Müllner erzählt diese Geschichte mit solcher Gläubigkeit, daß man fast Unrecht thut, einiges Bedenken darüber zu äußern. Er lebte nur kaum hundert Jahre nach jener Zeit; es mag ihm ein Bericht vorgelegen haben, der alle äußern Zeichen der Zuverlässigkeit trug; auch im Charakter des warmblütigen Markgrafen Friedrich lag nichts Dawidersprechendes, und die der Gegenwart ohne Zweifel gar zu lächerlich vorkommende Gefälligkeit der Nürnberger gegen den siegsdurstigen Fürsten mag ihm und seinen Zeitgenossen gar nicht so lächerlich, sondern als schuldige Pflicht gegen den hohen Gast vorgekommen sein. Daß aber bei längerer Betrachtung doch einige Zweifel an dieser Geschichte aufsteigen, wird nicht zu vermeiden sein. Man hat ein sehr genaues Verzeichniß der Stecher mit Angabe ihrer besondern Helmzierden. Nun war der Markgraf bezeichnet durch einen auf dem Helm angebrachten Frauenschuh und einen goldenen Buchstaben in dem schwarz und weißen Helmfähnlein, den, wie ausdrücklich gesagt, nur er führte, während seine Begleiter zwar auch das Fähnlein, aber ohne den Buchstaben hatten. Von diesen seinen Gefährten allen war nur Heinrich Beheim etwa mit ihm zu verwechseln, insofern er einen schwarzen Schuh auf dem Helm führte, der aber von dem Frauenschuh jedenfalls unterscheidbar war. Sodann wird von ihm nur ein einziger Gewinnst oder „lediger Fall“ vorgemerkt, überhaupt nur ein einziges Rennen. Der dem Markgrafen ähnliche Ritter wurde sattelräumig, wobei er mit dem Sporn die Stechdecke zerriß und so die Farbe des Pferdes verrathen wurde. Das Incognito, in welches sich der Markgraf hüllen wollte, war jedenfalls sehr durchsichtig, und wenn Löffelholz sagt: „Euer fürstliche Gnaden sind mir unbekannt“, so klingt diese Rede, da der Markgraf gar nicht unerkannt sein wollte, und außer ihm ein anderer Fürst gar nicht zugegen war, ziemlich ungeschickt. Der Markgraf that übrigens 13 Rennen, in deren 9 er gewann, viermal unterlag. Martin Löffelholz that zwar 16 Rennen, gewann sechsmal, fiel zehnmal, woraus ebenfalls nichts hervorgeht, um ihn zu einem so famosen Stecher zu stempeln. Wolf Haller dagegen that 20 Ritte, in deren 9 er obsiegte, jedenfalls also mehr Anspruch auf den Dank hatte, den er auch bekam. Auch wird in der verhältnißmäßig sehr weitläuftigen Lebensbeschreibung, welche in den gedruckten Geschlechtsregistern des Nürnberger Patriciats dem Namen dieses Martin Löffelholz beigegeben ist, zwar ziemlich umständlich seiner Gefangennehmung, als er Pfleger von Lichtenau war, gedacht, obgleich gerade die wichtigsten Fragen: Wer? Wann? Wo? übergangen sind, aber sein mannhaftes Gebaren im Stechen mit dem Markgrafen einfach mit den Worten „rennete 1496 bei dem Privatturnier oder Gesellenstechen mit“ abgethan. Es liegt nicht in der Art dieser Geschlechtsregister, etwas Rühmliches, falls der Schreiber es wissen konnte, zu verschweigen; und wenn auch die in dem Journal von und für Franken gegebene erweiterte und modernisierte Erzählung erst 1790 erschien und also bei jenem Bericht im Geschlechtsregister nicht berücksichtigt werden konnte, so war doch Müllner’s Chronik in dem Archiv oder der Familienbibliothek jedes patriciatischen Geschlechts zu finden, und wenn Anderes, wie es gerade bei dieser Familie der Löffelholz der Fall ist, so ausführlich erzählt wird, warum gieng man über diese — wenn sie sich wirklich so verhielt — wichtige Geschichte so stillschweigend hinweg und begnügte sich mit der bloßen Erwähnung seiner Anwesenheit? Es ist nicht anzunehmen, daß eine Familie, wenn sie anders guten Grund