Nürnberg.

A. Essenwein.


Ansiedelungen der Vorzeit, Ring- und Schlackenwälle bei Rudolstadt.

In westlicher Richtung von Rudolstadt, etwa fünfhundert Schritte oberhalb des Chausséehauses, am Wege nach Zeigerhain, sind bei Ausbeutung einer umfangreichen Lehmgrube Sitze der Ureinwohner dieser Gegend aufgedeckt worden, die, augenscheinlich der früheren Zeit der Pfahlbauten angehörend, durch ihre Lage, wie durch ihre Fundstücke, so viel des Interessanten bieten, daß es gerechtfertigt erscheint, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sie zu lenken. Was die erstere, die Lage, betrifft, ist daran zu erinnern, daß das heutige Thal von Rudolstadt wahrscheinlich früher ein See gewesen, dessen Ufer an den begrenzenden Höhen noch gegenwärtig genau zu bestimmen sind. Auf den Gipfeln der Berge tritt das feste Gestein, Kalk, Schiefer u. s. w., als Erzeugniß der Meeresfluth zu Tage; in einem ziemlich hohen Niveau lehnen sich daran Ablagerungen des süßen Wassers: Kieselschichten von bedeutender Mächtigkeit, Betten von Thon, Lehm u. a. Auf der Ostseite, in einiger Entfernung von der Stadt, will man den Durchbruch noch wahrnehmen, welcher dem See mit Zurücklassung der heutigen Saale den Abfluß gewährte. Nahe an der Grenze des angeschwemmten Bodens, etwa 120 Fuß über dem jetzigen Lauf des Flusses liegt die neuentdeckte Ansiedelung. Der Untergrund derselben besteht aus thonhaltigem Lehm, der ungefähr vier Fuß tief ausgegraben ist, ohne Zweifel aber noch in beträchtlicher Strecke hinabreicht. Einzelne Blöcke eines weißen, lockeren Sandsteins, der in der Nähe als Gebirgsgrat vorkommt, sind eingesenkt. Die Ueberreste der alten Bauten nehmen eine Schichte von etwa zwei Fuß Tiefe ein. Ueber ihnen befindet sich eine nicht ganz so dicke Lehmschicht, bei deren Schätzung jedoch in Betracht kommt, daß auf der ziemlich stark geneigten Ebene, auf welcher wir uns befinden, der Regen die durch den Pflug gelockerte Ackerkrume fortwährend wegspült.

Die bis jetzt aufgedeckten Wohnplätze, drei oder vier an der Zahl, liegen in regelmäßigen Abständen auf der Linie eines Kreisausschnittes. Daß deren eine größere Anzahl gefunden werden könnte, wenn die Ausgrabungen in dieser Absicht fortgesetzt würden, unterliegt kaum einem Zweifel. Doch stellen sich die augenblicklichen Besitzverhältnisse des Bodens einem solchen Unternehmen entgegen. — Die Fundstücke, welche bisher zu Tage gefördert, sind Geräthe von gebranntem Thon, Scherben, Kohlen, Knochen, Bruchstücke von Hirschgeweihen und verkohlte Früchte. Unter den ersteren zeichnen sich zwei pyramidal geformte Stücke von rothgebranntem Thon mit abgerundeter Spitze und einem Bohrloch nach dem oberen Ende zu aus. Die Höhe des größeren derselben mißt 20 Centim., die untere Breite 15 Centim. Die Frage nach der ursprünglichen Bedeutung dieser umfangreichen Instrumente ist nicht ohne Schwierigkeit. Die Bestimmung eines Netzbeschwerers, welche man sonst ähnlichen Thongebilden beizulegen pflegt, kann hier kaum gesucht werden, da das vorliegende alle anderen an Größe und Schwere bei weitem übertrifft und seine Form auf einen anderweitigen Gebrauch deutet. Die unten vollständig geglättete Fläche wäre für einen Fruchtquetscher und Kornreiber geeignet, doch hätte zur Führung eines solchen das für die innere Handfläche bequem abgestumpfte Kopfstück genügt. Das vorhandene, ziemlich umfangreiche Bohrloch läßt die ehemalige Einfügung eines Stieles nicht zweifelhaft; doch die Weichheit der Masse, welche wenigstens gegenwärtig auffällig ist, würde, wenn wir in dem Werkzeuge einen Hammer oder eine Streitaxt erblicken wollten, solchem wenigstens keinen langen Gebrauch gesichert haben. Vielleicht diente es doch zum Zerklopfen der Früchte, und man verstand schon, durch Einfügung einer kürzeren oder längeren Handhabe sich seine Führung zu erleichtern. Außerdem kommen niedrige, napfartige Gefäße von derselben Masse vor. Sie sind zwar nur noch in Bruchstücken erhalten, doch diese groß genug, um ihre Form erkennen zu lassen. Die Höhe beträgt etwa 7 Cm., der Durchmesser 20 Cm., die Dicke der Wandung da, wo sie von der runden Höhlung des inneren Beckens bis zum scharfen Rande des Fußes mißt, 4 Cm. Der Stoff ist auch hier außerordentlich locker, die Arbeit roh. Häufig begegnen Klumpen ähnlich gebrannten Thones, die auf einer Seite Eindrücke wie von Fingern oder Stäben zeigen. Ein Stück, das zur genauern Untersuchung uns noch vorliegt, weiset auf der entgegengesetzten Seite eine geglättete Fläche dar und im Innern der Masse eine Structur, als sei sie mit Stroh vermischt gewesen. Wir irren wol nicht, wenn wir darin eine ehemalige Bekleidung der Hüttenwände erkennen, deren gebrannter Zustand erst durch den Untergang der Ansiedelung im Feuer herbeigeführt worden. Auch das verkohlte Getreide findet sich zum Theil in Thonklumpen eingeschlossen, welche im Feuer geröthet sind.

