Die Reliquienbehälter in der Sammlung kirchlicher Alterthümer im germanischen Museum.

Die Verehrung der Reliquien hat im Mittelalter den verschiedenen Künsten, vorzugsweise der Goldschmiedekunst und ihren Schwestern, der Kunst des Emaillierens, des Niello, aber auch fast allen andern Künsten, so der Stickerei, der Kunst des Holzschnitzens u. A., Gelegenheit gegeben, sich auf’s glänzendste zu bethätigen. Die Aufzählung der kostbaren Gefäße zur Aufbewahrung der Reliquien bildet in den Schatzverzeichnissen selbst weniger bedeutender Kirchen lange Serien, und noch heute bewundern wir in Kirchen und Museen manches überaus kostbare Stück. Die Reliquienbehälter zeigen die allerverschiedensten Formen und alle denkbaren Dimensionen. Von der gewaltigen Wallfahrts- oder Stiftskirche, oft blos als Aufbewahrungsort der Reliquien gebaut, von den großen Prachtschreinen, in denen Reihen von Reliquien und kleinen Gefäßen aufbewahrt wurden, bis zu den größeren und kleineren sarg- oder hausartigen Kästchen und zu den allerkleinsten, die man als Amulette am Hals trug, finden wir die Reliquienbehälter in den verschiedensten Formen und Größen. Ja, man verwendete nicht blos die dafür gefertigten Gefäße und Geräthe zur Aufbewahrung von Reliquien; jedes kostbare Geräth, das man zur Hand erhielt, wurde seiner Kostbarkeit wegen würdig befunden, als Hülle für Reliquien zu dienen. So findet man eine Anzahl elfenbeinerner oder holzgeschnitzter und bemalter Kästchen, deren höchst profane Darstellungen sofort zeigen, daß sie nicht für kirchlichen Gebrauch bestimmt waren, als Reliquienbehälter in Kirchen verwendet. Wir begegnen selbst Töpfen und Trinkgefäßen, die Reliquien in sich bergen, obwohl sie durch ihre rohe und einfache Form zeigen, daß ihnen so ideale Bestimmung nicht beigelegt wurde, als man sie fertigte. Auch orientalische Gläser, fremde Gold- und Seidenstoffe wurden zum Reliquiendienste benützt.

Die Bedeutung der Reliquien war für jene Zeit eine sehr wichtige. Wie wir heute Andenken an Freunde und Verwandte besonders in Ehren halten, wie wir Blumen von den Gräbern unserer Lieben aufbewahren, wie mancher Enthusiast die Schuhe oder Hüte großer Männer mit Verehrung betrachtet, so das Mittelalter die theuern Ueberbleibsel derer, die man als die größten Männer und Frauen verehrte, der Heiligen, die, schon zu Gott aufgenommen, ihre Bitten mit den Gebeten der Menschen vereinigen sollten, welche ihnen in ihren Resten Verehrung bewiesen. Wie aber heute die Verehrung unserer Größen zu Uebertreibungen führt, wie Speculationen auf die Leichtgläubigkeit in großer Zahl vorgenommen werden, so hatte auch die große Verehrung für die sichtbaren und greifbaren Andenken an die Heiligen zu förmlichem Reliquienhandel getrieben. Ebenso hatte die Industrie eine große Zahl von Reliquiengefäßen hervorgerufen, die, nicht für ganz bestimmte Reliquien, sondern als Marktartikel in Masse gefertigt, weithin versendet und von Kirchen und Privaten gekauft wurden, um darin ihre Reliquien aufzubewahren. Solche Gefäße haben denn alle eine ähnliche Form; daher auch die große Zahl fast ganz identischer, mindestens in der Grundform gleicher Reliquiengefäße, die sich überall vorfinden, während die auf eigene Bestellung gemachten Gefäße zur Aufnahme bestimmter Reliquien durch eine unerschöpfliche Mannigfaltigkeit der Formen, meist auch durch besonderen Reichthum und auserlesene Kostbarkeit sich auszeichnen.

Die Sammlung des germanischen Museums bietet allerdings solcher Kostbarkeiten nicht gerade viele, doch befinden sich unter den Reliquiengefäßen manche, die einer eingehenderen Besprechung würdig sind, und deren Veröffentlichung wol als willkommener Beitrag zur Geschichte dieser Alterthümer zu betrachten ist.

