Apollonius hat nach mancherlei Schicksalen die Tochter des Königs Alcistrates, der im altfranzösischen Roman Marques (Accusativ: Marcon) genannt wird, zur Gemahlin erhalten, mit welcher er auf die Nachricht von dem Tode des Königs Antiochus nach Tyrus zurückkehren will. Seine Frau heißt Oriabel und geht mit Apollonius zu Schiff. Auf der Meerfahrt gebiert sie und verfällt in Scheintod. Da der Steuermann darauf dringt, die Leiche ins Meer zu versenken, indem das Schiff keinen Todten tragen könne, wird von den Zimmerleuten des Schiffes ein Schrein gefertigt und in demselben Oriabel in die See gesenkt. Sie kömmt zu Ephesus ans Land, wird von dem Arzte Chäremon ins Leben zurückgerufen und als Tochter angenommen. Nach Jahren findet endlich Apollonius seine Gattin wieder und regiert mit ihr als König von Tyrus.
Nach dieser Erzählung erklärt sich unser Reliefbild von selbst. Der befehlende, aufrecht stehende Steuermann, und die den Schrein versenkenden Männer, sowie der am linken Ende des Schiffes in klagender Geberde sitzende junge Apollonius, — endlich die Bestimmung für das Spiel sind jetzt vollkommen klar. Die Verwendung der Erzählung für Brettsteine lag sehr nahe, da Apollonius durch Fertigkeit in verschiedenen Spielen sowie in Räthselspielen besonders berühmt war. Belangreich mag noch der Umstand sein, daß nach der altfranzösischen Bearbeitung des Romans Oriabel nicht stirbt oder scheintodt ist, sondern nach einem lebhaften Kampfe ihres Gemahls mit den Matrosen lebendig ausgesetzt wird, woraus hervorgeht, daß unser Bildwerk nicht nach dem französischen, sondern nach dem eigentlichen Apollonius-Roman gearbeitet ist, der für die französische Dichtung die Quelle gewesen.
Im 12. Jahrh. war die Apolloniussage in Deutschland bekannt und in angelsächsischer Bearbeitung verbreitet. Es ist wol nicht zu bezweifeln, daß auf anderen Steinen andere Scenen jenes Romanes vergegenwärtigt waren, und daß sich noch Exemplare davon finden werden, nachdem der Schlüssel zu ihrer Erklärung an die Hand gegeben. Schließlich erlaube ich mir, zu C. Hofmanns Abhandlung noch beizufügen, daß in dem ältesten christlichen Romane, nämlich in den Recognitionen oder Wiedererkennungen des Pseudo-Clemens aus dem 2. Jahrh. viele Züge wiederbegegnen, welche denen des Apollonius-Romanes entsprechen und dann in der sogen. Kaiserchronik fast wörtlich reproduciert sind.
Hier kann auch der Interpretation und Erläuterung gedacht werden, welche der genannte Gelehrte von einem Relief in den Sitzungsberichten der k. Akademie zu München 1871, Heft 6 gegeben hat, da das Weltliche und das Religiöse in demselben zugleich vertreten ist. Das Relief schmückt ein aus Clermont stammendes Kästchen von Walfischbein, wie die bezügliche Beischrift selbst aussagt, und befindet sich jetzt im brittischen Museum, wo es Stephens für sein großes Werk über Runendenkmäler aufgenommen hat. Hier wechseln historische und religiöse Scenen mit solchen der nordischen Sage. Man sieht Romulus und Remus, von der Wölfin gesäugt, Titus, die Stadt Jerusalem stürmend, und die Juden auf der Flucht, darauf die inschriftlich bezeichneten Mägi oder Magi, die zur Verehrung des Christkindes kommen, und endlich in mehreren Scenen die Erzählung von Wieland dem Schmied, — alles durch Runen und lateinische Beischriften illustriert. Dieses eminente Beispiel nordischer Darstellung verdient auch darum die größte Aufmerksamkeit, weil es unwidersprechlich von der Fortführung altvaterländischer Sagen mitten unter anderen und zum Theil christlichen Darstellungen Zeugniß gibt, so daß auf Grund dieses Reliefbildes die Deutung des Vorganges auf dem geschilderten Brettstein als der Nibelungendichtung zugehörig nicht absolut abzuweisen, weil für unmöglich zu erklären ist, wenn sie auch dafür durchaus nicht zutrifft. Bildliche Wiedergabe solcher Sagen existierte also, obwohl Denkmäler davon in früher Zeit bis jetzt ungemein selten sind.
München.
Dr. Meßmer.