M. Heyne.
Ein Spinett vom Jahre 1580.
Mit einer Tafel.
Das interessanteste Stück der im germanischen Museum aufbewahrten Sammlung musikalischer Instrumente ist ohne Zweifel ein Spinett mit der oben angegebenen Jahreszahl, sowohl wegen seiner äußeren Ausstattung, als wegen der inneren Einrichtung, die dasselbe noch um eine oder einige Stufen dem Ursprunge des Claviers näher stellt, als die von Prätorius beschriebenen Werke, aus dessen Sciagraphia wir erst genauere Kenntniß über die älteren Musikinstrumente erhalten. Hat sich dasselbe auch, wie aus der Abbildung ersichtlich, bis zu vier Octaven erweitert und statt der zwanzig Tasten, mit welchen sich nach Prätorius’ Angabe das erste Clavichord vom einsaitigen Monochord abgelöst, deren neunundvierzig angenommen, auch Tasten für alle Halbtöne nach der heute noch üblichen Weise eingefügt, so steht es doch nach der Art, wie es die Töne hervorbringt, noch auf dem ältesten Boden des Saitenspiels, für welches anfänglich die Harfe, später die Laute maßgebend war. Die Saiten werden noch nicht angeschlagen, sondern durch kleine Federn, die in den aufstehenden Enden der Tasten angebracht sind, gerissen, wie es bis zum Beginn des 16. Jahrh. auch bei den letztgenannten Instrumenten, den Lauten, der Fall war. Diese primitive Technik hat aber bereits die Schwierigkeit, welcher sie zu begegnen hat, erkannt und ist auf sinnreiche Weise bemüht gewesen, sie zu überwinden. Die Hämmer, an welchen die Federn befestigt, sind nämlich in Gabelform gebildet, in deren Oeffnung ein leichter Holzzapfen an quergehendem Drahtstift so hängt, daß er durch das längere und deshalb schwerere untere Ende in senkrechter Stellung erhalten wird. Ein am unteren Ende der Gabelöffnung, hinter dem hängenden Zapfen angebrachter Fischbeinstift verhindert, daß jener sich nach vorn überneigen kann, was geschehen würde, sobald die im oberen Ende angebrachte Feder, ein vorn zugespitztes Stück einer Gänsepose, von unten durch Erhebung des Hammers an die Saite gedrängt wird.
Ohne diesen dem Zapfen durch den Stift gegebenen Halt würde die Saite weniger stark gerissen, der Ton somit abgeschwächt, wenn nicht ganz aufgehoben werden. Die ganze Anordnung ist aber erforderlich, damit nicht die Feder, welche durch Anschlagen der Taste über die Saite erhoben wird, beim Zurückfallen derselben, indem sie sich wieder unter die letztere begibt, diese noch einmal reiße und so den Ton zweimal hervorbringe, oder, was bei der Leichtigkeit der Hämmer wirklich der Fall sein würde, auf der Saite liegen bleibe und so ein wiederholtes Anschlagen der Taste tonlos mache. Bei der bestehenden Einrichtung aber legt der Zapfen beim Sinken des Hammers sich nach hinten über, und die Feder gleitet möglichst leise über die Saite zurück, indem sie im sanften Rückschlage auf dieselbe zugleich die Aufgabe der neueren Gegenhämmer versieht und das zu lange Nachklingen der Saite verhindert. Der Ton unseres Instrumentes ist bereits stärker und voller, als der, welchen fast zweihundert Jahre später die fünf Octaven haltenden und angeschlagenen Claviere geben.
Eine eigenthümliche Bereicherung des hier besprochenen ist ein zweites, kleineres Spinett, welches, in das erstere eingeschoben, so weit daraus hervorgezogen werden kann, daß es ein vierhändiges Spiel ermöglicht. Es enthält ebenfalls vier Octaven und ist in der beschriebenen Einrichtung jenem gleich. Nur sind die Saiten in entsprechender Weise verkürzt, und statt der zwei Schalllöcher des ersteren enthält es nur ein solches.
