23) „Dem Landfrieden ist nicht zu trauen“. Fehde Mangold’s von Eberstein zum Brandenstein gegen die Reichsstadt Nürnberg 1516–1522. Charakterbild der rechtlichen und wirthschaftlichen Zustände im deutschen Reiche unmittelbar vor dem großen Bauernkriege. Herausgegeben nach urkundlichen Aufzeichnungen und Briefen im k. Archive zu Nürnberg von Louis Ferdinand Freiherrn von Eberstein, königl. preuß. Ingenieur-Hauptmann a. D. u. s. w. Nordhausen. Verlag von Carl Haacke, 1868. 8. 96 S.

Ein Charakterbild aus einer Epoche zu schöpfen, deren Charakter hauptsächlich darin bestand, allen Zügen desselben freien Lauf zu lassen, ist immer eine dankbare Aufgabe, um so mehr, als die speziellste Ausmalung stets so viel vom allgemeinen Geiste der Zeit geben wird, um das wissenschaftliche Interesse aufrecht zu erhalten. Das vorliegende Büchlein tritt in um so höherem Grade unter diesen Vortheil, als Personen darin spielen, die auch sonst in der Zeitgeschichte von Wichtigkeit wurden. Wie viele ähnliche Episoden aus kleinem Anlasse entsprungen, verzweigte sich der Streit des Mangold von Eberstein mit der Reichsstadt Nürnberg durch eine Reihe von Jahren bis in jene hinein und deckt die Zustände der damaligen staatlichen Gemeinschaft in fast erschreckender Nacktheit auf. Wir sehen die Mächte, die früher das Reich erhalten, bedeutungslos werden und vom Schauplatz zurücktreten, andere deren Stelle einnehmen, weil Gelegenheit und Vortheil ihnen gleichen Anlaß bieten, sich der Ordnung und Sicherung der Verhältnisse anzunehmen, nach welchen die Mehrheit der Reichsinsassen sich sehnt, sie zugleich aber auch die Richtung einschlagen, die später deren Aufkommen ebenso gefahrbringend macht, wie es früher erwünscht erscheinen mußte. Handgreiflich tritt uns die Ohnmacht des Kaiserthums und seiner Institutionen entgegen; die Ritterschaft ist zum Theil zum Brigantenthum herabgesunken; der engherzige Eigennutz der Städte bildet schon jetzt den Boden, auf welchem die Monarchie des 17. und 18. Jahrhunderts erwachsen konnte. — Die Fehde ist in Urkunden des Nürnberger Archivs fast vollständig beschrieben; diese sind daher hier der Reihenfolge nach abgedruckt. Für die Schwierigkeit, sich durch den endlosen Schwulst der damaligen Amtssprache hindurch zu lesen, entschädigt die Gewißheit, daß kein Zug des lebenvollen Bildes verloren geht.

v. E.

24) Bibliotheca historica medii aevi. Wegweiser durch die Geschichtswerke des europäischen Mittelalters von 375–1500. Supplement nebst einer Zeitfolge der römischen Päpste, der deutschen Kaiser und Könige sowie sämmtlicher deutschen Bischöfe von August Potthast. Berlin. W. Weber & Co. 1868. 8. IV u. 456 Stn.

Das Werk Potthast’s ist schon von seinem ersten Erscheinen hinweg, selbst ehe noch eine ganze Reihe günstiger Beurtheilungen veröffentlicht waren, von allen Sachkennern mit so ungetheiltem Beifalle aufgenommen worden, daß es heute als völlig überflüssig erscheint, auf den großen wissenschaftlichen Werth desselben zurückzukommen. Es kann sich nur darum handeln, das Verhältniß dieses Nachtrages zu dem früheren Hauptwerke mit einigen Worten zu erläutern.

Bei dem umfassenden, zumeist auf die bedeutsamsten historischen Erzeugnisse der europäischen Völker gerichteten Plan waren einzelne Lücken fast unvermeidlich. Ueberdies liegt es in der Natur eines solchen Buches, daß sein Material durch fortgesetzte Forschungen und neue Erscheinungen unausgesetzt vermehrt wird. Jene zu ergänzen und auszufüllen und diese nachzutragen war der Zweck, welchen der Verfasser bei Herausgabe dieses Supplements sich vorgesetzt hatte. Indem er die bei dem Hauptwerke zu Grunde gelegte Eintheilung festhielt, gelang es ihm, den Ueberblick der zusammengebrachten Sammlung zu erleichtern, und die gewonnene Nachlese ist zugleich eine sehr bedeutende geworden.

