Annweiler.
J. Franck.
Graf Friedrich Christoph von Schlippenbach auf dem Sandrart’schen Bilde des Friedensmahles zu Nürnberg.
Die jüngst vorgenommene Restaurierung und neue Aufstellung des großen Sandrart’schen Gemäldes: das Friedensmahl auf dem Rathhaussaale zu Nürnberg, lenkt die Aufmerksamkeit von neuem auf einen Mann, der zu seiner Zeit eine bedeutende Rolle in der Geschichte spielte und namentlich in der genannten Stadt eine Zeit lang eine Stellung einnahm, der es wenig entspricht, daß man später, trotz seiner Verherrlichung durch Künstlerhand und der dadurch in hervorragender Weise erhaltenen bildlichen Gegenwart, ihn gänzlich aus dem Andenken gestrichen hat. Unter der ansehnlichen Gestalt nämlich, welche auf dem Bilde, durch den getragenen Marschallsstab als Anordner des Festes kenntlich gemacht, den Pagen voran, zum Vordergrunde schreitet, hat man den Feldmarschall Wrangel oder einen Marschall von Pappenheim erkennen wollen, während jener schon unter den an der Tafel Speisenden sich befindet, andererseits historisch von Keinem des Geschlechtes Pappenheim sich nachweisen läßt, daß er in der erwähnten Eigenschaft bei der in Rede stehenden Feier engagiert gewesen. Bekanntlich war der berühmte kais. Feldmarschall dieses Namens schon 1632 bei Lützen gefallen. Mit größter Wahrscheinlichkeit läßt sich aber unter der bezeichneten Figur der oben genannte Graf Schlippenbach vermuthen, der beim Pfalzgrafen Karl Gustav, dem späteren Könige Karl X. von Schweden und Geber des Festschmauses, Hofmarschall war, und als solcher ohne Zweifel den letzteren anordnete, wol auch die Verewigung desselben durch Sandrart’s Pinsel besorgte und als Besteller und Bezahler des Bildes mit dem Künstler in so nahe Berührung kam, daß es natürlich erscheint, wie dieser ihm einen so hervorragenden Platz auf dem Gemälde angewiesen. Zur Gewißheit aber wird jene Vermuthung erhoben durch eine Anzahl von Handzeichnungen, die vor einiger Zeit in den Besitz des germanischen Museums gelangt sind und die Mehrzahl der auf dem Sandrart’schen Gemälde dargestellten Personen in Brustbildern vorführen. Diese Porträte sind mit dem Stift trefflich ausgeführt, wahrscheinlich von Sandrart’s eigener Hand, der sie als Studien für seine große Arbeit aufnahm. Es ist dies um so mehr anzunehmen, da einige Abweichungen der Zeichnungen von den Malereien vorkommen, während ein Copist diese letzteren wol getreu und schwerlich so gut nachgebildet haben würde. Die einzelnen Porträte sind durch beigeschriebene Namen von etwas späterer Hand näher bezeichnet und bei dem hier in Betracht kommenden Kopfe steht zwar nicht der Name Schlippenbach, aber — Schlittenbach. Daß jedoch der letztere nur irrthümlich statt des ersteren gesetzt, kann keinem Zweifel unterliegen. Die Schrift rührt, wie angedeutet, nicht von Sandrart’s eigener Hand her — zu deren Vergleichung uns andere Proben zu Gebote gestanden. Vermuthlich fügte sie ein folgender Besitzer der Zeichnungen bei, der noch Gelegenheit hatte, die Namen der Abgebildeten zu erkunden, den in Süddeutschland aber wenig bekannten Namen Schlippenbach nicht richtig erfuhr oder auffaßte. Die anderweitigen Erklärungen der Figur rühren offenbar aus einer viel späteren Zeit, in welcher man vom Hofmarschall von Schlippenbach nichts mehr wußte. Man erkannte auf dem Bilde nur den Marschall, und da der Feldmarschall Wrangel, sowie die Marschälle von Pappenheim vor allem bekannt sind, wählte man ohne Untersuchung einen dieser Namen.
Wir benutzen den Anlaß, über die Familie und Person des Grafen Schlippenbach einige Mittheilungen[26] anzufügen, die zum Theil auf bisher noch nicht bekannt gewordenen urkundlichen Forschungen beruhen.
Die Schlippenbach gehörten zum alten Geschlechtsadel der westfälischen Grafschaft Mark, sind jedoch dort erloschen, nachdem sie sich nach Lievland verpflanzt und von daher in den zwei Nebenländern Curland und Esthland verbreitet haben. Von Curland gieng ein Zweig aus dem Hause Salingen nach Schweden, erwarb dort die Grafenwürde und siedelte später nach preußisch Pommern und Brandenburg über, während ein kleiner Rest des Geschlechts in den russischen Ostseeprovinzen im Freiherrnstande fortblüht. — An das Stammwappen, eine senkrecht hängende Kette mit zersprengten Ringen (Schleifen) am oberen und unteren Ende, knüpft sich in der Grafschaft Mark eine ganze Gruppe von Familien, die jetzt verschiedene Namen führen; zunächst das schon 1194 urkundlich vorkommende Geschlecht von Bönen auf Kettinghausen (auch nach diesem bei Bönen zwischen Hamm und Cahmen gelegenen Sitze genannt); ferner die Budberg, Neuhof u. s. w.; ebenso die Schlippenbach, früher Slipenbeck (Slipe, niederdeutsch, gleich Schleife). Heinrich I. kommt 1406 urkundlich als Ritter und Edelbürger zu Iserlohn vor; Heinrich III. starb 1486, wahrscheinlich als der letzte seines Hauses im Stammlande. — Hier scheinen sie gewaltige Jäger gewesen zu sein; denn ihr Andenken verliert sich in einer gespenstischen Volkssage, die zwar, nach ihrer Verpflanzung in den Nordost, den Schauplatz ihres Thuns auch weiter ostwärts verlegte. In der Altmark ist ein Schlippenbach der „wilde Jäger“. Vielleicht entstand die Sage aber auch erst nach Rückkehr des Geschlechtes auf das deutsche Festland.
(Schluß folgt.)