21) Die Kaiserurkunden der Provinz Westfalen 777 -1313, kritisch, topographisch und historisch, nebst anderweitigen Documenten und Excursen von Dr. Roger Wilmans. Erster Band. Die Urkunden des Karolingischen Zeitalters 777–900. Mit zwei lithographirten Tafeln. Münster, Druck und Verlag von Friedrich Regensberg. 1867. 8.
Die bei Urkundenpublikationen in älterer Zeit fast ausschließlich zur Anwendung gebrachte Gruppierung war topographischer Natur, indem man die auf einzelne Klöster, Stifter, Orte, Territorien u. s. w. bezüglichen Urkunden gemeinschaftlich edierte. Später wurden große Dokumentensammlungen lediglich nach dem Princip der Chronologie veranstaltet. Endlich galt es, die Urkunden nach ihrer Gleichartigkeit zusammenzustellen, und so entstanden Ausgaben von Urkunden, die von Kaisern, Königen und anderen Regenten, geistlichen (namentlich den Päpsten und Bischöfen) und weltlichen Standes ausgestellt waren. Das vorliegende Werk nun vereinigt die erstgenannte Maxime der Gruppierung mit der zuletzt bezeichneten Art der Zusammenstellung, indem es sich auf ein bestimmtes Territorium beschränkt, nämlich Westfalen, und nur eine bestimmte Klasse von Dokumenten, nämlich die Kaiserurkunden, in’s Auge faßt. Dieses Arrangement des urkundlichen Materials und die demselben entsprechende Behandlung dürften als neu zu betrachten sein; ihre Vorzüge an sich schon unterliegen keinem Zweifel, und wenn die Durchführung eine so völlig gelungene ist, wie in unserem Werk, dann muß die neue Methode als ein höchst schätzenswerthes Mittel zur Förderung der Geschichtswissenschaft gepriesen werden.
Wir können daher die Idee des Verfassers, welche seinem Buch zu Grunde liegt, nur als eine sehr fruchtbare bezeichnen, und stimmen ihm von Herzen bei, wenn er sagt: „Die Bearbeitung und Erläuterung der einschlägigen Kaiserurkunden in dem oben angedeuteten Sinne zu unternehmen, möchte ich nun überhaupt für eine wichtige, den Vorständen unserer Provinzial-Archive obliegende Aufgabe, und gleichsam für eine Schuld erachten, die wir in unserer besonderen Stellung an die deutsche Reichsgeschichte abzutragen haben. Denn da wir allein uns im vollständigen Besitz und freiester Disposition über das bei jeder Urkunde in Betracht kommende diplomatische und archivalische Material befinden, und durch unser Amt auf die Erwerbung der speziellsten Kenntniß der Localverhältnisse angewiesen sind, so dürften wir zunächst berufen sein, das rechte Verständniß dieser wichtigen Geschichtsquellen auch den weiteren wissenschaftlichen Kreisen zu vermitteln.“
Diese Winke zur Beherzigung für Beamte in Provinzialarchiven verdienen gewiß alle Beachtung; wo man aber die Provinzialarchive durch die Sucht nach Concentration verstümmelt und die Archivare zu Conservatoren herunter decretiert hat, da ist die Lösung einer so schönen Aufgabe, wie sie Wilmans den Provinzial-Archivaren zuweist, eine Unmöglichkeit, die freilich der Geschichtswissenschaft nicht zum Vortheil gereicht.
Die tiefgehenden Forschungen, wie sie in unserem Werk niedergelegt sind, machen im Speziellen und im Ganzen den Eindruck wissenschaftlicher Vollendung, und ohne auf Einzelheiten eingehen zu können, glauben wir die Ueberzeugung aussprechen zu dürfen, daß die gewonnenen Resultate in beiweitem den allermeisten Fällen auf der Basis der rechten Erkenntniß beruhen.