hatte, die Vorzüge ihrer Vorfahren in’s Licht zu setzen, sie mit einer Bescheidenheit ohne Gleichen sollte übergangen haben, sie müßte denn ganz und gar unwissend in diesem Betreff gewesen sein, was allerdings, wie in vielen Beispielen zu ersehen, nicht unmöglich ist. Sind übrigens in der ganzen Erzählung die Verdienste der Nürnberger nebenbei auch hervorgehoben, so muß ebenfalls erwähnt werden, daß von den zehn bei dem Stechen betheiligten Personen nur sechs eigentliche Nürnberger waren, indem weder die beiden von Harras, die nur vorübergehend in Nürnberg sich befanden, noch Marx Pfister, der zwar eine Nürnbergerin geheiratet hatte und hier seßhaft geworden, aber ebenso wie Anton Herwart von Augsburg gebürtig war, im engeren Sinn so bezeichnet werden konnten. Gerade diese beide aber hatten sich nächst Wolf Haller und Martin Löffelholz am stattlichsten gehalten: Herwart hatte bei 11 Ritten siebenmal, Pfister bei zehn Ritten sechsmal gewonnen. Daß am Ende ein Nürnberger doch auch mit einem Dank bedacht werden mußte, war im Grunde eine ausgemachte Sache; es fragte sich nur welcher? Es ist merkwürdig, daß die Berichte hierüber von einander abweichen. Müllner fährt nämlich also fort:
„Nachdem wurde auf den Abend auf dem Rathhaus ein köstlicher Tanz gehalten, in Beisein der zweier jungen Fürsten, des Frauenzimmers und aller erbaren Frauen und Jungfrauen zu Nürnberg. Daselbst hat man hochermeltem Fürsten Markgrafen Friedrich den Fürstendank und einen Tanz und das beste Kleinod Martin Löffelholzen gegeben, der Solches mit vielen ledigen Fällen erhalten. Die andern Kleinoder und Dänk sein alle den Markgräfischen Stechern, als Fremden, die man billig verehrt, gegeben worden. Des andern Tags ist ein großer Hof von oftgedachtem Markgrafen und andern anwesenden fürstlichen Personen gehalten worden, und ist nach solchem hochermelter Fürst mit all seinem Hofgesind von solcher gehaltener Freud und Kurzweil mit sonderm gnädigen Wohlgefallen abgeschieden und mit Erbieten, Solches mit nachbarlichem gnädigen Willen in alleweg zu erkennen und im Besten zu gedenken.“
Mit dieser Angabe, daß Martin Löffelholz einen Dank erhalten habe, steht nun der andere, die vollständige Austheilung der Preise enthaltende Bericht in Widerspruch. Wenn es nämlich nach dem Müllner’schen oberflächlichen Bericht aussieht, als habe der Markgraf den ersten, Löffelholz den zweiten und die andern Stecher gleichsam nur das Uebergebliebene bekommen, so verhält es sich, und wie nicht zu zweifeln in voller Wahrheit, ganz anders. Den ersten Dank erhielt Wolf von Gültlingen, Ritter, der dreizehnmal gewonnen hatte und nur sechsmal gefallen war; ihn ertheilte Kunigund, Hannsen Grafen von Schwarzenberg’s Gemahlin. Den zweiten Dank erhielt Philipp von Achselfingen, der 10 ledige Fälle gehabt und dreimal gefallen war; ihn ertheilte Anhalds von Wildenfels Gemahlin, eine geborne Pflugin. Den dritten Dank erhielt der Markgraf, der, wie schon gesagt, neunmal gewonnen hatte und viermal gefallen war, aus der Hand von des Schultheißen Wolff von Parsberg, Ritters, Gemahlin Margaretha, Albrechts von Wildenstein und Amalie von Seckendorff Tochter; den vierten endlich Wolfgang Haller, der neunmal gewonnen und elfmal gefallen war, aus der Hand von Apollonia, gebornen Hallerin, der erst seit 1493 mit dem Losunger Paulus Volckamer verheirateten zweiten Gemahlin desselben. Zu den vier Preisen kamen vier goldene Ringe, die zu 17 fl. und die dazu gehörenden Schnüre für 3 fl. in Rechnung gebracht waren. Von Martin Löffelholz ist hierin keine Rede.
