A. Essenwein.


Wundermenschen.

Zwei Abbildungen des 14. Jahrhunderts.

Die Naturanschauung des Mittelalters beruhte wesentlich auf der Antike, deren Lehren als solche sich fortpflanzten, was freilich nicht verhinderte, daß das Bild, das man sich vom Ganzen wie von den Einzeltheilen machte, in formaler Beziehung sich soweit von der Antike entfernte, als eben die Kunst und Kunstideale des Mittelalters, von ihr losgelöst, selbständigen Bahnen folgten.

Dies ist insbesondere in Bezug auf das Bild der Fall, das man sich von verschiedenen angeblichen Geschöpfen machte. Letztere spielen, wie in der Antike, eine wesentliche Rolle. Aber die Kentauren und Sirenen haben im Mittelalter ganz andere Formen als in der klassischen Zeit, ebenso die Greife und Harpyien und so manches Andere. Sie finden sich aber nicht blos in Buchillustrationen, sie haben auch in die monumentale Kunst durch die Kirche Aufnahme gefunden und gehören zum christlichen Bilderkreise, entweder als Repräsentanten des Bösen, als Dämonen, oder als Repräsentanten der wunderbaren Schöpferkraft Gottes. Wenn auch die Betrachtung der Natur nicht mit der heutigen Genauigkeit erfolgte, wenn man die Tausende von Arten und Gattungen nicht kannte, die heute der Wissenschaft geläufig sind, so sah man doch die unendliche Mannigfaltigkeit und nahm ebenso wenig Anstand, fabelhafte Geschöpfe als wirklich existierend zu betrachten, als man Bedenken trug, existierenden fabelhafte Eigenschaften anzudichten. Wie weit hier jene Männer, welche wirklich die Natur zu erforschen suchten, auf anderem Standpunkte standen, als die Mehrzahl der Zeitgenossen, und wie groß oder gering ihre Anzahl war, kommt hier nicht in Betracht, weil sie auf die Volksanschauung keinen Einfluß hatten. Diese aber gab der bildenden Kunst wie der Dichtung ihre Richtung. Die Volksanschauung beschäftigte sich viel damit, die Menschen auch in großer Mannigfaltigkeit sich zu denken, und wenn man wußte, daß im fernen Afrika unter heißer Sonne Menschen von schwarzer Farbe lebten, so malte man sich gerne das Bild der in weit entfernten fremden Ländern wohnenden Menschen noch phantastischer aus, wozu ja die Ueberlieferungen der klassischen Zeit viel beitrugen. So finden wir den Einfuß, die einäugigen Menschen (Kyklopen), jene mit dem Gesichte auf der Brust, mit Hundsköpfen, mit Kranichleibern u. s. w. sowohl in steinernen Bildwerken, als in Miniaturgemälden, und später im Holzschnitt nicht selten dargestellt, am schönsten wol, zu einer ganzen Serie vereinigt, in Wohlgemuths Darstellungen zur Schedel’schen Weltchronik und nach ihm noch das ganze 16. Jahrhundert hindurch in den verschiedenen Ausgaben der Münsterschen Kosmographie.

Die Dichtung läßt den Herzog Ernst alle jene Länder bereisen, in denen diese merkwürdigen Menschen, die Riesen und Zwerge wohnten, und noch Jonathan Swift hat in „Gullivers Reisen“ seinen Helden dieselben Wege geschickt. Es ist sehr schade, daß der Codex 998 des german. Museums, der ja in sehr reicher Weise den trojanischen Krieg und Wilhelm von Orlens illustriert, den Herzog Ernst ohne Illustrationen gibt. Vielleicht mochte gerade dem Osnabrücker Kleriker, der so treu alles dem Leben seines Landes und seiner Zeit nachzeichnete, der Sinn für Phantasiegebilde gefehlt haben, für die er in seiner Umgebung keine Vorbilder fand.

Indessen haben wir im Museum eine ältere Darstellung wenigstens von einigen dieser wunderbaren Menschen, des Einfußes und der Kyklopen, in einem Bruchstücke von Enenkels Weltchronik, einer Papierhandschrift des 14. Jahrhunderts, Nr. 7217 unserer Bibliothek.