Fig. 2.

Entschieden dem 14. Jahrh. gehört ein zweites Kästchen an, das aus einer Kirche zu Nördlingen erworben wurde und in [Fig. 2] abgebildet ist. Es ist aus Holz gefertigt, oblong, mit steilem Dache, das nach vier Seiten hin abfällt. Gepreßte und durchbrochene, ehemals vergoldete Bleireliefs bedecken das ganze Kästchen. Man sieht, daß diese Reliefs, in einzelnen Stücken gefertigt, beliebig aufgesetzt sind, weshalb sie willkürlich um die Ecken gebogen und zerschnitten wurden. Es kommen folgende Model vor: die Zeichen der vier Evangelisten in runden Medaillons, in liegende Rechtecke gefaßt, in denen die Zwickel durch Ornamente ausgefüllt sind; dann je zwei Löwen in runden Medaillons, in ein gemeinsames längliches Viereck gefaßt; ferner je drei geflügelte, drachenartige Bestien mit Menschenköpfen in Vierpässen, alle drei in einem langen Rechteck, in den Zwickeln Ornamente. Der First ist mit drei Kugeln besetzt; ebenso die vier Grate mit je dreien. Das Kästchen steht auf vier einfachen Füßen. Untergelegte Fransen aus Seide hängen aus dem untern Rande desselben, sowie aus der Metallbekleidung des Firstes herab. Ein Schloß, welches ehedem den Verschluß bildete, ist abgerissen. Man hätte wohl das Kästchen mit demselben Rechte, mit dem es hier in die kirchlichen Alterthümer eingereiht ist, unter die profanen stellen können. Die Zeichen der vier Evangelisten sind das einzig specifisch Kirchliche, und bekanntlich war ja auch die profane Kunst nicht so profan, daß sie derartiges ausgeschlossen hätte. Das sehr hübsche Kästchen, dessen gepreßte Verzierungen insbesondere schön und charakteristisch gezeichnet sind, ist, wie das vorige, das Produkt einer in Masse für die Märkte arbeitenden Geschäftsthätigkeit. Auf den Märkten kaufte es ebenso die Edelfrau für Aufbewahrung ihres Schmuckes, wie es die Kirchenverwaltung für Aufbewahrung ihres Schatzes — der Reliquien erwarb. So findet sich außer diesem, direkt aus dem Besitze der Kirche in Nördlingen in unser Museum übergegangenen Exemplar ein zweites, vollkommen identisches in dem Domschatze zu Brixen. Unser Kistchen ist 36 Centim. lang, 17 Centim. breit und 23 Centim. hoch.

Fig. 3.

Ein anderes Reliquiarium des 14. Jahrh. besteht aus einem senkrechten Krystallcylinder mit erweitertem Aufsatz, der durch ein rundes konisches Thurmdach bekrönt ist. Ein einfacher, rund aufsteigender Fuß mit einem durch einen Knauf unterbrochenen Stiele trägt den in durchbrochenes und gepreßtes Metall gefaßten Cylinder ([Fig. 3]). Das Gefäß ist sehr elegant und zierlich und, wenn auch einfach, so doch ein guter Repräsentant der Goldschmiedearbeit des 14. Jahrhunderts. Es ist 24 Centim. hoch.

Nürnberg.

A. Essenwein.

(Schluß folgt.)