»Du weißt doch gar nichts! … Nun wohl, so höre, ob ich nicht recht habe, gegen dieses elende Fliegenweib aufgebracht zu sein. Wir Wespen erjagen gewisse Tiere, lähmen sie und tragen sie heim, einzig deswegen, um in ihren Körper unsere Eier abzulegen; nach einiger Zeit kommen aus den Eiern die Larven – unsere Kinder, verstehst du? Diese finden sogleich ihre Nahrung bereit, indem sie das Innere des Tieres aufessen, in das ihre Mutter sie vorsorglich hineingelegt hat. Die Speise reicht so lange, bis die Larven ein Knäulchen spinnen und sich in Puppen verwandeln, aus denen sie dann als vollkommene Insekten hervorgehen, um im Lichte der Sonne zu leben. Einige Wespen meiner Art erjagen sich Spinnen, andere Grillen, ich ziehe Raupen vor, weil sie mehr Fleisch besitzen. So weit wäre alles gut! Allein da gibt es auch in der Insektenwelt herumziehende Stromer, wie diese graue Mücke, die das Leben ihrer Kinder auf dieselbe Art sichern müssen; doch haben diese Feiglinge weder die Kraft noch den Mut, Spinnen und Raupen zu jagen, wie wir es machen. Was tun sie also? Diese Gauner schleichen um unsere Häuser herum, spitzeln alles aus, und sobald sie sehen, daß wir die Mitgift für unsere Kinder heimbringen, leise, leise – hast du nicht gesehen, siehst du nimmer – legen diese Diebe geschwind ihre Eier in unsere Beute! Begreifst du es jetzt? Hättest du mich nicht benachrichtigt, so hätte ich jetzt mein gutes Ei in die Raupe gelegt, in der Meinung, für das Fortkommen eines meiner Kinder gesorgt zu haben. Und was wäre statt dessen erfolgt? Die Eier der grauen Fliege hätten sich rascher entwickelt als meines, und ihre Larven hätten die ganze Raupe aufgegessen, während meine an den leeren Tisch gekommen wäre und elend hätte verhungern müssen. – Nun, sage, ist das nicht eine gemeine Schurkerei von diesen schmarotzenden Insekten, die ihren Kindern mühelos die Früchte unserer Arbeit zukommen lassen? Siehst du, jetzt kann ich die ganze Geschichte von vorn anfangen; ich muß eine andere Raupe erjagen und sie hierher schleppen. Aber in Gottes Namen! Was tut eine Mutter nicht für ihre Kinder! – Arbeiten und nur den Mut nicht verlieren!«

Bei diesen letzten Worten schien es, als ob aller Zorn bei ihr verraucht wäre.

»Auf Wiedersehen«, sagte sie in entschiedenem Tone. »Jetzt gibt es kein besseres Mittel, als die verlorene Zeit wieder einholen.«

Sofort breitete sie ihre Flügel aus und summte in ihrer fröhlichen Weise davon.

Max rief ihr noch nach: »Auf Wiedersehen, liebe Sandwespe!«

Er fühlte wirklich etwas wie Freundschaft für dies Tierchen. Es war wohl eine Mordwespe, und ihre Jagdgebräuche waren geradezu grausam. Aber nicht die Bosheit machte sie mordsüchtig und blutgierig. Sie tat alles nur für das Leben ihrer Kinder, wie auch die graue Fliege nur ihren Kindern zuliebe eine Diebin wurde. Die eine, stark und kühn, nahm andern Tieren das Leben, um es ihren Kindern zu geben; die andere, unfähig zum Raube, stahl zu dem gleichen Zweck dem Räuber seine Beute.

Max begann zu verstehen, daß alle Sorge und Arbeit der Insekten ohne Ausnahme auf ein hohes, edles Ziel hinstrebt. Mochten sie es erreichen, wie sie wollten, auch durch List und Mord, suchten sie einzig ihrer Nachkommenschaft das Leben zu sichern. Alles Streben dieser Tierchen ging darauf hinaus, daß das Ei befruchtet wurde, daß der ausgeschlüpften Larve ihre Nahrung zur Verfügung stand, daß die Jungen noch beschützt seien gegen alle Feinde, bis sie in ihrer Vollendung als fertige Tiere auftreten konnten. Dann fängt das wunderbare Spiel von vorn an. Das neue Geschlecht sorgt mit gleicher Fürsicht und mühender Liebe, wie sie ihm selbst zuteil geworden war, für seine Nachkommen.

Max erinnerte sich von neuem an die Herzlichkeit, mit der ihn die gute Fuska einst aufgenommen und in das Leben eingeführt hatte, als er aus seinem Knäulchen schlüpfte. Fuska, die liebevolle Pflegerin, die seinetwegen hatte sterben müssen!

In so traurigen Gedanken vertieft, war er wieder auf den Grabenrand hinaufgeklettert. Nun wandte er sich gegen sein einstiges trautes Ameisenhaus, das für ihn Heimat, leider auch der Schauplatz großen Unglücks gewesen war. Da sah Max zwei Untertanen seines einstigen Reiches, die mühsam einen Kürbiskern schleppten, und sein Herz wurde ihm weit.