

Wenn aber einer ein ehrgeiziger Streber ist, so trifft ihn todsicher die gerechte Strafe dafür. Der Ehrgeiz läßt sich nämlich niemals befriedigen. Sobald der Streber ein Ziel erreicht hat, steckt er sich gleich ein anderes, noch höheres. So kam auch unser Max nicht mehr zur Ruhe. Der Traum einer neuen, größeren Stellung lockte ihn; hinter dieser winkte eine noch größere Würde, und so immer weiter. Niemals würde er sagen können: »Jetzt ist mir's wohl! Ich bin froh und habe ein zufriedenes Gemüt.«

»Kaiser der Ameisen«, dachte Max eben bei sich, »das ist durchaus nicht mehr als ein Titel, der mir gebührt. Ich muß noch viel mehr werden! Die Ameisen sind nur ein Teil der großen Ordnung der Hautflügler. Wie wäre es, wenn ich das Oberhaupt der ganzen Ordnung würde? Und dann, nachdem ich schon ein Bündnis mit den Bombardieren geschlossen habe, könnte ich ja meine Macht über die Ordnung der Käfer auch ausdehnen. Und wer könnte in weiterer Folge etwas dagegen haben, wenn ich Kaiser über sämtliche Insekten der Welt würde? Ist vielleicht der Mensch nicht der Beherrscher der Tiere? Wenn schon also ein Menschenkind sich in ein Insekt verwandelt, so muß es zum mindesten danach streben, Kaiser aller Insekten zu werden!«

Vorderhand freilich mußte er sich begnügen, auf der immerhin sehr erhabenen Sprosse in der Leiter seines Ruhmes zu stehen; der Ehrgeiz aber riß seine Gedanken und ausschweifenden Wünsche zur schwindelnden Höhe aller Ehren und Würden empor. Im Tone gnädiger Herablassung sprach er zu seinen Leuten:

»Gut, gut! Ich will den Titel eures Kaisers annehmen; doch wird es der Form halber gut sein, in mein Reich mit euch zurückzukehren, um dort in aller Feierlichkeit von meinem erhabenen Amte Besitz zu nehmen.«

Ganz leise fügte er für sich hinzu: »Was für ein Gesicht wird wohl der einfältige Professor mit seinem unnötigen Latein dazu machen? Der wird sich hübsch ärgern!« Mit kühnem Blick überflog er noch einmal das Schlachtfeld. Dort vergnügten sich die Bombardiere daran, die Roten Ameisen, welche im Gasdampf erstickt waren, laut schmatzend aufzufressen. Max aber verlor für solchen ekelhaften Anblick keine Zeit; er stellte sich an die Spitze seines Heeres und führte es zum Ameisenhaus zurück. Vor dem Eingang blieb er wie angewurzelt stehen. Ein kalter Schrecken überfiel ihn.

»Was ist hier los!« rief er bestürzt.

Es mußte etwas Schlimmes geschehen sein. Schon das Äußere machte einen unordentlichen Eindruck. Der ringsum aufgeführte Schutzdamm war teilweise zerstört, der Gang ins Innere da und dort schwer beschädigt. Max stürmte voll böser Ahnungen mit seinem Generalstab ins Innere. Im großen Saal befand er sich zu seinem maßlosen Staunen von einer Menge Ameisen umringt, die er im ersten Schrecken gar nicht erkannte. Deutlich vernahm er sofort eine scharfe Stimme:

»Auf, ihr Leute! Sorgt, daß dies Heer nicht mehr hereinkommt!«