Das Mittelalter kannte allerdings bereits Rangkronen und wendete sie auch in Verbindung mit der Heraldik an, aber nur für wirkliche Kronenträger und in der ihrem Range entsprechenden Form. Wir finden kaiserliche und königliche Wappen, bei denen statt des heraldischen Helmes mit der Helmzier die Krone auf dem Schilde steht, und können im 15. Jahrh. einen feststehenden Typus für die Kaiserkronen finden, der merkwürdiger Weise scheinbar in gar nichts mit der wirklichen Kaiserkrone übereinstimmt, aber nicht blos in Verbindung mit der Heraldik auftritt, sondern der gesammten Kunst des 15. Jahrh. angehört. Wie weit diese Unterscheidung etwa in das 14. Jahrh. hinaufgeht, können wir zur Zeit nicht feststellen; im 15. finden wir sie gegeben und sehen darin die Grundlage der „Rangkronen.“ Die Königskrone unterscheidet sich bei allen Darstellungen — Ausnahmen aus Mißverständnissen oder besonderen Gründen vorbehalten — jener Zeit, auch wo sie in Verbindung mit der Heraldik auftritt, von der Kaiserkrone dadurch, daß sie ein einfacher, mit Laubzacken besetzter Reif ist, während die Kaiserkrone Bügel hat, die sich über dem Kopf wölben. Wenn es nun auffallen muß, daß diese typische Form der Kaiserkrone keine Aehnlichkeit mit der wirklichen hat, so hat dies seinen Grund darin, daß die wirkliche Kaiserkrone sehr wenigen Künstlern je selbst zu Gesicht kam und auch dem Volke unsichtbar war, da sie ja der Kaiser selbst nur bei der Krönung trug, so daß die Künstler sich deshalb ein typisches Bild machten, an welches auch das Volk sich derart gewöhnte, daß es selbst in officiellen Darstellungen auftritt. Wenn wir absehen von dem alten Holzschnitte[234] vom Beginn des 15. Jahrh., welcher die Reichskleinodien vor Augen führt und „Kaiser Karls Krone“ so, wie sie Fig. 1 in einer Hälfte dargestellt erscheint, abbildet, so ist in vielen späteren Bildern eine der bischöflichen Mitra ähnliche Form wiedergegeben; so insbesondere bei Wohlgemuth, welcher in der Schedel’schen Chronik consequent die Kaiser und Könige in der Krone unterscheidet. Wir erhalten davon ein deutliches Bild durch die zwei Figuren, welche wir der Darstellung des deutschen Reiches und seiner Glieder entnommen haben (Fig. 2) und die den Kaiser und den König von Böhmen zeigen. Grünenberg gibt in seinem Wappenbuche eine Darstellung der Kaiserkrone, welche auch im wesentlichen mit der Krone übereinstimmt, die Kaiser Friedrich IV. auf seinem Grabmale in der St. Stephanskirche zu Wien trägt (Fig. 3). Es ist dieselbe Hauptform, welche später, am Schlusse des 16. Jahrh., der sog. „österreichischen Hauskrone“ gegeben wurde, die, dem Kaiser dienend, nicht Reichseigenthum, sondern solches des österreichischen Kaiserhauses war, also auch außer der Krönung zur Verfügung stand und noch heute als österreichische Kaiserkrone betrachtet wird. Wie entstand diese Form? Betrachten wir (Fig. 4) die deutsche Kaiserkrone, so zeigt sich, daß sie in nichts mit jener auf Friedrichs IV. Grabstein übereinstimmt, als daß ein Kreuz oberhalb der Stirne steht, von welchem ein Bügel nach rückwärts geht. Aber wir sehen neben der Hülse, in welcher der letztere an der Rückwand und ebenso an der Vorderwand befestigt ist, noch zwei solche etwas schräg stehende Hülsen. In diesen mag je ein flacher Bügel befestigt gewesen sein, der als oberer Rand je eines halben Käppchens von Sammt oder Seide diente und sofort das Charakteristische der typischen Künstler-Kaiserkrone auch an der echten erscheinen läßt, so daß es klar wird, wie die Künstler ihr Bild der bloßen Erinnerung der Wirklichkeit entnahmen, indem sie nur die 8 Schildchen der echten Krone, die sie nie nahe gesehen, in Laub umwandelten. Während die erste uns bekannte Darstellung, die sich einigermaßen der echten Kaiserkrone nähert, in dem Nürnberger Heilthumsbuch von 1493 enthalten ist (Fig. 5), zeigen selbst jene Siegel Kaiser Maximilians I., bei welchen eine Krone statt des Helmes auf dem Schilde ruht, nur den Typus der Bügelkrone, wie er populär war. Auf einem vom Kaiser verbreiteten Flugblatte von 1508 erscheint am Fuße das Wappen Fig. 6.
Fig. 3.
Diese Kronen bei kaiserlichen Wappen sollen aber Kaiser- und keine Königskronen sein, sie sollen des Kaisers Rang bezeichnen, wenn auch das Grabmal Friedrichs IV. ähnliche Kronen auf anderen Schilden zeigt. Bei dem Wappen von Alt-Oesterreich steht der Herzogshut auf dem Schilde (Fig. 7) und trägt merkwürdiger Weise auch die Helmzier, die eben zum Helm gehört, nicht zur Krone. In ähnlicher Weise, wie hier der Herzogshut angewendet ist, tragen die Wappen der Päpste und Bischöfe die Tiara und Mitra, das Wappen des Dogen von Venedig den Dogenhut u. s. w., um den Rang zu bezeichnen. Aber während diese Darstellungen bis in das 15. Jahrh. hinaufgehen, ist uns kein Beispiel bekannt, daß Dynasten oder niederer Adel damals schon Rangabzeichen mit dem Schilde verbunden hätten, noch weniger, daß sie das Zeichen eines Ranges, den sie nicht besaßen, also eine Königskrone, als Rangabzeichen gebraucht hätten. Als nach dem Mittelalter die Sitte allgemein wurde, Rangabzeichen mit den Wappen zu verbinden, war es auch nicht die Königskrone, welche jene Herren führten, sondern ein ihnen eigenthümliches, je ihren speziellen Rang ausdrückendes Zeichen, welches wir, weil es mit einer Königskrone Aehnlichkeit hat, als „Grafenkrone“ oder „Freiherrenkrone“ bezeichnen. Für deren Entstehung kann aber unser Siegel des Dr. Gäb doch keinen Anhaltspunkt gewähren; denn die Krone dieses Siegels ist eine Königskrone, also keine, welche den Rang des Dr. Gäb bezeichnete.
Fig. 4.