Nº 3.
März.
Wissenschaftliche Mittheilungen.
Markgraf Friedrich’s von Brandenburg Besuch der Stadt Nürnberg im Jahr 1496.
(Schluß.)
Am Sonntag Estomihi, 14. Febr., kam von Ansbach her, zum Spittlerthor herein Markgraf Friedrich mit Gemahlin, Söhnen und zahlreichem Gefolge, bestehend aus 6 Herren und Grafen, 6 gelehrten Räthen und Doctoren, wobei der Kanzler Hanns Völcker oder Volkert, und aus 72 Adeligen, von denen 22 die Ritterwürde besaßen, ungerechnet die noch weit zahlreichere Dienerschaft, und nahm — in Folge einer, wie es scheint, nachträglich gemachten Aenderung — bei Lienhard von Ploben seinen Absteig, wohin die beiden Losunger sich mit den Geschenken begaben und ihn im Namen des Raths und der Stadt willkommen hießen. Einige Stunden später kam von Neustadt über Fürth zum Neuenthor herein die alte Markgräfin nebst ihren Kindern und Gefolge, das aus 18 Grafen, Herren, Rittern und gemeinen Adeligen bestand; unter ihnen befand sich Dietrich von Harras selbst, der verdienstvolle Urheber des nach ihm genannten Vertrags. Sie kehrte in Hanns Thumer’s Hause ein, wobei übrigens, wie bei dem Markgrafen, zu beachten ist, daß zwar beide Häuser (S. 823 und S. 880) sehr geräumig sind, aber diese Räume doch nur zur Aufnahme der fürstlichen Familie und ihres allerengsten Gefolges ausreichen konnten, die übrigen das Gefolge bildenden Personen daher in andern in der Nähe gelegenen Häusern untergebracht werden mußten. Daß also S. 808 ebenfalls in Anspruch genommen wurde, ist außer Frage; nur geschah es in veränderter Weise, indem der Markgraf seine Harnischkammer und, wie sich versteht, die dazu gehörenden Personen daselbst untergebracht hatte. Müllner hat übrigens von dieser Aenderung nichts bemerkt und eben so wenig, daß noch an demselben Tage, nachdem auch die Markgräfin Anna angekommen und in ähnlicher Weise, wie ihr Sohn, bewillkommt und beschenkt worden war, sämmtliche Gäste sich mit ihren Wirthen auf dem Rathhause zu Tanz und Spiel und fröhlicher Unterhaltung beim Genuß des Bechers zusammengefunden hätten. Es ist nicht wahrscheinlich, daß gleich nach der Ankunft solche Lustbarkeiten seien vorgenommen worden; und es ist wol eine von dem Ueberarbeiter der älteren Erzählung beliebte Ausschmückung, die das, was hätte sein können, an die Stelle desjenigen, was wirklich war, gesetzt hat.
Wesentlicher aber ist ein anderer Punkt, worin Müllner’s Bericht von der neueren Ueberarbeitung abweicht. Diese erzählt nämlich, wie am Montag, dem Tag nach der Ankunft der fürstlichen Gäste, Markgraf Friedrich mit seinem Hofe und Gefolge die Kirche zum heiligen Geist besucht habe, wo die Reichskleinode und die dazu gehörenden Reliquien aufbewahrt wurden, und wie die Priesterschaft diese Schätze, die bekanntlich seit ihrer Ueberbringung nach Nürnberg (1424) alljährlich in der Woche nach Quasimodogeniti öffentlich gewiesen wurden — daher Heiligthumsweisung —, damals gezeigt habe. Mittags habe er mehrere Herren des Raths zur Tafel gezogen, und nach derselben seien die ehrbaren Frauen und Jungfrauen der Stadt erschienen, um der Markgräfin Sophie ein künstlich zusammengefügtes Geschenk von Citronat, Confekt und Datteln zu überreichen, wobei Anton Tetzel und Conz Imhof das Wort zu thun, d. h. eine Anrede zu halten, ausersehen waren. Abends habe in gleicher Weise, wie der Markgraf am Mittag, die verwittwete Markgräfin mehrere Herren des Raths bei sich zu Tische gehabt, und hierauf sei, wie Tags zuvor, Tanz und gesellige Unterhaltung auf dem Rathhause gewesen. Man muß anerkennen, daß nicht ohne Geschick auf diese Weise versucht worden ist, den Montag auszufüllen, obgleich spätere Sitten unverkennbar auf frühere Zeiten übertragen wurden, und zwar der Besuch der Kirche und des Heiligthums recht wohl bemessen ist, dagegen das Ziehen zur Tafel und die abendliche Belustigung auf dem Rathhause gleich unwahrscheinlich und dem Kostüm zuwiderlaufend.