Das größte und bedeutendste Denkmal dieser Art in der Museumssammlung ist der große Schrein, in welchem ehemals die Reliquien des deutschen Reiches Aufbewahrung fanden, der im Anzeiger, Jahrg. 1861, Sp. 437 ff., beschrieben und abgebildet ist, und von dem wir daher hier absehen, ebenso wie von dem Reliquiarium, das auf [Sp. 3] ff. des gegenwärtigen Jahrganges besprochen wurde.

Fig. 1.

Unter den übrigen Behältern tritt uns als ältester eine ovale, mit flachgewölbtem Deckel versehene, niedere Büchse entgegen, welche wir zwar für ein Falsifikat halten, die jedoch, in Bronze gegossen und vergoldet, einem Originale direkt nachgebildet ist. Eine Reihe von Pilastern mit Füßen und Kapitälen, an die rheinische Kunst des 11. und 12. Jahrhunderts erinnernd, steht rings um die Büchse und zwischen denselben einzelne Figuren. Der Deckel ist glatt und nur von einem Ornamentkranze umsäumt. Wenn wir uns nicht irren, und der Gegenstand, nach unserer Annahme, wirklich ein Falsifikat ist, so war das Original ohne Zweifel von getriebener Arbeit. Die Büchse ist 14 Centim. lang, 5 Centim. breit und mit dem Deckel 8 Centim. hoch.

Verfolgen wir die chronologische Reihe, so kommen wir an die Stirnseite eines mit einem Satteldach abgeschlossenen Kästchens von rheinischem Email, das von besonderer Sorgfalt der Arbeit und Schönheit der Zeichnung zeugt und noch durch einige kleine Edelsteine geziert ist. Es gehört dem 12. Jahrh. an. Aus dem 13. Jahrh. stammt wol ein höchst interessantes Gefäß, eine orientalische Glasschale, verwandt jenen zwei Prachtgefäßen im Domschatze von St. Stephan in Wien, das ehemals, wie jene, zur Aufbewahrung von Erde aus geheiligter Stätte gedient haben mag. Später, nachdem die Lesung der kufischen Inschriften uns vielleicht nähere Aufschlüsse wird gegeben haben, werden wir eingehender auf das Glasgefäß zurückkommen. Wir betrachten nun ein Kästchen, das in [Fig. 1] abgebildet ist und wol dem Schlusse des 13. Jahrh. angehört. Es ist oblong, mit vier hohen Füßen versehen, mit einem Satteldache bedeckt und hohem Firstkamme geziert. Das Kästchen ist so gefertigt, daß zwei kurze und zwei lange Kupferplatten, die unten ausgeschnitten, mit einer fünften, dem Boden des Kästchens, durch Zapfen und Oehre unter einander verbunden sind. Zwei rechteckige und zwei giebelförmige dreieckige Platten bilden das Dach, das, um ein Charnier sich drehend, ganz geöffnet werden kann. Aus diesen Kupferplatten sind mit einem Meißel Felder herausgenommen und Figuren stehen geblieben. Die Felder sind mit Email, und zwar vorzugsweise rothem, blauem und weißem, ausgefüllt; Gravierungen in den Figuren vollenden die Zeichnungen. Nach der Emaillierung wurde das stehengebliebene Kupfer vergoldet, so daß alle Zeichnungen golden auf blauem und rothem Grunde erscheinen. Der hohe, gleichfalls vergoldete Firstkamm ist noch von drei Stangen überragt, an denen sicher ehemals Krystallkugeln sich befanden. Die Darstellungen, welche sich zeigen, sind an der vorderen Dachfläche unter einer Arcatur angebracht, die spitzbogig und mit Nasenwerk verziert ist. Es befinden sich in zwei Feldern die Verkündigung, im dritten die Heimsuchung und im vierten die Geburt Christi. Die Rückseite des Daches, wie die beiden Langseiten des Kästchens, zeigen drei Medaillons, in denen je ein Engelsbrustbild zu sehen ist. Die Schmalseiten des Kästchens enthalten je ein solches Medaillon, während in den Giebeln des Daches ähnliche Engel in die dreiseitige Umrahmung eingepaßt sind. Das Kästchen ist ziemlich roh in der Anordnung und Ausführung; es ist das Produkt einer handwerksmäßigen Thätigkeit, die viel und rasch fabricierte. Wir glauben daher nicht zu irren, wenn wir den Ursprung in Limoges und die Zeit der Anfertigung im Schlusse des 13., vielleicht erst im Beginn des 14. Jahrh. suchen. Das Kästchen ist 16 Centim. lang, 7 Centim. breit, 16 Centim. hoch.