Die Ausstellung des internationalen archäologischen Congresses zu Bonn.

Mit dem internationalen archäologischen Congresse, der in diesem Jahre zu Bonn abgehalten wurde, verband sich eine Ausstellung, die in der That nach manchen Seiten hin eine einzige zu nennen war. Es kann nicht genug darauf hingewiesen werden, wie nur durch Vergleiche, durch Nebeneinanderstellung von Reihen, durch wirkliche Gegenüberstellung wichtiger Objekte eine feste Basis für so viele Thatsachen gewonnen wird, und das Studium kann somit kaum mehr gefördert werden als durch Ausstellungen, welche Dinge zeitweilig nebeneinander bringen, die sonst an weit auseinander gelegenen Orten aufbewahrt werden. Ein Museum kann eben nur Einzelnes haben. Der Gegenstände ersten Ranges, welche auf den Gang der Kunstgeschichte bestimmend eingewirkt haben, und von denen aber auch für die Beurtheilung anderer Werke allein der sicherste Anhaltspunkt gewonnen werden kann, gibt es nur wenige, und selbst die kostbarsten Sammlungen können nicht mehr als vereinzelt solche Stücke aufweisen. Kann man nun auch auf manchem Gebiete durch gute Abgüsse sich solche Reihen bilden, so genügen auf anderen Gebieten eben nur die Originale selbst. Es ist daher natürlich, daß man für Congresse, die bestimmt sind, wichtige Fragen zur Erledigung zu bringen, solche vergleichende Ausstellungen veranstaltet. So hat das Comité für die internationale Ausstellung, insbesondere Professor aus’m Weerth, sich große Verdienste dadurch erworben, daß es ermöglicht hat, eine Reihe der hervorragendsten Werke auf mehreren Gebieten nebeneinander zu stellen, die, wenn auch anfangs vielleicht blendend und verwirrend für ein Auge, das solche Schätze in so engem Raum selten vereinigt gesehen, doch bald den aufmerksamen Betrachter eingehender unterrichteten und mehr sprachen, als je Worte vermöchten.

Die Ausstellung beschränkte sich jedoch nicht auf Gebiete, auf denen sie vergleichenden Studien das Material bot; sie gab aus allen Zweigen der Künste des Mittelalters und der heidnischen Vorzeit irgend etwas Bedeutendes. Es ist hier unsere Aufgabe nicht, einen Katalog zu schreiben; man erwarte daher nicht eine Aufzählung von Einzelheiten. Vier Gebiete waren es vorzugsweise, für welche die Ausstellung wichtiges vergleichendes Material brachte: die Geschichte des Emails, der Elfenbeinsculptur, der Miniaturmalerei und der Aquamanilia.

Die wichtigste Erscheinung waren ohne Zweifel die vielen für die Geschichte des Emails interessanten Gegenstände; an der Spitze standen zwei kostbare Werke der byzantinischen Schmelzkunst: das Kreuzreliquiar aus Limburg und ein Phylacterium aus der Liebfrauenkirche zu Mastricht. Das erstere Werk ist inschriftlich als Arbeit des 10. Jahrh. datiert; es gibt also einen Anhaltspunkt, um uns die hohe Stufe künstlerischer und technischer Vollendung zu zeigen, auf der jene Kunst stand, als sie vom Orient in’s Abendland verpflanzt wurde. Wir müssen hier zunächst auf die wunderbare Harmonie der Farben, auf die vollendete Schönheit der Zeichnung in den Figuren und Ornamenten aufmerksam machen, sowie auf die Genauigkeit und Zartheit der Ausführung. Die angebrachte Jahrzahl gibt uns einen Beweis, daß gerade im 10. Jahrh. die byzantinische Kunst noch von jener Starrheit nicht vollständig beherrscht war, der sie später sich ergeben, und die manchen unserer Kunsthistoriker veranlaßte, vornehm auf sie herabzusehen, der sie aber vor allem zu danken hatte, daß sie viele Jahrhunderte lang ihre guten alten Traditionen erhalten konnte, während uns nebst den Traditionen sogar die Kunst verloren gieng. Das in Frage stehende Reliquiar, durch dessen Publication sich Prof. aus’m Weerth[178] so großes Verdienst erworben, hat bekanntlich eine Parallele in dem tafelförmigen Kreuzreliquiar in der Kathedrale zu Gran, das, gleichfalls byzantinisch, jenes Limburger in der Anordnung copiert, ohne es jedoch sowohl im Reichthum der Composition, noch in der Feinheit und Vollendung der Zeichnung und der Zartheit und Schönheit der Ausführung zu erreichen. Da wir aber kaum annehmen dürfen, daß die Graner Tafel[179] älter ist als die Limburger, so haben wir darin schon einen Schritt zur stufenweisen Schematisierung der byzantinischen Kunst zu sehen.