Das Einzige, was wir an dem Werke aussetzen möchten, ist das Register. Denn einmal entbehrt es wenigstens an einer Stelle der Genauigkeit, da wir unter „Mainz“ nur die Erzbischöfe Sunderolt und Siegfried aufgeführt finden, während außer diesen doch auch noch Bonifacius, Lullus, Liutbert und Hatto hätten genannt werden sollen. Der Letztere wird im Verzeichniß gar nicht aufgeführt. Außerdem genügt unseres Dafürhaltens bei einer sonst so musterhaften Arbeit ein so einfaches Register wie das vorhandene nicht, und wir halten uns im Interesse der Wissenschaft zu dem Wunsche berechtigt, der Verfasser möge sein Werk durch Register krönen, wie wir deren z. B. in Stumpf’s Acta Moguntina sæculi XII. finden.
C. W.
22) Johannes Kepler. Vier Bücher in drei Theilen. Von Dr. Edmund Reitlinger, k. k. Professor am Polytechnikum in Wien; unter Mitwirkung von C. W. Neumann k. bayr. Hauptmann u. s. w.; und dem Herausgeber C. Gruner, k. württ. Ober-Justiz-Revisor u. s. w. Mit vielen Illustrationen. Im Selbstverlag des Herausgebers. Commissions-Verlag von Carl Grüninger in Stuttgart. 1868. 8. I. Theil. 224 Stn.
Wie vorzüglich durch das Verdienst des Herausgebers des vorliegenden Buches das Andenken eines der bedeutendsten Vertreter der deutschen Geistesgeschichte in dem Maße hergestellt worden, daß es ermöglicht ist, demselben ein großartiges Denkmal zu errichten, ist bekannt. Die Errichtung des Monuments hat die Abfaßung der Biographie Kepler’s mittelbar zur Folge gehabt und so dem ganzen Unternehmen eine ergänzende Seite hinzugefügt, die Charakter und Wirksamkeit des Mannes der allgemeinen Kenntniß noch näher bringt und somit nicht minder anerkennenswerth ist. Biographien Kepler’s sind schon früher erschienen, doch, soweit sie das ganze Leben umfassen, in wenig zugänglicher Gestalt, noch weniger erschöpfend. Ihr Hauptverdienst ist, manches Material, das sonst vielleicht verloren wäre, namentlich einen reichhaltigen Briefwechsel bewahrt zu haben. Die gegenwärtige Beschreibung aber beruht auf ganz neuen archivalischen Forschungen, die der Herausgeber mehre Jahre hindurch mit angestrengtem Eifer und unerwartetem Erfolge an allen Orten, an welchen der große Gelehrte gelebt und gewirkt, betrieben hat. Es wird uns erst jetzt das ganze Bild seines tief und reich bewegten Lebens mit allen feinen Schattierungen aufgedeckt, die aus dem Hintergrunde der Zeit auf dasselbe fallen. Wir sehen, daß Kepler so bedeutend als Mensch wie groß als Gelehrter war, und verfolgen seine Schicksale mit Interesse, auch wenn wir nicht im Stande sind, seine epochemachenden Entdeckungen im Einzelnen zu verstehen. Tief verwickelt in die allgemeinen geschichtlichen Ereignisse seiner Zeit, die er in seinen Briefen mit eben so großem Scharfblick wie unparteiischem Sinne begleitet, obwohl er selbst aufs empfindlichste davon betroffen worden, liefert sein Leben zur Aufhellung mancher damaligen Verhältnisse nicht unbedeutende Beiträge. Der erste Band behandelt dasselbe bis zu seiner Flucht aus der Gegenreformation des Erzherzogs Ferdinand und begleitet die zusammenhängende Darstellung mit zahlreichen Noten und urkundlichen Beilagen. Die bildlichen Zugaben sind ein Portrait in trefflichem Kupferstich, eine Photographie nach dem zu errichtenden Denkmal, Abbildungen von Oertlichkeiten, die in Bezug zum Gegenstande des Werkes stehen, ein Facsimile der Handschrift Kepler’s u. a.
v. E.