Zu den kunsthistorisch bedeutsamsten Resultaten der übrigen in dem Buche niedergelegten Forschung gehört der Nachweis, daß Jacob Binck aller Wahrscheinlichkeit nach als der Schöpfer des an Schnitzereien und Intarsiaarbeiten so reichen sog. Geburtszimmers im königlichen Schlosse zu Königsberg angesprochen werden muß, wie sich aus einem Vergleich der ornamentalen Formenwelt der Täfelung mit den Ornamentstichen Bincks ergiebt. Einem Hans Wagner, der 1543 als Hoftischler in des Herzogs Dienste trat und nachweislich gegen hohen Sold bei den Arbeiten im Geburtszimmer beteiligt war, kann doch höchstens die Ausführung, nicht aber »die geistige oder künstlerische Urheberschaft« zugeschrieben werden (S. 40 f.). »Dies Ergebnis«, meint der Verfasser (S. 42) mit Recht, »ist von hoher kunstgeschichtlicher Bedeutung. Binck, der bisher nur als ein zwar gewandter, aber unselbständiger Kupferstecher bekannt war, tritt uns jetzt in einem ganz anderem Lichte entgegen. Jene nachgearbeiteten Kupferstiche gehören, soweit man es verfolgen kann, ausschließlich seiner Jugendzeit an; sie mögen dem Bedürfnisse nach Schulung der Hand oder nach Geldverdienst entsprungen sein. Im gereifteren Alter, wo er eine gesicherte Lebensstellung errungen hat, schafft er Werke, welche nicht blos geläuterten Geschmack und Formensicherheit, sondern auch selbständige Gestaltungskraft und lebendigen Sinn für feine Charakteristik bekunden.« Seite 54 wird dementsprechend Binck mit Peter Flötner in Parallele gestellt.

Daß dagegen das Epitaphium der Herzogin Dorothea, einer geborenen Prinzessin von Dänemark, im Dom zu Königsberg und das Denkmal der Herzogin Anna Maria daselbst, ebenso wie das Denkmal König Christians III. von Dänemark im Dom zu Roskilde aus der Werkstatt des Antwerpener Bildhauers Cornelis Floris hervorgegangen seien, hatte bereits der dänische Kunsthistoriker Francis Beckett richtig erkannt und in seiner vortrefflichen Doktorschrift (»Disputats«): »Renaissancen og Kunstens Historie i Danmark« (Kopenhagen 1897) S. 161 ff. dargelegt. Ehrenberg nun hat in dem dieser Frage gewidmeten Abschnitte seines Buches nicht nur jene Zuschreibungen noch fester begründet und der genannten Gruppe von Werken des Cornelis Floris auf Grund stilkritischer Vergleichung auch mit anderen Arbeiten des Meisters namentlich noch das imposante Marmordenkmal für Herzog Albrecht von Preußen im Dom zu Königsberg hinzugefügt, sondern überhaupt zum erstenmale ein umfassenderes Bild von dem Leben und der Thätigkeit dieses interessanten Spätrenaissance-Künstlers zu entwerfen versucht. Bezüglich des Albrecht-Epitaphs war übrigens gleichzeitig mit Ehrenberg K. Lohmeyer zu einem ähnlichen Resultat gekommen. Auch er schreibt die Ausführung des Werkes dem Cornelis Floris zu, glaubt jedoch, daß an der bisherigen Auffassung, wonach Jacob Binck den Entwurf lieferte, der dann in den Niederlanden ausgeführt wurde, festzuhalten, Binck also nach wie vor als der geistige Urheber zu betrachten sei. Vgl. Repertorium für Kunstwissenschaft XX, 464 ff. und Altpreußische Monatsschrift XXXV, 192 f.

So ist der Abschnitt I, 3 des Ehrenberg’schen Buches (»Jacob Binck und Cornelis Floris«) ohne Zweifel der wertvollste des ganzen darstellenden Teiles. Doch enthalten auch die übrigen Kapitel noch manches neue und bedeutsame Forschungsergebnis und manchen willkommenen Hinweis. Endlich thut auch die ganz vortreffliche Ausstattung mit zahlreichen Textillustrationen und Tafeln, in denen sich die hervorragendsten Denkmäler z. T. erstmalig reproduziert finden, das ihrige, um das Buch zu einer der erfreulichsten Erscheinungen in der kunstgeschichtlichen Litteratur der letztverflossenen Jahre zu machen.

