Auf Sp. 221 des vorjährigen Anzeigers brachten wir eine kurze Nachricht über die in der oben bezeichneten Schrift verhandelte Angelegenheit, welche Interesse genug bietet, um, nachdem wir in den Besitz der Abhandlung gelangt sind, etwas näher in Betracht gezogen zu werden. Wenn sich dabei herausstellt, daß wir uns mit der Ansicht des Verfassers, eines schätzbaren Mitgliedes unseres Gelehrtenausschusses, nicht befreunden können, so darf man nicht etwa daraus schließen, wir seien dem Grundsatze, im Anzeiger keine Polemik aufkommen zu lassen, untreu geworden. Nicht Polemik gegen den Verf., sondern eine Apologie der Roswitha ist der Zweck dieses Aufsatzes. Betrachtet das german. Museum doch als eine seiner Hauptaufgaben, Denkmäler des deutschen Alterthums vor dem Untergange zu retten; — warum denn nicht auch vor der Vernichtung durch die Kritik, wenn es mit Grund geschehen kann?
Die bei Gelegenheit der oben erwähnten Anzeigernotiz geäußerte Vermuthung, der Münchener Codex möchte dem Anfechter der Roswitha nicht vorgelegen haben, findet sich in seiner Abhandlung bestätigt. Der Hinweis auf die alte Handschrift war ihm jedoch nichts Neues, indem er selbst ausspricht, daß jeder Zweifel an der Authenticität der fraglichen Schöpfungen sogleich durch einen solchen Hinweis bisher beseitigt und niedergeschlagen worden sei. Man sollte nun erwarten, daß der Verf. seine Angriffe vor Allem gegen die Echtheit des Codex richten werde, um jedem ferneren Einwande nach dieser Seite hin den Boden zu entziehen. Dies geschieht aber nicht, und konnte nicht geschehen, weil er eben die Handschrift nicht gesehen hat. Nun lassen sich allerdings für die Unechtheit der Dichtungen Gründe von solcher Stärke als vorhanden denken, daß sie zu einem sichern Schluß auf die Unechtheit der Handschrift berechtigten und eine Untersuchung der letztern überflüssig erscheinen ließen. Allein daß die von Hrn. Aschbach beigebrachten Beweise diese Stärke haben, will uns nicht einleuchten, und wir halten daher die Hinweisung auf den Codex fortwährend so lange für wohl angebracht, als nicht dessen Unechtheit an ihm selber dargethan ist. — Der Verfasser denkt sich den Hergang der Entstehung der Roswitha’schen Dichtungen wie folgt. Celtes fand in Regensburg das (echte) Legendenbuch einer Nonne Roswitha. Aus verschiedenen, zum Theil etwas sonderbaren Beweggründen, z. B. um Charitas Pirkheimer wegen ihres Lateinschreibens zu rechtfertigen, vornehmlich aber aus Ehrgeiz und um Italien Concurrenz zu machen, entschloß er sich, den Fund auf ganz besondere Art auszubeuten. Damals hatte er seine humanistischen Freunde am Rhein zu einer gelehrten Sodalität vereinigt, und deren Productionen nun sollten als Werke einer sächsischen Nonne aus dem 10. Jahrhundert veröffentlicht werden. Das alte Legendenbuch wurde benutzt, um darnach von einem in der Paläographie bewanderten Schreiber jenen Codex fertigen zu lassen, der noch gegenwärtig in München aufbewahrt wird; wogegen die echte Handschrift, an deren Stelle das Machwerk nach Regensburg wanderte, aus Vorsicht vernichtet wurde. — Also eine alte Handschrift wird vernichtet um der Ehre willen, eine umfangreichere, aber gefälschte herauszugeben und vielleicht morgen als Betrüger entlarvt zu werden. Noch mehr: eine ganze Sodalität ist mit im Geheimniß, ohne daß etwas verrathen wird, und jedes der gelehrten Mitglieder bethätigt größeren Eifer, im Geheimen an einem Betruge sich zu betheiligen, als zu der beigesteuerten Dichtung öffentlich als Verfasser genannt zu werden. Prof. Aschbach meint, ein literarischer Betrug, wie ihn Celtes mit den Dichtungen der Roswitha begieng, entspräche ganz seinem Charakter. Aber auch dem Charakter der übrigen Mitglieder der rheinischen Sodalität, die durch ihr bereitwilliges Eingehen auf die Sache nicht geringere Schuld auf sich luden? Und was den Ligurinus betrifft, so ist die Fälschung noch keineswegs völlig klar und außer Zweifel gestellt. Jac. Grimm vermuthet, Celtes oder einer seiner Freunde und Genossen könnte den Ligurinus