Aufseß hätte hier wohl lieber die Jahreszahl in 1487 ergänzt, denn er meinte »das Übrige habe der Mangel an Raum nicht erlaubt, hinzuzufügen«. Wenn ich 1490 statt 1480 lesen möchte, so geschieht es nur insofern in Übereinstimmung mit Aufseß, als 1480 keine auf den Codex bezughabende Zahl sein kann. Entweder war unser Miniator so in seine Arbeit vertieft, daß er gedankenloser Weise das letztverflossene Dezennium angab, oder er wußte thatsächlich nicht, wie Aufseß annahm, eine andere Zahl in den gegebenen Raum hineinzucomponieren. So wird durch die Wahl des ersten Jahres eines neuen Decenniums (ein psychologisch leicht erklärlicher Irrtum) die Vollendung des 1489 begonnenen Codex im Jahre 1490 wahrscheinlich, denn unser Blatt 5, mit der Lection für Allerheiligen, bildete eines der letzten des mehr als 210 Blätter zählenden Codex.

Sollte etwa die Jahreszahl 1480 absichtlich und bewußt gewählt worden sein, so ändert dies an dem Datum der Fertigstellung des Codex nichts und wir könnten in dem abgebildeten Medaillon nur die Abbildung einer so umschriebenen Münze sehen.

Nach Stil und Inschriften sind also Ort, Zeit und Miniator der Blätter genug bestimmt. Überdies findet sich auf Blatt 7 das Wappen des Stifters der Reichsabtei von St. Ulrich & Afra in Augsburg.

Eine als Gegenstück gemalte Steinmetzzeichenartige Figur auf weißem Wappenschilde habe ich nicht bestimmen können. Es stellt ein gleichschenkliges, spitzwinkliges Dreieck dar, dessen untere kurze (Basis-)Seite nach rechts um etwa die Hälfte verlängert ist und rechtwinklig nach unten abbiegt. — Unerklärt bleiben auch die im Buchstabengestell des Initialbildes S (Bl. 9) in Gold gezeichneten Majuskeln M H und E G. Die Initialien M H und I. M H finden sich im Cod. lat. Mon. 4302 der 1459 in Augsburg illuminiert wurde, dieselben Initialen finden sich in einem von Chytil 1896 publizierten Tafelwerk böhmischer Miniaturen (Auf e. Miniatur von 1517)[122]. In keinem Falle scheinen diese Initialen den Miniator oder Schreiber anzudeuten, wenigstens habe ich in den von Wittwer und Anderen gelegentlich aufgeführten Listen der Mönche von St. Ulrich & Afra keinen Namen, dem diese Initialen zukommen könnten, aufgefunden.

Als sicher bleibt, daß diese Blätter einem im Kloster St. Ulrich & Afra unter Abt Johannes von Giltlingen von Conrad Wagner 1489/1490 illuminierten Codex entstammen.

An die noch nicht näher erörterten Initialen J. B. sind hier einige Bemerkungen zu knüpfen, da sich im Germanischen Museum ein ganz prächtig illuminiertes und kostbar eingebundenes Lectionar (3135b) befindet, in dem ich ohne Weiteres die Art und Hand des Augsburger Meisters Jörg Beck erkenne. Diese Zuweisung stützt sich auf genauen stilistischen Vergleich mit den, in den Studien zur Deutschen Kunstgeschichte Heft 25, eingehend gekennzeichneten Arbeiten desselben Meisters und seines Sohnes vom Jahre 1495. Es genüge hier nur der Hinweis auf Einiges, was diese Miniaturen besonders als Arbeiten des Jörg Beck erkennen läßt.

Abgesehen von den vielen kleinen Federschnörkelchen zwischen den Randverzierungen, die die Entstehung dieser Handschrift nach 1495 vermuten lassen, ist besonders im Randschmuck die feine Verteilung der Maßen, die Vermeidung aller ausgeprägt grellen oder auch allzuzarter Farben, die unauffällige Belebung der Ranken durch recht lebendig aufgefaßte Tiere[123], für die Art des Georg Beck bezeichnend.

Das einzige, in Augsburger Art umrahmte, Bildinitial des Codex ist ca. 72 x 72 mm groß. Das Feld ist goldunterlegt und bildet gleichzeitig die Luft der Landschaft. Das Buchstabengestell ist blau gemalt. Das Bild »Christi Geburt« ist in dieses Gestell gut hineincomponiert. Das verstand J. B. immer gut. Die satten Farben, die weite Landschaft mit dem See und den Gebäuden an seinem Ufer, die hell von der Sonne beschienenen Hügel mit den gelben Wiesen und dem grünen Gebüsch, den in der Ferne blau erscheinenden Alpen, alles kennzeichnet die Art, wie J. Beck die Landschaft liebt und sieht, und wie sie uns in dem Psalterium in Augsburg und München besonders vertraut wird. Auch Einzelheiten sprechen durchaus für ihn. So der minutiös gemalte Hirt mit seiner Schafheerde auf dem Hügel, der liebevoll gemalte, aber von allen Kleinlichkeiten freie Vorder- und Mittelgrund der Landschaft. Wie auf fo. 152b des Augsburger Codex trägt auch auf unserem einzigen Initialbild der Geburt des Herrn Maria ein brokatenes Kleid unter dem ruhig fallenden Mantel. Ihr blondes Haar fließt auch hier leicht an den Schläfen vorbei und — wie wiederholt in den entsprechenden Bildern des Beck — hält Joseph eine brennende, abtröpfelnde Kerze in der einen Hand, während er mit der anderen die Flamme schützt und ihr Licht auf des Kindes umstrahlten Leib zurückwirft.

Die Arbeit des Georg Beck steht weit über der des Conrad Wagner. Jedenfalls ist in den zehn Blättern, die dem letzteren zuzuschreiben sind, keine Miniatur von jenem. Die Initialen I. B. als die Initialen Jörg Becks zu lesen geht also nur an, falls man annehmen wollte, Conrad Wagner habe J. B. mehr oder weniger als seinen Meister anerkennen wollen, der ihm wohl auch bei der großen Arbeit geholfen haben könnte.