Müllner dagegen sagt, daß gleich am Montag nach Estomihi das Rennen stattgefunden habe, womit also alle eben erwähnten Ausfüllungen des Tages von selbst wegfallen würden. Allerdings möchte man gern den Montag retten, so daß nicht gleich, nachdem Abends vorher die Gäste angelangt waren, sondern erst, nachdem man einen Tag, um sich zu sammeln, um noch Eins und das Andere zu besprechen und zu ordnen, verstreichen ließ, die Hauptfestlichkeit vor sich gegangen sei; und wenn der Markgraf, wie die Ueberarbeitung will, am Donnerstag abreiste, so mußte das Rennen erst am Dienstag abgehalten werden. Aber es ist im genauen Einklang mit dem früheren, wohlbekannten Gesellenstechen an der Löffelholz-Paumgärtnerischen Hochzeit im J. 1446, daß der Montag vor Fastnacht dazu ausersehen wurde, und es ist nicht wahrscheinlich, daß man die herkömmliche Lust am eigentlichen Faschingstag, dem Dienstag, durch eine solche exclusive Lustbarkeit auf die Seite schieben ließ. So lange daher nicht aus amtlichen Quellen, wozu nach angestellter Forschung vorläufig keine Aussicht ist, eine bestimmte Angabe über den Tag gegeben wird, dürfte nach Abwägung der beiderseitigen Ansprüche die Entscheidung für den Montag ausfallen.
Wie immer, wurde der Marktplatz für das Kampfspiel bestimmt, und es war, ungeachtet er ein völlig gleichseitiges Viereck bildet, doch ganz in der Oertlichkeit begründet, daß die Stechbahn von Norden nach Süden gerichtet, auf die Ost- und Westseite hin aber durch Schranken abgesperrt war, hinter denen die Zuschauer sich verhielten. Die Bahn war mehr lang als breit; wenn aber die „Ueberarbeitung“ 400 Schuh für die Länge und nur 50 Schuh für die Breite annimmt, so ist das letztere Maß ganz gewiß zu knapp gegriffen. Die von dem Rath geordneten Herren, so zu sagen die Turniervögte, Ulman Stromer, Martin Geuder und Marquard Mendel, hatten sie mit Sand überschütten und dann dicht mit Stroh belegen lassen; sie selbst hielten an der Bahn, begleitet von Knechten mit Stangen und anderem Gezeug, um theils die Fallenden, Männer wie Pferde, wieder aufzurichten, theils dem Andrang der Zuschauer und Neugierigen zu steuern. Um Mittag erschienen die Stecher in der Bahn; am südlichen Ende, beim Rieterischen Hause (S. 808) Markgraf Friedrich mit neun Begleitern: Caspar von Waldenfels, Wolf von Gültlingen, Ritter, Raphael Bolleck, Heinrich Beheim (keiner des nürnbergischen rathsfähigen Geschlechts, sondern wahrscheinlich ein Böhme, der auch im Verzeichniß der markgräflichen Edelleute kurzweg als „der Beheym“ vorgetragen ist), Philipp von Feilitzsch, Philipp von Achselfingen, Lienhard von Ehenheim, Wolf von Hürnheim, Hanns von der Gron; am nördlichen Ende, an den Salzern (Salzkrämern), dem jetzt Solgerischen Haus und Verkaufslokal (S. 877), stellten sich die nürnbergischen Stecher auf, voran Herr Dietrich von Harras, Ritter, dann Georg von Harras, sein Sohn, Martin Tucher, Martin Löffelholz — nach Müllner war er des Dietrich von Harras Stiefbruder, wofür sich jedoch in dem bekannten Stammbaum der Löffelholze kein Beweis und keine Erklärung findet — Wolf Haller, Ludwig Groß, Marx Pfister, Anton Herwart von Augsburg, Stephan Paumgärtner, Wolf Pömer. Wie — nach Müllner — die Markgräfischen alle schwarz und weiß quartiert, — nach dem Ungenannten — mit schwarz und weißen Fähnlein ausgezeichnet waren, so seien — sagt Müllner — die Nürnbergischen alle in Schwarz und Gelb gekleidet gewesen. „Es war aber — fährt er fort — ein seltsam Gestech, denn auf beiden Seiten der Schranken, unten und oben, waren Seiler (Seile) an hohen Stangen überzwerch aufgehangen und an den Stangen Fähnlein, schwarz und weiß und schwarz und gelb; welcher nun in den Schranken hinter solche aufgespannte Seiler kam, der war sicher, sobald aber einer herfürrückte, rannten oft zwen, oft drei auf ihn, je der nächste der beste, doch geschah keinem Menschen kein Leid, allein [nur] ein Roß blieb auf der Bahn todt liegen.