gedichtet haben, und Wattenbach hält ihn für unecht und vermuthlich von Celtes selbst verfaßt. Auch liegt die Sache hier und bei den übrigen Fälschungen, welche Celtes noch beabsichtigt haben soll, anders, als bei der Roswitha, sofern er nämlich Handschriften dabei nicht produciert hat. Wenn es ihm so leicht wurde, die gelehrte Welt durch Handschriftenfälschungen hinter’s Licht zu führen: warum von dem Manoeuvre nur einmal und nicht öfter Gebrauch machen? Aber auch angenommen, Celtes habe sich wirklich eine oder mehre Fälschungen zu Schulden kommen lassen, so folgt doch daraus noch nicht die Unechtheit der Roswitha; sonst müßte man daraus auch ja auf die Falschheit der gleichfalls von Celtes gefundenen sog. Peutinger’schen Tafel schließen. Jedenfalls nicht weniger bündig wäre der Schluß: die Peutinger’sche Tafel ist echt, folglich ist auch Roswitha echt. — Man erwäge ferner die Schwierigkeit, einen Codex von solchem Umfange so geschickt herzustellen, daß selbst gewiegte Kenner getäuscht werden. Sollte dies überhaupt möglich sein, so war doch zu der Zeit des Celtes sicher Niemand dazu im Stande. Wunderbar, ja, unbegreiflich ist auch die Stellung, welche der Fälscher seinem eigenen Machwerk gegenüber einnimmt. Barack weist nach, daß Celtes den Text der Handschrift an sehr vielen Stellen falsch oder gar nicht verstanden, daher auch allerlei unpassende Correcturen hineingepfuscht hat. Roswitha sündigt um des Reimes willen (also absichtlich) öfters gegen die Grammatik. Celtes corrigiert nun in der Handschrift die sprachwidrigen Endungen (in so fern ist er Fälscher), unbekümmert um den Reim und aus offenbarem Nichtverständnisse der Roswithaschen Reimprosa — jener Reimprosa, welche er selbst zum großen Theil componiert haben soll! Dagegen hat er sich auf etwas verstanden, wofür der Gelehrsamkeit seiner Zeit sonst alles Verständniß abgieng, nämlich auf das Althochdeutsche. In der Vorrede zu den Comödien übersetzt Roswitha ihren Namen (Hrotsvitha, Hruodsuind) richtig mit clamor validus, was zu ihrer Zeit noch möglich war; aber im Zeitalter des Celtes vermochte Niemand den Namen so zu deuten[76]. Aschbach findet in den Werken Roswitha’s alle Eigenthümlichkeiten der humanistischen Poesie des 15. Jahrh., und weder Sprache noch Darstellung, weder Form noch Inhalt dem Wissen und Wesen einer Nonne des 10. Jahrh. gemäß. Allein er urtheilt über die Sprache, ohne sie eingehend untersucht zu haben, wie schon aus folgender Bemerkung von ihm hervorgeht: „Es wäre nicht uninteressant, im Einzelnen nachzuweisen [was er nicht thut], welche Idiotismen bei der Roswitha mit denen bei den deutschen Humanisten am Ende des 15. Jahrh. übereinstimmen“. So viel können wir schon jetzt bezeugen, daß Roswitha manche sprachliche Eigenheiten (z. B. die Vorliebe für griechische Ausdrücke, für Derivativen auf -amen u. dgl., überhaupt die Neigung zu willkürlicher Wortbildung) nicht sowohl mit den Humanisten, als mit Dichtern des 10. und 11. Jahrh. gemein hat. Bezüglich der Versification behauptet Verf., der Gebrauch der leoninischen Verse durch ganze Dichtungen sei ein späterer, der erst im 14. und 15. Jahrh. sich verbreitete. Aber im Ruodlieb, der wenig jünger ist, als die Dichtungen der Roswitha, kommen die leoninischen Hexameter ebenso „fast regelmäßig durch das ganze Gedicht“ vor, wie bei unserer Nonne. „Die elegische Verbindung des leoninischen Hexameters mit dem gereimten Pentameter ist eine im 10. Jahrh. [zu ergänzen: nachweisbar] nicht vorkommende“ — freilich, sobald Roswitha für immer beseitigt sein wird; aber so lange dies nicht der Fall ist, kommt jene elegische Versverbindung im 10. Jahrh. auch immer noch vor. Was hat es nur zu bedeuten, daß Prof. Aschbach der Reimprosa, in welcher die Komödien geschrieben sind, gar keine Erwähnung thut? Sollte sie ihm ebenso entgangen sein, wie dem Celtes, der — sie selbst gedichtet hat? — Was die „schlüpfrigen“ Stellen bei Roswitha betrifft, so ist zu erwägen, daß an das naivere Bewußtsein ihrer Zeit ein anderer Maßstab zu legen