IV.

Wenn der Band, in welchem die prosaische Bearbeitung des trojanischen Krieges enthalten ist, kein bestimmtes Datum trägt und nur aus allgemeinen Gründen, vorzugsweise wegen der in den Bildern gegebenen Bewaffnung, in die letzten Jahre des 14., spätestens in den Beginn des 15. Jahrh. verlegt werden muß, so kann der Codex 998, welcher gleichfalls einen trojanischen Krieg enthält und deshalb so viele Darstellungen von Kämpfen gibt, um so größeres Interesse auch für die Geschichte der Bewaffnung in Anspruch nehmen, als er genau datiert ist und einer Zeit angehört, in welcher sich in Folge der Hussitenkriege und der durch die Hussiten hervorgebrachten Aenderung der Taktik eine Aenderung der Bewaffnung vollzog. Ein direktes Bild gibt freilich davon unser Codex durchaus nicht. Wir sehen weder eine Wagenburg, noch sehen wir irgend welche Verwendung der Feuerwaffen. Sämmtliche Kämpfe, sowohl im trojanischen Kriege, als im Wilhelm von Orlens sind ausschließlich ritterliche Kämpfe. Aber es hatte sich die Bewaffnung der Ritter und wol auch theilweise ihre Kampfesweise geändert. Was uns zunächst die hier folgenden Abbildungen zeigen, ist die gänzlich geänderte Rüstung der Ritter. Der lederne Lendner ist verschwunden; der Mann ist beinahe durchgängig gänzlich in Eisen gerüstet, und nur ausnahmsweise erscheint noch Kettengeflecht oder ein Kleid aus Stoff, wol Wollenstoff, welches einzelne Theile des Körpers bedeckt. Wir geben auch aus diesem Bande eine Anzahl von Einzelfiguren in halber Originalgröße wieder. [Nr. 1] ist die durch den ganzen Codex hindurchgehende Normalfigur eines Ritters. Wir haben aus den vielen Darstellungen absichtlich eine solche ausgewählt, in der sich der Ritter zu Fuße zeigt, um die Rüstung um so sicherer wiederzugeben. Es ist eine Scene aus der Zerstörung der Stadt Troja selbst, die wir hier vorführen und welche, abgesehen von dem Unbewaffneten, der dem Geschicke anheimfällt, das ihm die Einnahme und Zerstörung der Stadt bereitet, auch einen anderen [(2)] zeigt, bei welchem die Aermel, ebenso die Halsberge von Wollenstoff sind. Der [Kämpfer 3] trägt eine kurze wollene Tunika, ob aber dieselbe die ganze Bedeckung des Mannes bildet, oder über dem Harnisch getragen wird, muß zweifelhaft bleiben; bei den wenigen ähnlichen Figuren des Codex scheint, selbst in Scenen, wo unbedingt nur Fürsten gemeint sein können, doch der Wollenstoff die einzige Rüstung. Bei [4] ist die wollene Halsberge mit einem Bunde aus ähnlichem Stoffe um das Haupt, welches mit der Beckenhaube bedeckt ist, zusammengesetzt. Die Aermel zeigen Schuppenwerk. Bei [6 und 8] hängt das Zaddelwerk und Fransen (?) der kurzen unter dem Harnisch getragenen Tunica (?) aus dem Unterrande der Eisenrüstung herab. [Nr. 7] ist gänzlich in Kettengeflecht gekleidet; nur die Vorderarme sind mit Stulpen, die Brust mit einem Kürasse bedeckt. Die Hände sind meist unbedeckt, [8] trägt Lederhandschuhe, [4 und 5] eiserne, welche noch denen der vorigen Periode ähnlich, aber an der Innenseite der Hand offen und mit zwei Spangen zusammengehalten sind. Die Schuhe sind theils eiserne, theils aber auch lederne, da doch Wollenstoff bei ihnen wohl nicht gemeint sein kann.

Betrachten wir die Helme, so fehlt die spitze Beckenhaube mit Halsberge aus Ringgeflecht schon gänzlich. Aus ihr hat sich bereits der vollständige Visierhelm entwickelt ([1], [5, 9, 13], [15, 17]), der seinen eigenen, auf dem Harnische aufstehenden Schutz des Halses hat, wie der Stechhelm, der auch im Kampfe getragen wird ([6, 9]). Eigene, aus der Beckenhaube hervorgegangene Helmformen finden sich allerdings auch hier noch da und dort ([10, 11, 12, 14]). Wenn solche phantastische Formen nicht zu häufig vorkommen würden (auch Gemälde jener Zeit zeigen ja die sonderbarsten Helmformen), möchte man versucht sein, sie ins Gebiet der Künstlerphantasie zu verweisen, ebenso wie die oft eigenthümlichen Schulterbedeckungen [(13)]. Dagegen ist der Eisenhut, mehr oder weniger hoch oder flach, in häufiger Verwendung ([2], [7, 8, 16]). Was die Angriffswaffen betrifft, so ist hier wiederum, im Gegensatze zu den Bildern des vorhin erwähnten Codex, der Speer in den Händen der Ritter [(8)] neben dem langen Schwerte ([1, 2], [9]) deren hauptsächlichste. Doch findet sich auch das kurze, einschneidige, messerartige Schwert ([4, 5]), und zwar wechselnd in den Händen derselben Leute, die durch ihre Helmzier als bestimmte Fürsten bezeichnet sind. Es findet sich nicht nur im trojanischen Kriege, sondern auch im Wilhelm von Orlens, so daß nicht etwa spezifisch orientalisches damit bezeichnet werden sollte. Ebenso findet sich der Dolch [(11)], der Morgenstern [(3)], die Hellebarte [(10)], der Bogen [(7)] und die Armbrust [(16)] in den Händen der kämpfenden Ritter. Einmal hat auch der Ritter einen kurzen Speer in der Rechten, welchen er horizontal nach dem Gegner wirft [(15)].

Daß man sich den Schutz der Rüstung nicht als einen absoluten dachte, geht daraus hervor, daß nicht blos durch Oeffnungen das Eisen Eingang findet, sondern auch Helme, Armschienen und Brustblech durchhauen und durchstochen werden. Selbst der von oben bis unten in zwei Hälften gespaltene findet sich, wobei die Rüstung ebenso sorgfältig durchhauen ist, als der Mann selbst. Der Schild fehlt auch hier im ernsten Kampfe durchgehends, während er im Turniere getragen wird; (vgl. [Sp. 103] und [104]).

Nürnberg.

A. Essenwein.


Das Salve Regina auf Taufbecken.[218]