Das vorliegende Supplement umfaßt zunächst diejenigen größeren und kleineren Werke, welche in die Verzeichnisse des ersten Bandes noch gar nicht aufgenommen waren. Zu dem Ende wollen wir aus den Scriptores rerum allgemeinen Inhalts die bei Firmin Didot in Paris erscheinende Biographie générale u. s. w., aus den Scriptores rerum der einzelnen Länder die Collection d’historiens belges, publiée par l’Académie etc., K. Höfler’s Geschichtschreiber der husitischen Bewegung in Böhmen, die Quellen und Erörterungen zur bayerischen und deutschen Geschichte, das Recueil de chroniques, chartes et autres documents concernant l’histoire et les antiquités de la Flandre occidentale, publiée par la Société d’Émulation de Bruges, die Monumenta Poloniae historica u. a. m. hier nur beispielsweise anführen. Ebenso haben die Angaben aus der Abtheilung über die einzelnen Schriftsteller und Schriften eine sehr ansehnliche Vermehrung erfahren. Wir erinnern zunächst an die Artikel über Johannes Hus, die zugleich als Probe der Behandlung dienen mögen. Es konnten von dem Verfasser aus der Höfler’schen Sammlung nicht blos die Universitätsschriften und Briefe des böhmischen Reformators nachgewiesen, sondern auch über den Geleitsbrief Kaiser Sigismund’s und die Vertreibung der Deutschen aus Prag eine ganze Reihe von Aktenstücken verzeichnet werden. Nicht minder reichhaltig sind auch die Nachträge zu den Lebensbeschreibungen (Vitae) ausgefallen, die der Verfasser trotz ihrer in sich sehr abweichenden Formen bekanntlich in einer besonderen Abtheilung zusammengestellt hat. Hier erhielt diesmal auch Girolamo Savonarola eine Stelle. Der Verfasser hat eine kritische Geschichte der Ausgaben der Vita S. Hieronymi Savonarolae gegeben und außerdem noch über dreißig Erläuterungsschriften zusammengestellt, welche in lateinischer, italienischer, französischer, englischer und deutscher Sprache die Geschichte des italienischen Agitators behandeln. Diese Sorgfalt und Genauigkeit ist bei scheinbar unbedeutenden Erzeugnissen wie bei andern von entschieden historischer Wichtigkeit in gleicher Weise erkennbar.

Auch der Ergänzungen zu den schon früher verfaßten Artikeln muß gedacht werden. Bei Behandlung des genuesischen Geschichtschreibers Cafari sind die von diesem verfaßten Schriften von denjenigen seiner Fortsetzer deutlicher geschieden, und überdies durch neue Zusätze erweitert worden. Die Vita S. Hieronymi presbyteri et doctoris ecclesiae erhielt zur Ausstattung eine lange Reihe von Erläuterungsschriften, von denen die meisten, namentlich die in italienischer Sprache geschriebenen, wie Potthast uns mittheilt, auch für die Kirchengeschichte Aquileja’s interessant sind. Ebenso wurde bei dem heil. Martin von Tours die namentlich in Frankreich noch fortwährend im Wachsen begriffene Literatur über denselben nachgeholt und mit großer Pünktlichkeit verzeichnet. Aehnliche Berichtigungen und Ergänzungen sind der Vita b. Lanfranci archiep. Cantuar. und der Vita S. Leonis IX. Lpp. zugewiesen worden. Die angeführten Beispiele dürften vollkommen genügen, um den Leser zu überzeugen, mit welcher Gewissenhaftigkeit der Verfasser fortwährend bemüht ist, seinem Werke kritischen Werth und möglichste Vollständigkeit zu verleihen.

Als höchst schätzbare Hülfsmittel hat derselbe seinem Supplemente noch die nachfolgenden Beilagen hinzugefügt: 1. Vollständigeres Verzeichniß der Heiligen, ihrer Tage und Feste, 2. Zeitfolge der römischen Päpste sowie der deutschen Kaiser und Könige, 3. Zeitfolge der deutschen Bischöfe, 4. Mittelalterliche Sonn- und Festtagsbezeichnungen. Das erste dieser Stücke dürfte in der That das vollständigste und umfangreichste von allen Verzeichnissen sein, die bis jetzt in den verschiedenen Calendarien mitgetheilt worden sind. Das zweite ist für den Gebrauch sehr zweckmäßig eingerichtet, da es mit einem einzigen Blicke die Reihe der Päpste übersehen läßt, welche je einer kaiserlichen Regierung entsprechen. Die Zeitfolge der deutschen Bischöfe berichtigt Mooyer’s bekannte Schrift in sehr wesentlichen Punkten; ist zugleich vollständiger, und enthält namentlich die österreichischen Bisthümer, die dort nur theilweise berücksichtigt sind. Auch die vierte Mittheilung ist sehr dankenswerth, da sie uns auch von dieser Seite die Mannigfaltigkeit der mittelalterlichen Bildungen vor Augen stellt. Wir sehen hier nicht blos bei den großen Festtagen die mannigfachsten Beziehungen ausgedrückt, sondern auch die Sonntage nach Pfingsten treten mit eigenthümlichen Benennungen hervor.