ist, als an das prüde unsers Jahrhunderts, und daß die Kirche die Schilderung der Sünde zum Zweck der Besserung nie gescheut hat. Von Frivolität ist Roswitha aber weit entfernt, wenn auch in dem absonderlichen Schlusse der Legende von St. Gangolf ein Anflug von Humor nicht zu verkennen ist. — Ferner ist die Nonne dem Verf. zu gelehrt: „kaum“ konnte zu ihrer Zeit Jemand so fertig Latein schreiben, „nicht leicht“ war Jemand in den alten Classikern damals so belesen. Wir lassen diese Aussprüche auf sich beruhen, und gehen über zu den äußern, positiven Beweisen, welche Prof. Aschbach dafür beibringt, daß die Roswitha’schen Dichtungen von Mitgliedern der rheinischen Sodalität verfaßt worden sind. — S. 35 heißt es, Jodocus Sturnus von Schmalkalden habe an Celtes geschrieben, „daß es ihn ganz besonders gefreut habe, daß unter den (so!) Roswitha’schen Dichtungen auch seine Produktion über die Agnes aufgenommen worden.“ Dies ist aber schlechterdings nicht der Sinn der Worte, wie sie im Originale lauten, die nichts dergleichen verrathen; und so verhält es sich mit allen brieflichen Beweisstellen, die der Verf. mühsam zusammengetragen und auf seine Art gedeutet hat. Die Sache ist nämlich die: „In der Celtesschen Briefsammlung kommen Schreiben vor, welche dunkle und höchst sonderbar lautende Stellen enthalten“, wobei man „nicht vergessen darf, daß damals der Sponheimer Abt Johann Trithemius seine Geheimschrift (Steganographia) erfunden hatte“. Nun war Prof. Aschbach so glücklich, unter jenen dunklen Stellen verschiedene ausfindig zu machen, welche auf eine Conspiration zum größern Ruhme der Roswitha sich deuten lassen und von dem Entdecker wirklich so gedeutet worden sind. Allein Jeder, der die Orginalstellen nachliest, überzeugt sich leicht, daß jene Deutung überall unbegründet ist. Auf wie schwachen Füßen die Beweisführung mehrentheils einherhinkt, mögen noch ein paar Beispiele darthun. In einer Celtes’schen Ode an Janus Tolophus heißt es u. A.: „Interpres vetustas solvis candide fabulas.“ Aus dieser Stelle soll die Betheiligung des Tolophus an den Roswitha’schen Produktionen zu folgern sein! In der 1501 geschriebenen Vorrede zu den Werken der Roswitha sagt Celtes, er habe die Handschrift der letztern „nuper“ gefunden, während er die gefundene doch schon seit 1494 in Händen hatte und noch früher von deren Existenz wußte. In diesem „nuper“ soll daher eine geflissentliche Entstellung des Sachverhaltes liegen. Wie wird da Cicero bestehen mit seinem „Nuper, id est paucis ante saeculis“? Genug! — Um schließlich unsere Ansicht von der Aschbach’schen Schrift in einem kurzen Ausspruch zusammenzufassen, so können wir nur sagen, daß sie im Allgemeinen auf uns den Eindruck eines zierlich gefügten Romans von Aschbach’s eigener Erfindung gemacht hat.
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Der vorstehende Aufsatz war seinem Hauptinhalte nach bereits geschrieben, als anderweite Urtheile über die hier besprochene Angelegenheit noch nicht gedruckt erschienen waren. Inzwischen ist nicht allein in den Göttingischen gelehrten Anzeigen die Aschbachsche Ansicht von G. Waitz mit siegreicher Waffe bekämpft worden, sondern hat auch, nach einer Mittheilung der Allg. Ztg. vom 23. Sept. 1867, Jaffé nach Einsicht der Handschrift erklärt, daß gegen die Echtheit und das Alter derselben nicht der mindeste Zweifel erhoben werden könne. Da nun auch Prof. Aschbach, soviel uns bekannt, zur Begründung seiner Hypothese nichts weiter gethan hat, so dürfte die Sache als endgültig entschieden zu betrachten sein.
Aufsätze in Zeitschriften.
The Art-Journal: Nr. 77, New Series, May: The Legend of Madame Sainte Notburg.
Das Ausland: Nr. 17, S. 399. Stein-, Bronze- und Eisenzeit. — Nr. 18, S. 423. Zur Geschichte des Compasses.
Europa: Nr. 16, Sp. 499. Die Metzger- und Studentenposten des Mittelalters. — Nr. 17, Sp. 537. Ein archivarischer Fund („Schichttheilungen“ etc., in Graudenz).
Die Gartenlaube: Nr. 18. Kloster Eberbach. — Nr. 19. Die Metzger und ihr Brunnen (in München).