Wir kehren kurz zu Bekanntem zurück! Wir erinnern uns dessen, was wir über den Bratspieß zu sagen hatten, und gewinnen von da aus den Übergang zu einem neuen, dem letzten Herdgeräte, welches uns zu beschäftigen hat. In der Küche des Museums begegneten wir einem Spieße, der nicht mit einem Griffende zum Drehen durch Menschenhand versehen, sondern so hergerichtet ist, daß er schraubenmutterähnlich auf den entsprechenden Teil einer Maschine aufgesetzt und also auf mechanischem Wege in Drehung gebracht werden kann. Diese Maschine ist der »Bräter« (lat. automatum, franz. tournebroche od. happelopin).

Fig. 61. Kaffeetrommelhalter aus der Puppenküche G.

Unter Bräter verstand man um die Mitte des 14. Jahrhunderts noch den Küchenbuben, der den Spieß zu drehen hat. In den Gedichten des »Königs vom Odenwald« nämlich, die Edw. Schröder jüngst in überzeugender Weise dem Verfasser des von mir oft genannten »Buches von guter Speiße« zugeschrieben hat, findet sich um das Jahr 1340 die Bemerkung, daß der Küchenjunge zum Lohne für das Spießdrehen die Hälse der gebratenen Hühner bekommt, mit den Worten ausgedrückt: »Der breter der hat die kragen«[108]. Erhält so der Bräter nur einen ärmlichen Lohn, so wird auch sein Geschäft mit Vorliebe dem Aschenbrödel des Hauses — dessen Name übrigens mit »braten« nichts zu thun hat[109] — zugeschoben: »Die junckfrawen in dem hauß die braten nicht, ja wol, der eschengrüdel můß es als thůn«[110]. Von dem Bräter als jungem Dienstboten ist der Name dann auf die Maschine übergegangen, und wenn am Ende des Mittelalters der Ausdruck »bräter« begegnen sollte, so sehe man wohl zu, was von beiden gemeint ist.

Das Geschäft des Bratendrehens, das Stunden lang und doch nicht ohne Aufmerksamkeit betrieben werden mußte und das den damit Betrauten in unangenehmer Weise der Hitze und dem Rauch aussetzte, mußte unzweifelhaft den Wunsch nach einem maschinellen Ersatz wecken. Man suchte sicher schon während des Mittelalters darnach, und diese Überlegungen müssen dann immer wieder neue Nahrung erhalten haben, wenn bei besonderen Gelegenheiten die Kraft eines Einzelnen zum Drehen nicht ausreichte, wenn z. B. bei Königskrönungen und ähnlichen Festlichkeiten ganze Ochsen etc. am Spieße gebraten wurden und man dazu schreiten mußte, an Stelle der Griffkurbel ein großes Schwungrad mit mehreren Handgriffen an den riesigen Spieß zu befestigen. Noch in Fischarts Gargantua (80a) finden wir eine derartige Schilderung, wenn er sagt: »Was meint ir, daß der ganz gebraten ochs auf der krönung zu Frankfort gegen disem sei? wann man schon daselbs mit acht henden must das pratrad wenden«, und wenn er ebendort (80b) erzählt, wie ein »lebendig bratspißwerk oder selbsgengig bratspißmül von 72 pratspissen« erfunden wird, so ist das zwar ein übertreibender Scherz, aber es zeigt doch immerhin, wie das Problem noch manche Geister erfüllte, nachdem längst der Bräter wenigstens in die vornehmen Küchen seinen Einzug gehalten hatte.

Die verschiedenen Arten des Bräters, wie sie in Deutschland üblich waren, finde ich erst sehr spät in lückenloser Aufzählung, nämlich bei Marperger, a. a. O. S. 652a, wo er sich in dem Artikel »Koch« folgendermaßen äußert: »Der Kuͤchen-Geschaͤffte muͤssen wir auch allhier von wegen ihrer Vortrefflichkeit nicht vergessen, als in welchen auch ein gutes Theil ihrer Meisterschafft bestehet, als da sind das Vieh abschneiden, abziehen, bruͤhen, bereiten, das Fleisch in das Wasser legen, wieder herausnehmen, spicken, an das Feuer setzen, den Braten anstecken, den Braten wenden, darzu sie dann auch ihr liebliches und Vulcanisches, wo nicht gar Plutonisches Gesindlein haben, oder aber sonsten Braͤter, so mit Gewichte, Federn, Wind oder Rauch getrieben werden. An etlichen Orten koͤnnen auch die Hunde das Bratenwender-Handwerck, ist aber bei ihnen ein Fuß-Werck«.