Scherben kommen in großer Menge vor und von verschiedener Art. Ihre durchgehende Beschaffenheit versetzt sie jedoch auf eine Stufe der Kulturentwickelung, und zwar auf die, welche unmittelbar der in den Pfahlbauten bei Wangen am Bodensee vertretenen sich anschließt. Ihre Wandung mißt stets mehr als 1 Centim. in der Dicke. Die Masse ist schwarz gebrannt, mit eingemengtem, grobgepulvertem Quarz und rothem Ueberzug von Thon versehen. Doch kommen bereits roh profilierte Ränder und Verzierungen vor, die ohne Ausnahme hergestellt sind, indem man um den Bauch des Gefäßes einen Streifen von Thon gelegt, in welchen mit den Fingerspitzen Verzierungen eingedrückt wurden. Die dadurch hervorgebrachten Muster sind verschieden, je nachdem man zwei oder drei Finger zusammengelegt, oder nur eine Fingerspitze eingedrückt hat. Hie und da sind die Eindrücke der Nägel noch sichtbar; die Feinheit der Vertiefungen läßt vermuthen, daß Frauen die Töpferarbeit vollführt haben.

Die Knochen, welche aus dem Boden hervorgefördert werden, sind in einem so vermorschten Zustande, daß sie beim Berühren zerfallen. Nicht viel besser erhalten war ein aufgefundener Thierzahn. Zwei bedeutende Stücke eines Hirschgeweihes aber, welche mit anhängenden Resten der Hirnschale zu Tage traten, sind völlig in Versteinerung übergegangen.

Die aufgefundenen Früchte bestehen aus einem feinen Korn, das der Hirse am meisten ähnelt und wahrscheinlich von dieser herrührt, sowie aus Wacholderbeeren, welche noch heute auf den benachbarten Bergen häufig wachsen. Beide kommen in Menge, doch auffallender Weise mit Ausschluß jedes anderen Getreides vor.

So wenig auch im Vergleich mit anderen Entdeckungen dieser Art auf dem hier besprochenen Platze von den Spuren seiner ehemaligen Bewohner an das Licht getreten, so ist das Aufgefundene doch ausreichend, einen der ältesten Sitze menschlicher Kultur zu bezeugen. Ob wir es mit einem alten Pfahlbau zu thun haben, muß vorläufig noch unentschieden bleiben. Daß den in Rede stehenden Boden einst das Wasser bespülte, bezeugt er selbst. Aber von Pfählen ist nichts mehr zu sehen, selbst Kohlen kommen nur sparsam vor. Baumwurzeln, welche nach allen Richtungen das Erdreich durchziehen, beweisen, daß der Platz einst mit Wald bestanden war. Derselbe grünte ohne Zweifel viel später, als jene Ortschaft hier gegründet wurde; dennoch sind seine Ueberreste, eben jene Wurzelfasern, auch längst verfault und bestehen eigentlich nur noch aus engeren und weiteren, mit Staub oder Moder gefüllten Röhren, die im festen Lehmboden zugleich als Leiter des Wassers dienen. Steckten Pfähle in diesem Boden, so müssen sie, nachdem das Wasser abgeflossen, längst zerfallen und bis auf die letzte Spur verschwunden sein. Auffallend ist, was eine genauere Beobachtung bestätigte, daß die vorhandenen Kohlen durchweg eine senkrechte Stellung ihrer Faser innehatten; die einzelnen Stücke waren bisweilen lang, doch nicht sehr umfangreich. Die Versteinerung der Hirschhornstücke gibt vielleicht einen Anhaltspunkt, um zu bestimmen, was für Elemente und Umstände bei ihrer Bildung mitgewirkt haben.