11) Jahresberichte der Geschichtswissenschaft, im Auftrage der Historischen Gesellschaft zu Berlin herausgegeben von Dr. F. Abraham, Dr. J. Hermann, Dr. Edm. Meyer. I. Jahrgang 1878. — Berlin, E. S. Mittler & Sohn. XII u. 663 S. (einschließl. Reg.).
Das Bedürfniß, die von Jahr zu Jahr immer mehr anschwellende Fluth der Arbeiten und Leistungen auf dem Gesammtgebiete der Geschichtswissenschaft in das Bett geordneter periodischer Uebersichten geleitet und gebändigt zu sehen, ist ein so allgemein fühlbares, daß eine dies bezweckende Unternehmung, besonders in einem Organe wie der „Anzeiger“, der die Bestrebungen auf den verschiedenen Feldern der deutschen Geschichte zusammenzufassen strebt, nur erwähnt, nicht erst besonders empfohlen zu werden braucht. Die Mühen und Schwierigkeiten, welche die auf dem Titel genannten Mitglieder der Historischen Gesellschaft in Berlin mit dieser verdienstlichen Arbeit auf sich genommen haben, ist eine so große, daß der deutsche Geschichtsfreund sich ihnen zu besonderem Danke verbunden fühlt. Dieser Pflicht will auch diese kurze Hinweisung genügen.
Das Vorwort weist unter Anerkennung dessen, was in einigen Zeitschriften, der „Revue historique“, in Sybels Zeitschrift, auch in den „Mittheilungen“ derselben Histor. Gesellschaft zu Berlin in verwandter Richtung bereits geschieht (theilweise auch in diesem „Anzeiger“), darauf hin, wie dringend wünschenswerth es sei, dem Geschichtsforscher ein Hülfsmittel an die Hand zu geben, durch welches er ein wahrheitsgetreues Bild der Vergangenheit aus allen dazu veröffentlichten Arbeiten gewinnen könne. Daher sollen nun in den Berichten nicht eigentlich Kritiken von Schriften und Autoren, vielmehr die Ergebnisse der Schriften, durch welche dieselben die bisher geltenden Züge des Bildes der Vergangenheit abändern, oder ihm neue einfügen, mitgetheilt werden. Zu diesem Zwecke wurde nun das Gesammtgebiet der Geschichte vom höchsten Alterthum bis zur Neuzeit in eine große Anzahl von Feldern eingetheilt und für jedes derselben ein Bearbeiter gesucht, der nach bestem Vermögen für den ihm nächsten Kreis die Arbeit des Jahres 1878 übersichtlich zusammenstellte. Die Zahl dieser Felder beträgt vorläufig 65, doch zerfallen ihrer mehrere wieder in Unterabtheilungen. Die Herausgeber hatten nicht nur bei der Auswahl und Gewinnung der Mitarbeiter eine nicht leichte Aufgabe, sondern sie haben sich auch bei der Redaction und Ergänzung der einzelnen Berichte große Mühe gegeben. Es ist noch besonders hervorzuheben, daß nicht nur eigentliche geschichtliche Darstellungen und Aufsätze berücksichtigt sind, sondern auch „alles, was zu Vermehrung, Sichtung und Sicherung des Quellenmaterials geschehen ist!“
Der Unvollkommenheiten und Lücken des vorliegenden ersten Jahrgangs sind sich die Herausgeber klar bewußt. So war eine vollkommene Gleichmäßigkeit vorläufig nicht zu erzielen. Verschiedene Länder und Zeiträume sind noch gar nicht vertreten. Jene Lücken und Mängel werden mehr und mehr ausgefüllt und gebessert werden, wenn die Herausgeber die erforderliche Unterstützung finden.
Unter den Verdiensten des neuen Unternehmens dürfen entschieden die hervorgehoben werden, welche es sich durch kurze Zusammenfassung der jährlichen Gesammtarbeit unserer deutschen landschaftlichen Geschichts- und Alterthumsvereine in ihren Zeitschriften und sonstigen Veröffentlichungen erwirbt. Gerade hier ist das Bedürfniß ein schreiendes. Haben doch Jacob Grimm (Vorrede zu den Weisthümern), Waitz u. a. Forscher aus eigener unwillkommenster Erfahrung heraus geklagt, daß in unseren überaus zahlreichen Vereinszeitschriften eine Fülle von Stoff zu Tage gefördert werde, um sich in der unübersehbaren bunten Mannigfaltigkeit alsbald wieder zu verlieren. Nun ist bei der allgemeiner gewordenen Erkenntniß dieses Schadens allerdings vielfach Rath geschafft worden. Vereine und einzelne aufopfernde Männer haben sämmtliche Arbeiten, große und kleine, in Vereinszeitschriften und Monographien, ja die periodische Geschichtsliteratur ganzer Landschaften, in überaus nützlichen Uebersichten und Registerbänden zusammengestellt. Auch der „Anzeiger“ erwirbt sich durch sorgfältige Zusammenstellung der Aufsätze in unseren Zeitschriften ein großes Verdienst.
Aber neben solchen nützlichen, ja nöthigen Arbeiten bleibt doch noch das Bedürfniß einer nach Landschaften und Perioden geordneten Zusammenfassung der historischen Jahresleistung, wobei der Referent doch nicht bloße Titel, sondern auf Grund eigener Durchsicht eine Charakterisierung der einzelnen Leistungen gibt, bestehen. Ist auch eigentliche Kritik der Verfasser und Polemik ausgeschlossen, so gibt doch schon die einfache Darlegung des Thatsächlichen eine Vorstellung von der Bedeutung der besprochenen Arbeiten.
Da nun aber dieser die Arbeit der Localvereine betreffende Theil der „Berichte“ nicht nur besonders nützlich, sondern auch mit ganz besonderen Schwierigkeiten verknüpft ist, schon deshalb, weil es der Historischen Gesellschaft schwer ist, jene Veröffentlichungen der Geschichtsvereine rechtzeitig und vollständig zu erlangen, so entspricht es recht eigentlich den Interessen der Geschichtsvereine, den Herausgebern der „Jahresberichte“ ihre Arbeit durch Nachweisung und Uebermittelung ihrer Zeitschriften und sonstigen Publicationen zu erleichtern. (Für den betr. Theil der Redaktion dürfte zunächst Herr Dr. Edm. Meyer. Wartburgstr. 22 in Berlin S. W. die entsprechende Adr. sein).
Wir glauben, daß die berührten Unvollkommenheiten und Lücken, die gewiß den Herausgebern nicht zur Last zu legen sind, die Leser des Anzeigers nicht abhalten werden, auch schon dem ersten Jahresbande der „Berichte“ ihr besonderes Interesse zuzuwenden. Sind doch darin schon mehr als 2300 historische Arbeiten des Jahres 1878 zur Besprechung gekommen. Die Vervollkommnung und der Erfolg des sehr mühsamen, unserer gemeinsamen Sache, nicht aber einem besonderen Privatinteresse dienenden Unternehmens hängt nicht in letzter Reihe von der Betheiligung und freundlichen Förderung seitens der Geschichtsvereine ab.
Wernigerode.
Dr. Ed. Jacobs.