Der Fuss, welcher das Instrument gegenwärtig trägt, ist neu hinzugefügt. Ursprünglich war es ohne Zweifel ohne einen solchen und, wie noch die bei Prätorius abgebildeten, bestimmt, auf einen Tisch oder wol eher auf eine Bank von entsprechender Höhe gelegt zu werden. — Im Uebrigen ist seine äußere Ausstattung eine glänzende; sie bezeugt sicherlich, daß es aus vornehmem Besitze stammt. Charakteristischer Weise ist aber aller Schmuck auf den inwendigen Raum verlegt, so daß das Ganze bei geschlossenem Deckel nur wie ein schwarzer Kasten erscheint und erst nach Aufschlagen des letzteren der ganze Reichthum an figürlichen und ornamentalen Malereien, vergoldeten Medaillons u. s. w. sichtbar wird. Die untere Seite des Deckels zeigt eine in freier Landschaft sich erlustierende Gesellschaft. In einem von niedrigen Höhenzügen gegen den Horizont abgeschlossenen Thale breitet, wie es scheint, mit zwei Armen ein Fluss sich aus, der auf der so gebildeten Landzunge ein stattliches Schloß mit daran stoßendem Park und Garten bespült. Der letztere, durch hölzerne Stakete abgeschlossen und im Geschmacke des ausgehenden 16. Jahrh. mit zugeschnittenen Gängen und Lauben, Springbrunnen, Tischen, Sitzen u. s. w. ausgestattet, bildet den Schauplatz der dargestellten Vergnügungen. Ein Theil der Gesellschaft befindet sich noch an der Tafel unter der großen Laube, deren kuppelförmiges Blätterdach von Karyatidenpfeilern getragen wird, wie es scheint, beim Nachtisch; denn die breiten Venetianergläser machen sich bereits als die am meisten gehandhabten Geräthe bemerkbar, und ein Diener bringt auf einer Schüssel einen großen Kuchen herzu. Ein anderer Theil hat sich bereits durch den Garten zerstreut und in verschiedenen Gruppen auf dem Rasen gelagert. Links blicken in bewegter Unterhaltung ein Herr und zwei Damen über das Geländer in den Fluß; daneben macht ein anderes Paar mit dem Hausnarren und einem Zwerge sich zu schaffen, — ein Zeichen, daß wir in angesehener Gesellschaft uns befinden; denn beide letztere pflegten damals nur den fürstlichen Hofstaat zu bereichern. Andere sind in musikalischer Unterhaltung begriffen, wobei Lautenspiel und Gesang vorherrschen; wieder andere lustwandeln paarweise, ruhen auf gemauerten und mit Brettern bedeckten Bänken u. s. w. — Ein in Charnieren hängender oberer Theil des Deckels, bestimmt, die Vorderseite des Instrumentes zu schützen, enthält, in Oel gemalt, eine Darstellung Davids, der von Saul, vor welchem er gespielt, mit dem Speere bedroht wird, daneben als Randverzierung allerlei Musikinstrumente. Doch stammt die Malerei aus späterer Zeit und ist deshalb in unsere Abbildung nicht mit aufgenommen. Der Resonanzboden ist mit einzelnen Blumen bemalt; die drei erwähnten Schalllöcher aber sind mit zierlich durchbrochenen, zum Theil in der Mitte vertieften Rosetten ausgelegt, deren vergoldetes Maßwerk noch gothische Motive aufweiset. Die Vorderseite sowohl beim großen, wie beim kleinen Spinett, ebenso die Klappe, welche das letztere in seinem Verschlusse birgt, zeigen, auf röthlichem Grunde weiß und gelb ausgeführt, Arabesken in reinem Renaissancestil, welche den Raum zwischen sieben vergoldeten Medaillons füllen, die ihrerseits durch breite, schwarze und mit weißen Linienornamenten verzierte Rahmen noch mehr hervorgehoben werden. Die auf den Medaillons dargestellten Personen sind: Prinz Alexander Farnese, Wilhelm von Oranien, welcher zweimal vorkommt, Kaiser Maximilian II. und seine Gemahlin Maria als Königin von Böhmen, Anna von Oesterreich, Gemahlin König Philipps II. von Spanien, König Philipp II. selbst und Charlotte von Bourbon, Gemahlin des Prinzen Wilhelm von Oranien. — Der Deckel eines links, in der vordern Ecke des Resonanzbodens angebrachten, zur Aufbewahrung des Stimmhammers, der Saiten u. s. w. bestimmten Kästchens enthält ebenfalls ein hübsches Bildchen: einen Herrn und eine Dame, welche, im Gespräch begriffen, in freier Landschaft einander gegenüber stehen. Diese, wie die übrigen älteren Malereien, sind in brillanten Wasserfarben ausgeführt.
Eine werthvolle Zugabe ist der Name des Meisters Martinus van der Biest, der sich als Verfertiger des Instrumentes nebst der Jahreszahl der Entstehung 1580 auf der Spannleiste über den Saiten genannt hat. Zu bedauern ist daß er nicht auch den Ort angegeben; denn die Herkunft zu wissen, wäre nicht minder wichtig. — Der Name verräth den Meister sogleich als Niederländer; auch könnte das Vorherrschen der Bildnisse aus der oranischen Familie auf den Medaillons auf denselben Ursprung deuten. Mehr noch würde es besagen, wenn bekannt wäre, wem der auf der Innenseite der Klappe angebrachte und beim Herabhängen derselben sichtbar werdende Wahlspruch: espoir confoirte angehört habe. Die bekannten Prinzen der oranischen Familie führten andere Devisen, soweit ihre zahlreichen Portraits darüber Auskunft geben. Ein Martin van der Biest soll gegen Ende des 16. Jahrh. in München gelebt haben. Wäre dieser der Verfertiger unseres Instrumentes, so fiele dasselbe in die Glanzperiode, welche die Pflege der Musik in Bayern unter Herzog Wilhelm V. gewann, und würde dadurch, als unmittelbares Zeugniß derselben, doppelt interessant. — Vielleicht gibt diese Mittheilung Anlaß, dem Meister an Ort und Stelle weiter nachzuspüren.