Th. H.

St. Ulrich, Graf von Kyburg-Dillingen, Bischof von Augsburg (890–973). Ein hehres Lebensbild aus dunkler Zeit. Quellenmäßig untersucht und dargestellt von Ulrich Schmid. Augsburg, 1901. — Buchhdlg. Mich. Seitz.

Ohne weiter auf die historische Frage, welche vorliegendes Buch behandelt, einzugehen, nachdem dies schon an anderer Stelle geschehen ist (vgl. Beilage z. Augsburger Postzeitung, 16. März 1901), sei uns gestattet, einige Bemerkungen zu machen über die Methode der Darstellung. Das Buch wird in seiner vorliegenden Gestalt mehr an einen großen Leserkreis, als an die historische wissenschaftliche Welt appellieren müssen, da es in seinen Resultaten und auch in seiner Methode nicht immer den geschulten Historiker befriedigen wird. Ganz besonders muß hervorgehoben werden der fast gänzliche Mangel an Angaben von Quellen. Wo diese zitiert werden, geschieht dies meist in ungenügender Form, z. B. bei den M. G. ohne Angabe der Abteilung und des Bandes. Gerhart, der in sehr vielen Fällen der Gewährsmann unseres Verfassers gewesen zu sein scheint, hätte unbedingt öfter nach der Druckausgabe zum Texte zitiert werden müssen. Störend wirkt an manchen Stellen die Unterbrechung des inneren Zusammenhanges durch Einstreuung allgemeiner Bemerkungen über Gegenstände, welche dem Gebiete der Diplomatik, Heraldik etc. angehören. Gerade die scharfe Scheidung dessen, was in die Anmerkung gehört, vom Texte, ist eines der vorzüglichsten Mittel, die Lektüre eines wissenschaftlichen Buches angenehm zu machen und das Verständnis zu erleichtern. — Wiedergaben von Abbildungen aus Handschriften, wie z. B. die Abbildung des heiligen Ulrich in einer alten Handschrift (diese hätte näher bezeichnet werden sollen) in der Stiftsbibliothek zu Maria-Einsiedeln, sind im Lichtdrucke nach einer Photographie, nicht nach Abzeichnung beizugeben. Ebenso hätte der Grundriß der Burg Kyburg in besserer technischer Stilisierung erscheinen sollen.

Im übrigen zeugt die Arbeit für den großen Fleiß und das rege persönliche Interesse des Verfassers für das Thema, was uns hoffen läßt, daß derselbe sich noch weiter mit dieser historischen Frage beschäftigen wird, um zu einem völlig historisch gesicherten Resultate zu gelangen. Doch auch in der vorliegenden Form empfehlen wir schon das Erstlingswerk des Verfassers, indem das Buch vielfach neues bringt und auch in weiteren Kreisen Interesse und Nachforschung über St. Ulrich erwecken wird.

Dr. Kn.

Die Leipziger Kramer-Innung im 15. und 16. Jahrh. — Zugleich ein Beitrag zur Leipziger Handelsgeschichte. — Herausgegeben von der Handelskammer zu Leipzig. Verfaßt von deren Bibliothekar Siegfried Moltke. Leipzig, Verlag der Handelskammer, 1901.

»Mit großem Fleiße hat der Verfasser vorliegenden Buches, aus den vergilbten Blättern des alten Leipziger Kramerbuches und aus Kramer-Urkunden ein lebensfrisches Bild von Sitten und Gebräuchen des deutschen Innungswesens im Mittelalter herausgeschält. Das Buch rechtfertigt auch in vollem Maße die Erweiterung seines Titels »Beitrag zur Leipziger Handelsgeschichte«, denn es bringt zahlreiche neue Nachrichten über den Leipziger Handel selbst und berichtigt an vielen Stellen herrschende irrige Ansichten auf diesem Gebiete.