Ueber den am Abend gehaltenen Fackeltanz auf dem Rathhause gebricht es ebenso an näheren Nachrichten, wie über den von dem Markgrafen am andern Tag gehaltenen Hof. Nur sind in der sehr in’s Einzelne gehenden Rechnung über die Kosten der markgräflichen Anwesenheit, welche im Ganzen die Summe von 2000 fl. rh. damaligen Geldes erreicht, wo nicht überstiegen haben, die Ausgaben für den Fackeltanz besonders vorgetragen; sie bestanden in 6 fl. 4 Pfd. 6 Pfg. für ein Legel (kleines Faß) Malvasier, 16 fl. für 8 Eimer Frankenwein, 11¼ fl. für 90 Pfd. Konfekt und 2 fl. 4 Pfd. für Datteln. Der außerdem in Rechnung gebrachte Weinverbrauch war 218 Eimer Frankenwein, die 429 fl. 4 Pfd. 14 Pfg. rh. kosteten und 5 Legel Reinfal (süßer norditalienischer Wein) à 13 fl. Beim Fackeltanz wurden außerdem noch 104 Windkerzen, wahrscheinlich Wachslichter, für 4 fl. Unschlitt- oder Talglichter, und 29 Stück Fackeln gebraucht. Dazu kamen 12 Stück Kartenspiele. Die Beschaffung der Speisen und Getränke muß für jene Zeit, welche sich der neueren Zufuhrerleichterung nicht erfreuen konnte, eine ziemliche Aufgabe gewesen sein, da 3272 Pfd. Rindfleisch à 4 Pfg., 2666 Pfd. Kalbfleisch à 3 Pfg., 375 Pfd. Lammfleisch à 5 Pfg., 344 Pfd. altes und 841 Pfd. junges Schweinfleisch à 5 Pfg. in Rechnung gebracht wurden. Dazu kamen 109 Kapaunen à 41 Pfg., 826 Hühner à 22 Pfg., 856 große Vögel à 5 Pfg., 7 Enten à 20 Pfg., 44 Haasen à 48 Pfg., 47 Stück Eichhorne à 11 Pfg., 36 Rebhühner à 27 Pfg.; ferner 74 Forellen, 625 Pfd. Hechte, 1392 Pfd. Karpfen, 60 Pfd. Orfen, 200 Stück Neunaugen. Der Centner Karpfen wurde zu 27 Pfd. angesetzt; für die andern Fische mangelt die Preisangabe. Außerdem kamen noch in Verbrauch 2471 Heringe, das Hundert zu 5 Pfd., 68 Stück ganze Stockfische, 8 Stück für 1 fl., 67 Stück gewässerte Stockfische à 10 Pfg., 107 Pfd. gesalzene Hechte à 14 Pfg., 57 Pfd. gesalzene Lachse 13 Pfg., 27 Pfund gesalzene Störe à 24 Pfg., 14 Pfd. gesalzene Sandel à 8 Pfg., 7¾ Pfd. gesalzenen Aal à 16 Pfg. An den Zuthaten zu den Speisen fehlte es natürlich auch nicht; Hausenblase, Safran, Ingwer, Pfeffer, Nägelein, Zimmt, Muskatnuß, Muskatenblüthe, grüner Ingwer, Zucker, Reiß, Mandeln, Weinbeeren, Rosinen, Feigen, Trisenet, Pomeranzen, Kapern, Senf, Weichsellatwerge werden notiert, und daß die Lebkuchen, als eigenthümliches Produkt der Stadt Nürnberg, nicht fehlten, läßt sich nicht anders erwarten. Bier findet man jedoch nicht erwähnt, eben so wenig Meth, obgleich es an Bierbrauereien und Methsiedereien damals in Nürnberg nicht fehlte. Auch wird Schmalz, Käse, Eier und Milch in großen Quantitäten erwähnt, Butter aber nicht; von Obst kommen Kochbirnen und Aepfel vor, dazu 80 Maß Honig.
Während der Anwesenheit der fürstlichen Gäste fand auch der Umzug oder Umlauf des Schembarts statt; es waren 42 halb rosenfarb, halb leibfarb gekleidete junge Leute; ihre Hauptleute waren Caspar Paumgärtner und Georg Kötzel; sie liefen aus beim Milla, einem Wirth am Obstmarkt; den Metzgern hatten sie 20 fl. bezahlt. Den Fremden mochte das Schauspiel immerhin neu und anziehend sein; doch dürfte die Stattlichkeit des fürstlichen Hofes und die Menge des ihm angeschlossenen Adels leicht ansehnlicher und für die schaulustigen Blicke fesselnder gewesen sein. Der Markgraf war jedenfalls mit dem ihm gewordenen Empfang sehr zufrieden; er schenkte seinem Hauswirth Lienhart von Ploben 20 fl., der Frau desselben, Barbara Harsdörfferin, deren mit ihrem Manne verbundenes Wappen noch jetzt an dem Hause S. 823 angebracht ist, einen Ring, jedem ihrer fünf Kinder einen Gulden, dem Gesinde 3 fl., seinem Küchenmeister Ulrich Haller und dessen Frau Magdalena Imhof gab er zwei Ringe zum Andenken. Auch die alte Markgräfin verehrte ihrem Hauswirth Hanns Thumer 15 fl., seiner Frau, Ursula Meichßnerin, einen Ring, dem Gesinde 5 fl. und ihrem Küchenmeister Sebald Schreyer einen Ring mit einem kostbaren Diamanten.
Als der Markgraf am Donnerstag unter Versicherungen freund-nachbarlicher Gesinnung von dannen schied, mochte man sich der Hoffnung, eine bessere, friedlichere Zeit werde beginnen, hingeben zu dürfen glauben; aber es dauerte nur kurze Zeit, so drängte das Plackerwesen von Seite des Adels alle solche Hoffnungen weit in den Hintergrund, und daß auch der Harrasische Vertrag selbst nur eine, nie in Wirklichkeit übergehende Täuschung sei, erfuhr die Stadt schon nach wenigen Jahren.
Nürnberg.
Lochner.