“ Aus den Berichten des Ungenannten, der, wie es bei Turnieren und Gesellenstechen der Brauch ist, alle einzelne Fälle angibt, sieht man, daß es Raphael Bolleck war, der nur einen einzigen Ritt that, bei dem er selbst fiel und sein Pferd todt blieb. Die Zahl der Gewinnste auf markgräflicher Seite beträgt 58, auf nürnbergischer 42, der Fälle auf markgräflicher Seite 25, auf nürnbergischer Seite 58. Es scheint aber in der Aufzeichnung eine Irrung vorhanden zu sein, denn es müßte die Summe der Fälle der der Gewinnste gleich sein; diese übertrifft jedoch jene um 17. Jedenfalls leisteten die Nürnberger weniger als die Markgräfischen, und wenn es in der Aufzeichnung des Ungenannten heißt, daß sie sich mit so hoher Tapferkeit ausgezeichnet hatten, so geben, obgleich hier überhaupt nicht von Tapferkeit, sondern nur von körperlicher Kraft und Fertigkeit die Rede sein kann, die Zahlen den schlagendsten Gegenbeweis. Am stärksten aufgetragen ist diese Ruhmredigkeit in folgender, allerdings schon von Müllner und ohne den mindesten Zweifel an der Echtheit mitgetheilten Anekdote: „Es hatte aber Markgraf Friedrich unter anderm seinem Hofgesind einen Ritter, der an der Person dem Fürsten gleichförmig war, mit aller Rüstung auch seines Helms Bezierung, des Fürsten Zier ganz ähnlich, gerüstet, also daß der Fürst nit eigentlich hat mögen erkannt werden, außer daß die Seinigen wußten, daß er einen weißen Mutzen[27] ritt, aber an Stechdecken und Anderm war kein Unterschied, So war der Markgraf für seine Person ein berühmter Renner und Stecher, wollte auch seine fürstliche Mannheit alda in Freuden erzeigen, und als das Gestech eine gute Weile gewähret und viel Treffen und Ritt gegen einander geschehen und sich die Nürnbergischen gegen den Adel tapfer erzeiget, unter denen Martin Löffelholz seinem Pferd an die Stirn einen Schembart mit einem langen Bart vorgehangen, hat Markgraf mit demselben ein Treffen zu thun begehrt; darauf rannte der Fürst unten von der Rieter’schen Behausung herauf, was der Gaul vermochte, aber der Löffelholz oben von den Salzern herab, mit seinem halb zeltenden[28] Gaul, ein wenig gemacher, trafen hart zusammen, aber der Fürst räumte schnell den Sattel, saß wiederum auf, überritt die Bahn einmal oder drei, und hielt oben bei den Salzern, da wurde dem Löffelholz wiederum angelegt und zur Stund auch dem Fürsten, der abermals mit starkem Lauf den Löffelholz wohl anstieß, räumten doch beede die Sättel, dem Fürsten ward dann aufgeholfen, der sprang auf der Bahn um, nahm des Löffelholz Hand und schlug ihm seine darein, mit den Worten: Wir haben uns ein Stecher zu sein vermeint, aber du bist wahrlich auch einer; wir bitten, komm zu uns, wir wollen ganze Freundschaft machen. Der Löffelholz antwortet: Gnädiger Herr, Euer fürstliche Gnaden sein mir unbekannt. Der Markgraf fiel ihm in die Red und sagt: Schweig, Löffelholz, du hast dich gegen uns ritterlich und wohl gehalten. Wir wollens also nach unserm Willen haben. Gleich des nächsten Ritts darauf traf der Ritter, so dem Fürsten ähnlich war, mit dem Herwart von Augsburg, räumten bede Sättel, und der Ritter behieng im Abfallen mit seinem Sporn in der Stechdecken und riß dieselbe an der einen Seite gar entzwei, daß das Pferd auf derselben Seite bloß und unbedeckt blieb, dabei wurde der Fürst erkannt, wollte niemand mehr mit ihm treffen, darüber er unwillig ward und forderte selbst etliche Bürger, mit ihm zu treffen, aber sobald der Fürst sattelräumig wurde, blieb keiner mehr sitzen, sondern fielen alle ab, welches den Fürsten noch mehr unwillig machte, daß er wenig Treffen mehr thät, doch zuletzt traf er noch einmal mit dem Löffelholz, der räumte den Sattel, aber Männiglich vermeinte, er hätte das willig dem Fürsten zu Ehre gethan, wiewohl sich der Löffelholz eines starken empfangenen Stoßes halben beklagte, denn der Fürst von Person grad und stark und noch jung war, darum er im Anklopfen nit gefehlet hatte. Damit endete sich dies Gestech glücklich und mit Freude.“