Wenn wir die Objekte vom Standpunkte der Frage des Einflusses auf die Goldschmiedearbeiten u. a. zu betrachten hätten, so müßten wir an die Limburger Tafel zunächst zwei abendländische Imitationen anschließen, die jedoch einer späteren Zeit der Goldschmiedekunst angehören, als diese im Abendlande bereits ihren Höhepunkt erreicht hatte. Das Limburger Reliquiar kam erst im 13. Jahrh. nach Deutschland; das Werk selbst hat also keinen Einfluß auf die Ausbildung des Emails gewonnen; es zeigt uns nur die Höhe, auf welcher diese Kunst stand, als sie zu uns übertragen wurde.

Wie sofort in Deutschland die Kunst des Emaillierens noch im 10. Jahrh. aufgefaßt wurde, zeigen drei Stücke, die einer und derselben Werkstätte entstammen, welche zu Trier sich aufthat. Es ist eine Hülse des Stabes des heil. Petrus und der sog. Tragaltar des Bischofs Egbert, ein Werk, dem Verfasser dieses, beiläufig gesagt, den Namen Reliquiar statt Tragaltar geben möchte, obwohl es als solcher seit lange bekannt und benannt ist. Beide Werke sind Weihegeschenke des genannten Bischofs. Wir sehen, daß die Deutschen sehr rasch sich die Technik der Byzantiner aneigneten; es ist kaum ein Nachlaß in der Harmonie der Farben zu bemerken, obwohl einzelne durch größere Durchsichtigkeit nicht gerade gewonnen haben und mitunter nicht die volle Harmonie zwischen den vollkommen durchsichtigen und den opaken Farben obwaltet, wie sie so herrlich im Limburger Reliquiar uns entgegentritt. Worin jedoch ein große Abnahme sofort uns in’s Auge fällt, das ist die Zeichnung. Nicht blos das Ornament wird weniger vollendet; es tritt vor allem eine unglaubliche Rohheit in der Zeichnung der Figuren ein, eine Rohheit, die so gewaltig ist, daß weder die Zartheit der Technik, noch die Harmonie der Farben uns täuschen kann, und die sofort jene Werke als Gegenstände aus einer Zeit kennzeichnet, wo eben die Rohheit in gewaltigem Ringen mit der anderswoher importierten feineren Kunstbildung begriffen war.

Das dritte Werk, das sich jenen beiden unmittelbar anschließt, ist das Evangeliarium aus Echternach, das dem Kaiser Otto III. und seiner Mutter Theophania die Entstehung verdankt.

An diese Gegenstände schlossen sich auf der Ausstellung die vier Kreuze aus Essen an; von denen drei, dem 10. Jahrh. angehörige, zeigen, daß diese Kunst außer Trier auch anderwärts in Deutschland geübt wurde. Es wäre nur zu wünschen gewesen, daß durch Nebeneinanderstellung der deutschen Kaiserkrone mit jenen Erzeugnissen des 10. Jahrh. sich bestätigt hätte, was über dieses kostbare Werk angenommen wird. Das deutsche Email des 11. Jahrh. war außer jenem vierten Kreuze und einem dazu gehörigen osculum pacis aus Essen durch die schöne Hülle des Kreuznagels aus Trier, sowie durch die an einem Kreuze und einem Reliquienschrein zu Minden angebrachten cloisonnés vertreten.

