A. Essenwein.


Die Tischgebete in Luthers Katechismus.

In Nr. 10, Sp. 288 ff. des Anzeigers v. J. wünscht Johannes Müller Auskunft über den Ursprung jener Tischgebete zu erhalten, welche Luther seinem Katechismus beigegeben hat. Zunächst wird ganz zutreffend die Vermuthung ausgesprochen, daß die fraglichen Gebetsformeln nicht, wie allen Zeugnißen entgegen mehrfach konnte behauptet werden, „Luthers eigenste Produkte“, sondern daß dieselben „älteren Datums“ und „alte in Klöstern oder Gelehrtenschulen angewendete Formeln“ seien. Dem humanistischen Juristen Marschalk, der diese Tischgebete seinem Hülfsbuche für den griechischen Unterricht beifügte, kommt kein anderes Verdienst zu, als daß er die in aller Mund lebenden Gebete ins Griechische übertrug, um den Schülern mit dem geläufigen Inhalte die Ausdrucksweise in der fremden Sprache leichter beizubringen[1].

Dem a. a. O. bereits erbrachten Nachweise, daß die fraglichen Gebete schon vier Jahre vor der Drucklegung des Lutherschen Katechismus in dem Laienbüchlein von 1525 in deutscher Sprache vorkommen, ist hinzuzufügen, daß u. a. das zwischen 1471–1494 zuerst gedruckte und dann wiederholt aufgelegte Volksbuch „Kerstenspiegel“ von Dietrich von Münster diese Tischgebete bereits enthält. Die Amsterdamer Ausgabe (s. a.), betitelt: „Den kersten spiegel van broeder Diederick van Munster“, gibt dieselben also: „F II ad calcem: Hier na volcht die duytsche benedictie | die men overtafelen lesen sal. | Ghebenedijt den heere... O heere gebenedijt ons ende dijn gaven die wij | van dijn miltheyt sullen in nemen etc. — Die gracie volghet hier na | De tali convivio | Laet ons den here dancken van dese | maeltijt. Godt danchen wij. Wij | dancken dij o here Jhesu Christe voor alle | die weldaden die leves en̄ regneers Godt | inder ewicheijt. Amen. Laudate dominum etc.“

Offenbar gehörten diese Gebete zur Reihe jener auf Glauben und christliches Leben sich beziehenden Stücke, welche während des Mittelalters Gemeingut des Volkes waren und darum die weiteste Verbreitung hatten. Ursprünglich jedoch gehören sie zu den liturgischen Gebeten und finden sich als solche in der Sprache der Kirche, in lateinischer Faßung in den liturgischen Formularien des Mittelalters; sie lassen sich Jahrhunderte hinauf verfolgen. Es mögen einige, eben zur Hand stehende Belege hier Platz finden.

Das Manuale ad usum insignis Ecclesiae Sarum (Append. Manuale et Processionale ad usum insignis Ecclesiae Eboracensis, Publicat. of the Surtees Society, 1874, vol. 63) p. 33 enthält die benedictio mensae in folgender Form: „Benedicite — (dicat Sacerdos). Respond.: Deus. — Ps.: Oculi omnium... Gloria Patri... Kyrie eleison... Pater noster. Sacerdos: Benedic, Domine, nos et dona tua quae de tua largitate sumus sumpturi. Per Christum Dom. nostr. Lector: Jube Domne benedicere“ etc. und dann post prandium: „Sacerdos: Deus pacis et dilectionis maneat semper nobiscum. Tu autem Domine miserere nostri. Deo gratias. Ps.: Confiteantur... Deinde dicit Sacerdos Capitulum: Agimus tibi gratias, omnipotens Deus, pro universis beneficiis tuis, qui vivis.. etc. Ps.: Laudate, VV. RR. Retribuere dignare etc.“ Das in Rede stehende Manuale ist der Abdruck einer Ausgabe vom Jahre 1506, welcher ein Manuscript aus dem Anfange des 15. Jahrh. zu Grunde lag.

Der Mönch Udalricus schickte von Clugny dem Abte Wilhelm von Hirsau eine Abhandlung über die Consuetudines Cluniacenses (Migne, Patrol. lat. tom. CXLIX, fol. 711). Das Cap. 23, lib. II bespricht: „Qua disciplina maneat in refectorio“. Hier findet sich das liturgische Tischgebet bereits ganz in der später üblichen Weise; insbesondere heißt es daselbst: „... erectus manu et ore ita benedicit: Benedic, domine etc.“ und nachher: „.. erectus: Agimus tibi gratias...“ Das Schreiben Udalrici mon. ist aus dem Jahre 1086.

Ein Zeugniß aus dem 9. Jahrhundert bietet das Sacramentarium des Abtes Grimaldus von St. Gallen (Migne, Patrol. lat. tom. CXXI, fol. 850, Nr. 127), welches der Substanz und selbst bereits theilweise dem Wortlaute nach das Tischgebet enthält: „Benedicantur nobis, Domine, dona tua, quae de tua largitate nobis ad remedium deducta sunt, qui es Deus benedictus in saecula“.