Ähnlich hatte sich schon, in manchen Punkten sogar noch genauer die Einzelheiten berührend, Johann Coler in seiner »Oeconomia oder Hausbuch« vom Jahre 1595 (I, 206/7) ausgesprochen, und ich darf nicht darauf verzichten, auch diese Stelle hier im Wortlaut wiederzugeben. Coler sagt folgendes: »Man pfleget sonsten zu sagen: lendlich, sittlich, ein jeglich Land hat seine arten vnnd Compendia, wie mans nur an den braten sihet. Denn an etlichen orten braten die Menschen: Da mus man mit vnkosten einen Bratenwender halten, der die Braten am spisse beym fewer stedigs vmbdrehet, vnnd geschieht solchs mit grosser vngelegenheit. Denn da gehen vnkosten auff den Wender, vnkosten auffs Holtz vnnd Kolen, vnkosten vnnd schaden auff die Materien, denn darnach der Brate gewendet wird, darnach wird er auch gar, wenn er bißweilen stille helt, vnnd sich den schwung des spiesses regieren lest, so braͤt er jn an einen ort gar, am andern ist er noch halb roh, oder schleudert den Braten gar ab, wenn er muͤrbe oder gar ist, das er in die Asche felt: Da verbrennet vnnd verderbet man viel Bratpfannen, das Gesinde frisset oder duncket in abwesen der Frawen das fette aus, vnnd wird bißweilen der braͤther mit grosser gefahr seiner gesundheit schier so gar, als der Brate. An etlichen oͤrtern braten die Hunde, so darzu gewenet sein, das sie im rade lauffen, vnd also den spiß mit dem braten vmbdrehen. An etlichen oͤrtern hat man sonderlichen Bradtzeug mit gewichten vnnd Raͤdern, da bißweilen der Zeug wol so viel kostet, als die Braten, die man innerhalb einem gantzen Jahr damit braten moͤchte. An etlichen oͤrtern hat man Bradtroͤhren in dem Ofen, darein man die Braten in einer Pfannen setzet, vnnd forne ein Plech vorscheubet, das ist wol eine feine art, sonderlich im Winter, aber es gibt in der stuben einen starcken geruch oder stanck, den nicht ein jeder in seinem Kopffe vertragen kan. An etlichen oͤrtern heitzen die Becker am Sontage fruͤe den Backofen, darein setzen sie die Braten in einer Pfannen, welche von den Nachbarn heuffig hingebracht werden, da kan man seinen Braten mit zween oder drey pfennige gebraten bekommen, ohne alle weitere scheden vnd vnkosten.«

Schließlich äußert sich auch wieder Jacobson a. a. O. I, 280 über den »Bratenwender« in folgender Weise: »Es giebt verschiedene Gattungen derselben. Einige haben Gewichte oder auch eine Feder, welche die Räder und Getriebe in Bewegung setzen, und diese sind einer großen Thurmuhr ähnlich aber einfacher. Diejenigen, so statt des Gewichts eine starke Feder haben, sind die bequemsten. Denn sie nehmen den geringsten Platz in der Küche ein, und überdem sind sie auf einem Klotz bevestiget, den man mit dem Bratenwender von dem Feuerherd wegnehmen und in einen Winkel stellen kann, wenn der Bratenwender nicht gebraucht werden soll. Sie werden von Schloͤssern, auch wol Uhrmachern verfertiget. Auch giebt es welche, an welchen ein großes Triebrad angebracht ist, worinn ein Hund eingesperrt wird, welcher solches durch sein Umlaufen und zugleich auch die ganze Maschine in Bewegung setzt. Ferner werden einige durch blecherne Fluͤgel bewegt, die vermittelst des in den Schornstein aufsteigenden Dampfs und Rauches in Bewegung gesetzt werden, und hiedurch das Räderwerk umwaͤlzen.«

Da haben wir die verschiedenen Arten des Bratenwendens in ihrer ganzen Reihe aufgezählt. Und nicht nur aus diesem Grunde setzen sich jene Stellen mit Glück an den Anfang, sondern auch deshalb, weil die deutsche Altertumswissenschaft methodisch wieder recht deutlich daraus lernen kann, was ich in diesen Aufsätzen schon wiederholt betont habe, daß nur sehr allmählich der Übergang vom urwüchsigen zum verfeinerten Gebrauch, vom einfachen zum verbesserten Gerät erfolgt, und daß die verschiedenen Stufen oft Jahrhunderte lang neben einander bestehen. Nur da, wo es sich um die Geräte des vornehmen Hauses handelt, mag man deren formale Wandlungen zeitlich ungefähr bestimmen können, völlig aber verschwimmen die Übergänge bei Brauch und Gerät des Volkslebens, das zwar immer vom Herrenleben sich beeinflußt zeigt, das aber in mannichfach wechselnder Weise bald ihm unmittelbar auf dem Fuße folgt wie ein getreues Hündlein seinem Herrn, bald erst nach weitem Abstande in langsam-gemütlichem Schlenderschritte ihm nachfolgt. Nicht nur beim Herdgerät, auch bei allen anderen Beziehungen des bäuerlichen Lebens — soweit es sich nicht um die selteneren originalen Bauernschöpfungen handelt — ist es so. Die historische Volkskunde beherzige das! —