Die Goldschmiedearbeit im weiteren Sinne hatte zunächst eine der mit getriebenem Goldblech bekleideten Statuen aufzuweisen: die sitzende Figur der heil. Jungfrau mit dem Kinde, aus Essen, v. 10. Jahrh. verwandt mit den Werken, die wir als wichtige Zeugnisse für die Entwicklung der Kunst des Emails aufgeführt haben, und die alle hier gleichfalls zu nennen wären, da das Email nur einen Theil des Schmuckes der zum Theil umfangreichen, zum Theil merkwürdig geformten Geräthe bildet. Wir wollen hier im Vorübergehen nur noch einmal die Kreuze aus Essen, das Evangelienbuch daher, das aus Echternach, die Hülse des Stabes Petri, den Tragaltar des heil. Egbert nennen.
Dem 11. Jahrhundert gehören die Theile der in Goldblech getriebenen Pala d’oro aus dem Domschatze zu Aachen an, die vorzugsweise die Art jener Zeit in der Darstellung des Figürlichen in ihren reichen Compositionen gibt. Besonders wichtig in dieser Hinsicht sind die schönen Apostelgestalten, die den Altaraufsatz aus St. Castor in Coblenz (nunmehr in St. Denis bei Paris) zieren, und deren edle Haltung und schöne Zeichnung diese aus Silberblech getriebenen, fast runden Figuren als mustergültig erscheinen lassen. Auch die beiden Nachahmungen der Limburger Reliquientafel, die Tafeln aus Trier und Mettlach müssen als höchst interessante Werke der Goldschmiedekunst hier noch einmal angeführt werden. Das Filigran zeigte sich in der höchsten Stufe der Vollendung neben mehreren verschiedenen Werken, wo es in Verbindung mit andern Techniken eine mehr untergeordnete Rolle spielt, an dem Reliquienschrein mit dem Schädel der heil. Helena aus dem Dome zu Trier, vom 12. Jhdt., und an dem Reliquienschrein des heil. Simeon in der Pfarrkirche zu Sayn. Ein prachtvolles Reliquiar von meisterhafter getriebener Arbeit, mit byzantinischen Theilen, ist das im Besitze des Erzbischofs von Köln befindliche, an einen Flügelaltar auf einem Fuße erinnernde Gefäß. Die Goldschmiedearbeit der gothischen Periode war vertreten durch den schönen Kelch mit Patene aus dem Besitze des Fürsten von Hohenzollern, dem 12. Jahrhundert angehörig, der schon bei Gelegenheit der Emails Erwähnung gefunden; ferner durch die Schale aus Osnabrück und, als Schluß der mittelalterlichen Kunst, durch die Monstranze, im Besitze des Fürsten von Hohenzollern, die, in wildestes Chaos ausgeartet, an Stelle der architektonischen Formen, die sich sonst bei diesen Gefäßen finden, eine Art Laube zeigt, welche aus Ornamentzweigen und Ranken gebildet ist. Wir haben an anderem Orte unsere Meinung über das Verhältniß dieser ornamentalen Haltung der Geräthe ausgesprochen, die wir keineswegs zurückgenommen wissen wollen, wenn man auch gerade hier in dem fraglichen Werke sieht, daß da, wo der gesammte Aufbau mit mehr oder minder strengen Architekturformen sich gebildet hatte, das plötzliche Verwandeln derselben in Ornamente, ohne weitergehende Umwandlung der Gesammtform des Gefäßes, eine gewisse unbefriedigende Trockenheit im Gefolge hat, aus der zu ersehen ist, daß wir es hier mit den letzten Ausgängen einer Kunst zu thun haben, und daß die Aufnahme solcher an und für sich zwar rationellen Motive eine Folge der eingetretenen Zersetzung ist, keineswegs aber ein Prinzip, das gestaltend auf alle Werke der Kunstperiode gewirkt hatte.
Nürnberg.
A. Essenwein.
(Schluß folgt.)
(Mit einer Beilage.)
Verantwortliche Redaction: A. Essenwein. Dr. G. K. Frommann. Dr. A. v. Eye.
Verlag der literarisch-artistischen Anstalt des germanischen Museums in Nürnberg.