ORGAN DES GERMANISCHEN MUSEUMS.

1880.

Nº 7.

Juli.


Wissenschaftliche Mittheilungen.

Beiträge aus dem germanischen Museum zur Geschichte der Bewaffnung im Mittelalter.

I.

Seit Jahrzehnten schon ist reiches Material zur Feststellung der Entwickelungsgeschichte der mittelalterlichen Bewaffnung zusammengetragen worden, und es sind vielleicht über keinen Zweig der mittelalterlichen Archäologie die Studien reifer für einen Abschluß, als gerade hier. Trotzdem aber zeigt es sich, daß auch fast für kein Gebiet die Kenntniß auf engere Kreise von Specialisten beschränkt ist, als eben hier. So mag es gerechtfertigt erscheinen, in einem Blatte, welches nicht blos für Spezialisten dieses Gebietes bestimmt ist, nochmals Beiträge zu liefern, welche geradezu auf die Quellenwiedergabe sich beschränken, und auf diese Weise auch weitere Kreise indirekt noch auf andere Quellen aufmerksam zu machen, deren Erschließung ihnen möglich ist.

Leider sind Originalwaffen aus dem Mittelalter außerordentlich selten; wohlerhalten finden sie sich fast nur eben aus dem Schlusse, und selbst diese Stücke gelten als besondere Schätze der Waffensammlungen. Wir Deutsche waren zudem nicht einsichtig genug, zu sammeln zur Zeit, als „verrückte Engländer“ „hohe“ Preise für „alten Plunder“ zahlten und uns von dem Wenigen, was der Ungunst der Zeiten zum Trotze sicher halten hatte, das Meiste „außer Landes führten“. Als man nun auch bei uns zur Erkenntniß gekommen, daß es wichtig sei, nicht blos aus den literarischen Quellen die Kriegsereignisse kennen zu lernen, sondern zum richtigen Verständnisse auch die Waffen zu studieren, welche das Schicksal der Schlachten entschieden haben, blieb uns nur die Nachlese, die denn auch rasch zu solch enormen Preisen sich erhob, daß die „hohen Preise“ der „verrückten Engländer“ recht niedrig erscheinen und wir abermals gerade die seltenen, deshalb aber für das ernstliche Studium der Waffenkunde nicht minder nothwendigen Stücke, welche noch durch das sich hebende Interesse da und dort entdeckt wurden, in den meisten Fällen abermals nicht bezahlen können und sie dem Auslande oder vielleicht einzelnen reichen Liebhabern überlassen müssen. So haben wir trotz jener Sammlungen, welche eine Fülle der kostbarsten Prunkwaffen des 16. und 17. Jahrh. dem Kunstfreunde vor Augen führen, in Deutschland keine solche, in welcher die Geschichte des Waffenwesens im Mittelalter so gut studiert werden könnte, als es eben das Material überhaupt zuläßt.