Das Email der zweiten Periode, Email champlevé, war gleichfalls in einer großen Reihe prachtvoller Stücke vorhanden. Hierher hätte vor allem auch eine Reihe jener Exemplare gehört, an denen das Email champlevé mit dem cloisonné, d. h. Zellen- und Flächenemail, wechselt. Die Braunschweiger Schätze, jetzt zum größten Theil im Besitze des Königs von Hannover, würden hierher gepaßt haben. Die Mehrzahl der Erzeugnisse jener zweiten Periode, die vom 11. bis 13. Jahrh. geht, hat anderwärts viel Gleichartiges. Es sind nicht mehr kostbare Einzelstücke; an den Reliquienkästchen, an den Tragaltären und Kreuzen ist zu sehen, daß wir es hier mit handwerklichen Produkten zu thun haben, die in Massen, theilweise ohne vorherige Bestimmung gefertigt, in den Handel gebracht wurden. Wir dürfen allerdings nicht vergessen, daß auch diese zweite Periode einzelne, für bestimmte Zwecke und auf besondere Bestellung gefertigte große Prachtstücke, denen man viele Sorgfalt widmete, hervorgebracht hat. So zeigte ein gleichfalls ausgestellter Altaraufsatz aus St. Castor in Coblenz, jetzt in St. Denis bei Paris, daß auch besonders edle Werke hier nicht fehlten; derselbe ist ein Prachtstück, dem ähnliche in Aachen, Cöln und anderwärts würdig zur Seite stehen. Wie hoch sich in Deutschland die Emailkunst in jener zweiten Periode gehoben, beweisen ferner die unter den Gegenständen kleinerer Dimension vorkommenden beiden, der Limburger Tafel nachgebildeten Stücke. Doch hat hier das Email eine andere Rolle. Es tritt in Verbindung mit der getriebenen Arbeit, mit Filigran und Steinen. Wenn auch schon das byzantinische Reliquiar des 10. Jahrh. solche Verbindung aufweist, so dominiert doch dort das Email, während es hier mehr zurückgedrängt ist. Die Farbenstimmung ist durch die fast ausschließliche Verwendung opaker Farben nicht jene glänzende; die Zeichnung zwar eine andere, jedoch gleichfalls eine solche von hoher Vollendung. An diesen Vorzügen participieren diejenigen Werke freilich nur zu geringem Theil, welche, für den Markt bestimmt, in Masse mit mehr oder minder großer Sorgfalt, größtentheils in weniger edlen Metallen gefertigt wurden. Während das Email der ersten Periode sich in Gold eingeschmolzen findet, war in der zweiten bei glänzenden Stücken das Silber, für die geringeren aber das Kupfer das Material. Neben den deutschen Erzeugnissen tritt nun vorzugsweise auch Frankreich als Rivale auf, und die in Limoges gefertigten Arbeiten zeigen nicht nur mit den deutschen die vollste Verwandtschaft, sie sind, weil eben fast ausschließlich für den Handel hergestellt, mit größerer Handwerksmäßigkeit und weit geringerer Feinheit gearbeitet; und da diese Technik sehr lange alte Formen beibehielt, die wieder und wieder reproduciert wurden, so geht das Handwerksmäßige oft bis zur Rohheit, die, in Verbindung mit etwas alterthümlichen Formen, den Sachen ein sehr altes Aussehen gibt, dem dann aber wieder andere Kennzeichen der späteren Zeit widersprechen. Die Mehrzahl der ausgestellten Gegenstände war deutsch und gehörte dem 12. Jahrhunderte an, andere dein 13.; unter den Limousinern gieng ein emailliertes Kreuz, Beschlag eines Reliquienkastens, wol bis in den Schluß des 14. Jahrhunderts. Von eigentlich gothischen Emailwerken war wenig vorhanden; doch zeigte das vorzugsweise nach anderer Seite hin interessante Schaugefäß aus Osnabrück das einfach opake blaue und rothe Email, wie es in den Goldschmiedarbeiten des 14. Jahrh. häufig ist, während ein dem 14. Jahrh. angehörender Kelch mit Patene, aus dem Besitze des Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen, die Wiederaufnahme des durchsichtigen Emails, jedoch in ganz anderer Weise, als es die älteren deutschen Arbeiten haben, erblicken ließ. Hier ist nämlich das Email nicht mehr in Zellen eingeschlossen, sondern über flach modellierte und gravierte Medaillons übergelegt und oben aufgeschmolzen, so zwar, daß die einzelnen verschiedenen Farben nicht mehr durch Metallzwischenräume getrennt sind.