Fig. 4.

Schon im Jahrgange 1877 haben wir einige Venetianer Gläser aus der Sammlung des Museums abgebildet und den Abbildungen eine Mittheilung über Hirschvogels Versuche zur Nachahmung venetianischer Glaswaaren vorhergehen lassen. Wir mußten freilich sofort eingestehen, daß die Resultate seiner Thätigkeit uns nicht mehr erkennbar vorliegen. Wir wissen aber, daß Hirschvogel auch Versuche in der Töpferei machte; es bedarf also keines weiteren Beweises, daß seine Absicht nicht etwa blos dahin gerichtet sein konnte, venetianisches Farbenglas für die Zwecke der Glasmalerei herzustellen, sondern daß er in die, der heutigen ähnliche, Bewegung, die damals in der Uebertragung der italienischen Weise nach dem Norden ihren Ausdruck fand, eingreifen und das „Kunstgewerbe“ in neue Bahnen lenken wollte, eine Richtung, die vorzugsweise den Bemühungen der Künstler ihren Erfolg dankte, während offenbar das Volk und der Gewerbestand, soweit er nicht von den Malern beeinflußt wurde, die alten Bahnen nur langsam verließen. Daß aber das italienische Element sich Eingang schaffen konnte, lag theilweise blos in der Aenderung des Geschmackes. Mögen auch heute die Fanatiker der Renaissance sich principiell gegen den gothischen Stil erklären, der Unbefangene wird dadurch nicht verhindert werden, zu bekennen, daß, wie die kunstgewerblichen Erzeugnisse der Blüthezeit der Gothik nicht nur ihre theorethisch zu begründenden Schönheiten, sondern auch ihre augengefällige, bestechliche Seite hatten, diese bestechliche Seite immermehr hervortrat, je mehr der ernste Stil den Weg des Verfalles gieng, und daß gerade die Erzeugnisse der Goldschmiedekunst, der Bildschnitzerei und so vieler anderer gewerblichen Künste einen bestechenden Reiz auf das Laienauge ausüben, welches den tektonischen Gesetzen der Formbildung gleichgültig, wenn nicht geradezu verständnißlos, gegenübersteht. Auch die Einführung des neuen Stiles gieng nicht von tektonischen Erwägungen über die Berechtigung des seither üblichen Formenkreises, sondern von der Augengefälligkeit des Neuen aus. Weil selbst die Meister jener tektonischen Bedeutung der Form, welche früher die Grundlage gebildet, nicht mehr eingedenk waren, so war naturgemäß nur der Reiz für das Auge bestimmend, und eben deshalb war es den Malern möglich, ein anderes Element in Aufnahme zu bringen, das nicht blos seine Reize hatte, sondern auch dem ohnehin das Fremde anstaunenden Deutschen als etwas Besseres gerühmt wurde. War es möglich, solche Erfolge auf Gebieten zu erzielen, auf welchen eigene hohe Leistungen vorhanden waren, so mußte die Einführung der Renaissance um so mehr auf Gebieten versucht werden, auf welchen die deutsche Gewerbsthätigkeit bisher gar nicht gesucht hatte, überhaupt Kunstformen in Anwendung zu bringen, während gerade damals Italien nicht blos durch verständnißvolle Kunstformen und Dekorationsweisen auf diesen Gebieten, wie z. B. die Gefäßbildung aus Thon und Glas, Großes leistete, sondern auch durch die Ausfuhr in alle Welt Geld erwarb.

Fig. 5.

Fig. 6.

Kein Wunder also, dass ein etwas abenteuernder Künstler wie Hirschvogel hier den Italienern Konkurrenz machen wollte. Auffallend bleibt es nur, dass trotz des großen Verbrauchs solcher italienischer Waaren in Deutschland nicht eine, auch durch Produkte nachweisbare, dauernde Thätigkeit eingebürgert wurde, daß vielmehr die einheimische Industrie sich mit dem Absatze begnügte, den ihre alten Fabrikate auch ferner behalten konnten und, vereinzelte Versuche abgerechnet, die Einfuhr künstlerisch schöner Erzeugnisse so willig Italien überließ.