Soweit die durch dortige Fachgelehrte angestellten Untersuchungen ergeben, sei dieses Fragment aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, mithin älter, als das bekannte Manuscript der königlichen Bibliothek zu Berlin, die Bibelübersetzung von 1560, die bisher für das älteste Denkmal dieser Sprache galt.
Das Exemplar selbst ist durchaus vollständig und von den Angaben Brunets (V, 754) und Eberts (No. 22661) dadurch abweichend, daß es vor der Offenbarung ein leeres Blatt und in der Offenbarung statt der erwähnten 20 blattgroßen Holzschnitte nach Lucas Kranach 21 enthält. Es trägt Spuren des Gebrauches, ist von anderer alter Hand (ebenfalls 16. Jahrh.) an mehreren Stellen beschrieben, mehrere Blätter ohne Verlust eingerissen, und nur an einem Blatte fehlt ein kleines Stück des untern Theiles eines Holzschnittes mit einem größeren des weißen Randes. Am Schluß ziemlich stark wasserfleckig, am Anfang leicht wurmstichig. Die Buchhandlung sieht Preisangeboten bis zum 1. December cur. entgegen.
141) Der ausgewählte Kunstnachlaß des als vorzüglicher Kunstkenner und Sammler bekannten Kunsthändlers Wilhelm Eduard Drugulin in Leipzig, der im Laufe dieses Jahres verstorben ist, wird durch die Kunsthandlung von C. G. Börner in Leipzig am Montag, den 1. Decbr., und den folgenden Tagen öffentlich versteigert. Der in der Officin des Verstorbenen in bekannter meisterhafter Weise hergestellte Katalog, welcher durch den Lichtdruck des altflorentinischen Niello: die Krönung und das Leben der Maria, nach dem einzig bekannten, im Kataloge unter Nr. 1382 aufgeführtem Exemplare, geziert ist, enthält eine große Reihe kostbarer Seltenheiten, meist von vorzüglicher Erhaltung, aus allen Schulen, namentlich von alten Meistern; darunter sehr viele Ornamentstiche. Wir heben aus dem reichen Inhalte besonders hervor die typographische Ausgabe der Ars moriendi von Nicolaus Götz von Schlettstadt, Buchdrucker in Cöln (1474–1478), von welcher außer diesem nur noch 2 Exemplare (leider beide im Auslande befindlich) bekannt sind; die außerordentlich reichhaltige Collection von Stichen des Joh. Jak. de Boissieu, welche nur ausgewählte, alte und schöne Abdrücke enthält; die Radierungen von Allart van Everdingen; die seltene italienische Ausgabe von Holbein’s Todtentanz (Lyon, 1549); das alte Testament mit den ersten 4 Blättern des Todtentanzes und 90 biblischen Darstellungen von Holbein (Leiden, 1539); einige vorzügliche Blätter von Israel van Meckenen (darunter B. 148. 152. 178. 185); 50 Blätter Tarokkarten von einem altvenetianischen Meister (Pass. V, 119–126); eine Reihe italienischer Niellen; eine ausgezeichnete Sammlung von Blättern Adrian von Ostade’s, welche Drugulin mit besonderer Vorliebe sammelte; das Werk von Gg. Friedr. Schmidt, auf dessen Grundlage Drugulin die Herausgabe eines beschreibenden Verzeichnisses beabsichtigte; eine Anzahl schöner und seltener Blätter von Martin Schongauer; die Radierungen von und nach Dav. Teniers, von welchen Drugulin gleichfalls ein beschreibendes Verzeichniß herauszugeben beabsichtigte, u. a. m. An das Verzeichniß der Kupferstiche reiht sich eine Anzahl interessanter alter und neuer Kupferwerke und Kunstbücher, denen sich die Handbibliothek des Verstorbenen, welche einen selten vorkommenden Reichthum von Katalogen aufweist, anschließt. — Der Kunstnachlaß Drugulin’s, dessen Kataloge von Porträten und kulturgeschichtlichen Blättern unentbehrliche Quellen für alle Sammler bilden, wird übrigens durch diese Auktion nicht erschöpft; verschiedene, zum Theil sehr umfangreiche Sammlungen: Porträte merkwürdiger, durch Lebensschicksale, Thaten oder Unthaten berühmter oder berüchtigter Menschen, ferner Karikaturen, kulturhistorische und fliegende Blätter, alte interessante Ansichten, dann viele auf Preußen und speziell auf Berlin bezügliche Darstellungen und endlich eine größere Anzahl alter minderwerthiger, aber guter Kupferstiche, sowie schöner moderner Radierungen, sollen — wo möglich, nach der Auktion — im Ganzen, oder nach Materien getrennt, aus freier Hand verkauft werden.
142) Der „deutsche Herold“ hat in Berlin eine Ausstellung eröffnet, die eine Fülle interessanter, meist seltener Alterthümer aus den Gebieten der Heraldik, Sphragistik und Genealogie umfaßt und auf’s neue auch dem dortigen Publikum zeigt, auf welcher Höhe der Kunst ehemals die heraldische Zeichnung wie Plastik standen, und daß Meister wie Dürer, Holbein, die Beham u. A. kostbare heraldische Werke schufen, daß die ersten Künstler ihrer Zeit im Mittelalter jene Siegel stachen, die uns die wichtigsten Quellen für das Studium der Plastik jener Zeit, wie für die Waffen- und Kostümgeschichte sind, wie kunstvoll die Ausstattung der Stammbäume, der Stammbücher des 16.-18. Jahrh. erfolgte, und wie der Schmuck der Gebrauchs- und Luxusgegenstände mit heraldischen Darstellungen zu sinniger Verzierung führte.
Fußnote:
[457] muß heißen: ma’, und ist von Hermann IV. v. Hessen geprägt. Ein Kurfürst Karl Mathias hat nicht existiert.
Verantwortliche Redaction: Dr. A. Essenwein. Dr. G. K. Frommann.
Verlag der literarisch-artistischen Anstalt des germanischen Museums in Nürnberg.