Ich beginne mit dem Aeußerlichsten.
Die Sammlung ist ihrem wesentlichen Theile, etwa sechs Siebenteln ihres Inhaltes nach nichts weiter als ein Auszug aus Agricola’s 750 Sprichwörtern. Der Text ist fast überall und, soweit eine Erklärung beigegeben ist, auch diese großentheils wörtlich aus Agricola entnommen; eine Entlehnung, die der Sammler am Schluß seiner Vorrede unbefangen mit den Worten einräumt:
„Seind nun ein mercklich theyl hieuor in Teutscher spraach vßgangen, soliche zum teyl sampt etzlichen andern also in kürtze zuuerfassen, hat gůter leut anlangen vermoͤgt. Du woͤllests (leser) im̄ besten also annemen. Gott geb alles gůt.“
Diese Benutzung des Agricola aber — Plagiat darf es im Sinne des 16. Jahrhunderts nicht heißen, — ist weit von der mechanischen Art entfernt, mit der z. B. Egenolff 1548 und Campen 1550[1] sich an den Gang Agricola’s angeschlossen haben. S. Franck, oder sage ich zunächst richtiger: der Veranstalter des Auszugs von 1532, hat erstlich trotz seines geringen Umfanges mehr sprichwörtlichen Gehalt entlehnt, als die beiden späteren Compilatoren (Franck circa 600, Campen 500 und Egenolff 1548 nicht ganz 400 Sprüche) und bietet denselben in einer wesentlich freieren Anordnung; seinen Nr. 110–120 entsprechen z. B. bei Agricola 204, 207, 210, 246, 247, 248, 250, 209, 170, 171, 189.
Seine Erklärung, die in der Regel kleine Gruppen von Sprichwörtern unter einem Gesichtspunkt zusammenfaßt, hat ferner mit sicherem Takte alles Unwesentliche ausgeschieden und ist somit in ihrer gedrungenen Klarheit oft reicher und schlagender als ihre Quelle, Agricola selbst.
Einen noch höheren Grad von Selbständigkeit beurkunden die an Zahl nicht eben seltenen, anscheinend geringfügigen Abweichungen in einzelnen Wörtern des Textes und der Erklärung. Sie enthalten theils geradezu Verbesserungen, theils üblichere oder auch solche Wörter, die mehr einem jenseits des Mains beheimateten Deutschen geläufig sind. Scheidet doch, mit Franck, Geschichtbibel 1531, Bl. xxa, zu reden, der Meyn allein hohe vnd nidere Teütschen.
Rechnet man nun noch hinzu, was ich, wie alles hier blos Angedeutete, an einem anderen Orte mit ausreichender Vollständigkeit begründen werde: daß die Sammlung von 1532 einseitige Erklärungen Agricola’s vervollständigt, sowie mißlungene Deutungen beseitigt und treffendere an ihre Stelle gesetzt hat, daß sie ferner etwa 70 neue und willkommene Sprichwörter bietet — so wird man nicht umhin können, dem vermeinten Plagiator, der seine südliche Heimat nicht verleugnet, eine Art proverbiellen Berufes beizulegen. — Um aber weiter S. Franck in demselben zu erkennen, sei auf zwei Eigenthümlichkeiten hingewiesen, die auch seine größere Sammlung von 1541 auf den ersten Blick kennzeichnen. Es ist dies erstlich das Streben, gleichartigen Stoff zusammenzudrängen, wofür hier nur auf Nr. 355 hingedeutet sein mag, das in einer Gruppe auf geringem Raume (keine volle Druckseite) sämmtliche bei Agricola unter Nr. 599 bis 619 verzeichneten Sprichwörter mit alleiniger Ausnahme von 610, 612, 614 zusammenfaßt. Noch mehr aber stimmt zu Franck’s Eigenthümlichkeit, noch Franckischer, möchte ich sagen, ist sodann die relativ häufige und eigenthümlich gemüthvolle Hinweisung auf die heilige Schrift.
Auch die Sprache S. Franck’s würde wie in ihrem Material, so in ihrem Satzbau manche Analogieen an die Hand geben; hier stehe nur noch, was die Sache vollends entscheidet: Anfang und Schluß der Sammlung.
Die Vorrede lautet vollständig: