137) Am 3. October wurde der Reliquienschrein der hh. Ewaldi in St. Cunibert in Köln feierlich eröffnet. Es fanden sich an Stoffen außer der Umhüllung der Gebeine ein Stück Goldbrocat und eine Stickerei von hohem Werthe, welche dem 13. Jahrh. anzugehören scheint. Dieselbe ist 3,11 Meter lang, 0,83 Meter breit, aus drei Stücken zusammengesetzt. Das Mittelstück besteht aus tiefblauem Leinen, die beiden Seitenstücke, je 0,92 Meter lang, aus seegrünem Seidenstoff; alle drei sind mit Stickerei von glänzender, mehrfarbiger Seide in Platt- und Ketten-Stich bedeckt. Das Gewandstück scheint als Schulter-Velum gedient zu haben und zeigt seinen größten Schmuck an den beiden Endstücken, die beim Gebrauche vorn herunterhiengen und dem entsprechend an ihrer untern Kante mit gelbseidenen Fransen besetzt sind. Bildwerk und Arbeit sind an beiden Theilen von hoher Bedeutung für die Kunstgeschichte und fordern deshalb eine genauere Beschreibung.
Das reichere Bild zeigt in prächtigem Rahmen die persönliche Darstellung des Jahres, wie sie nachweislich seit dem 12. Jahrhundert in der christlichen Kunst vorkommt. Hier haben wir ein Viereck mit drei eingeschriebenen concentrischen Kreisen. Im innern Kreise sitzt auf dem Regenbogen eine mit langem Gewande bekleidete Figur mit gespaltenem Bart und ernstem Angesicht mit der Ueberschrift Annus (das Jahr). Sie hält in den emporgehobenen Händen zwei weiße Köpfe. Der Kopf links vom Beschauer trägt einen weißen Strahlenkranz und hat die Ueberschrift Dies (Tag); der Kopf rechts mit rother Krone ist als Nox (Nacht) bezeichnet. Der Kreis ist hinter der Figur durch ein gerades und ein schräges goldenes Kreuz in acht Felder getheilt. Am Querbalken des geraden Kreuzes stehen zu beiden Seiten je zwei flammende Räder, entweder Sterne oder Zeichen des flüchtigen Jahres. Im zweiten, umschriebenen Kreise entsprechen den Enden der Kreuzbalken acht kleine Kreise mit Brustbildern ohne unterscheidende Symbole. Sie sind durch Ueberschriften als Elemente und Jahreszeiten bezeichnet. An den Enden des geraden Kreuzes stehen, von oben nach rechts folgend, Aër (Luft), Ignis (Feuer), Terra (Erde), Aqua (Wasser). Zwischen Luft und Feuer folgen in der Richtung nach rechts Autumnus (Herbst), Estas (Sommer), Ver (Frühling), Hiemps (Winter). In den Zwickeln zwischen den Kreisen und dem Rahmen sitzt unten links Neptun mit Fisch und Dreizack über Wellen, und rechts Tellus mit Blumen und Früchten im aufrechtstehenden Füllhorn auf der kräutersprießenden Erde. In den obern Zwickeln stehen die mit dem Kreuze gekrönten griechischen Buchstaben Alpha und Omega, der Anfang und das Ende, ein Sinnbild Christi. Damit ist dem ganzen Bilde die christliche Deutung gegeben; hier haben wir die Schöpfung nach Raum und Zeit, von Christus begonnen und vollendet, durch ihn geschaffen und erlöset. Der eine starke Hand breite Rahmen setzt sich aus einer Inschrift von großen gothischen Majuskeln zusammen aus der Zeit vom 12. bis zum 13. Jahrhundert und einem außen und innen herumlaufenden Rundbogenfriese. Die schönen Majuskeln entsprechen den reichen Initialen der gleichzeitigen Handschriften. Der Körper der Buchstaben tritt kräftig hervor und ist mit reichem Rankenwerk, an einzelnen Stellen mit Thierköpfen belebt. Der Zeichner bewegte sich mit großer Freiheit, so daß dieselben Buchstaben verschiedene Formen und Ornamente zeigen. Die Inschrift lautet: POPVLVS Q CONSPICIT OMNIS ART ELABORATV̅.
Der viereckige Rahmen ist auch hier sehr reich: innen und außen ein Mäander als Saum, in der Mitte ein fortlaufendes, kreisförmiges Ornament von der Größe der innern Handfläche. Der Kreis wird von zwei Schlangen gebildet, welche in die Peripherie des folgenden Kreises sich einbeißen und so die einzelnen Ornamente mit einander verbinden. In den Schlangenkreisen stehen zwei Vögel mit herabhängenden Flügeln, deren Hälse mit abgewendeten Köpfen einander umschlingen. Von Schnabel und Schwanz gehen blattartige Ornamente aus, welche Kreise und Zwischenräume mit reichem Rankenwerke beleben.
Das Mittelstück besteht aus tiefblauem Leinen, welches mit orangefarbiger Seide theils mit Doppelkreuzen, theils mit gebrochenen Linien in unregelmäßiger Form gestickt ist. Trotz dieser Unregelmäßigkeit macht die glänzende Zeichnung auf mattem Grunde einen festlichen Eindruck. Sehr schön und der Technik der Seitenstücke ebenbürtig ist der Rand des Mittelstückes. Er besteht aus großen Rosetten, welche aus je vier herzförmigen Bogen um einen Vierpaß zusammengesetzt sind.
(Köln. Volksztg., Nr. 314.)
138) München, 8. November. Das Bayer. Nationalmuseum hat im Laufe dieser Woche eine zwar etwas seltsame, aber in historischer und künstlerischer Hinsicht sehr interessante Bereicherung erfahren. Es sind 12 Zinnsärge aus der Fürstengruft von Lauingen, welche Herzog Wolfgang von Pfalz-Neuburg 1565 in der dortigen Pfarrkirche hatte erbauen und darüber zum Andenken an seine 1563 dahingeschiedene Mutter Elisabeth ein schönes Mausoleum hatte errichten lassen. Es blieb dieses fortan die Begräbnißstätte der Pfalz-Neuburger Linie. Im Jahre 1781 fand auf Befehl des Churfürsten Carl Theodor, da nach München Anzeige erstattet worden war, daß man einige Särge erbrochen und der Kleinodien theilweise beraubt gefunden habe, eine Eröffnung und Untersuchung dieser Gruft durch einen Spezialhofkommissär und viele zugezogene Zeugen statt, und wurden die an den Leichen vorgefundenen Pretiosen zu Handen der Hofkommission genommen, nachdem eine genaue Beschreibung des Befundes der Leichen in den einzelnen Särgen stattgefunden hatte. Die Pretiosen wurden auf Befehl Carl Theodor’s der Akademie der Wissenschaften zur Aufbewahrung übergeben, von wo sie nach Gründung des Bayer. Nationalmuseums durch Baron von Aretin in diese Sammlung verbracht wurden. Hier befinden sich dieselben im Saale VI der Renaissanceabtheilung und dienen fortwährend unseren modernen Goldschmieden als Muster und Vorbilder für ähnliche Arbeiten. Im Jahre 1846 wurde die Gruft wiederholt eröffnet, da man Senkungen des Gewölbes der Gruft wahrgenommen hatte, fand aber die Särge theilweise ganz aufgerissen und in einer Unordnung, als wären Räuber plündernd eingedrungen und hätten nach vollbrachter Plünderung den Ort eiligst verlassen. Möglich, daß in den franzöischen Kriegen eine Soldatenhorde die Gruft erbrochen und noch geraubt hat, was zu rauben war. Die 1781 durch Einbalsamierung noch mumienartig erhaltenen Leichen fand man jetzt in Staub und Asche versunken. Im Jahre 1877 wurde auf höchsten Befehl die Vereinigung sämmtlicher Gebeine in einen großen Steinsarkophag beschlossen, und der Direktor des Bayer. Nationalmuseums, v. Hefner-Alteneck, erhielt den Auftrag, die Särge noch einmal zu untersuchen und die kunstvoll gearbeiteten für das Bayer. Nationalmuseum zu übernehmen. Bei dieser Gelegenheit fand derselbe in einzelnen Särgen sowohl für Historienmaler, als für die Geschichte der Textilindustrie höchst merkwürdige Ueberreste von Prachtkostümen mit sehr reichen Dessins, die bis jetzt noch dem Luftzuge ausgesetzt sind, um später neben jenen Kleinodien aufgestellt zu werden. Die Zinnsärge selbst (es sind 5 große und 7 Kindersärge) tragen meisterhafte Gravierungen, welche Inschriften, feinstilisierte Wappen und Christusbilder darstellen. Trefflich sind auch die höchst charakteristischen Bärenköpfe, welche die Ringe zum Tragen im Rachen halten.
(Augsb. Postztg., Nr. 265 nach d. A. Abdztg).
139) Aus Bacharach, den 22. September, schreibt man der Coblenzer Zeitung: Beim Reparieren eines Kellers fand ein Bauer hiesiger Gegend etwa 50 Stück gut erhaltener Goldmünzen, alle in Blei verpackt, aus den Jahren 1450–1520. Es sind sogenannte Goldgulden und von meist verschiedener Prägung, darunter: mone. no. aurea stutgardi + ulricus. dux i. wirtemberg: Stuttgarter Goldmünze vom Herzog Ulrich von Würtemberg; mone. no. aurea 1508 + jacob. arch. ep. mo.: Goldmünze vom Erzbischof Jacob von Mainz 1508; mone nova aurea bonne. + k. mat[457] elct. eccle. colon.: Goldmünze vom Kurfürsten Karl Mathias von Köln, in Bonn geprägt; monet. nov. francf. 1500 + maximilianus roma. rex.: Goldmünze von Maximilian, in Frankfurt geprägt 1500; moneta nova aurea comitis tyrol + sigism. archi. dux aust.: Goldmünze der Grafschaft Tirol vom Erzherzog Sigismund von Oesterreich; philip. pal. be. elect. impe. 1500 + ave (Maria gratia) eb. plena dn. tecu.: Goldmünze vom kaiserliche Kurfürst Pfalzgraf Philipp dem Edelmüthigen mit dem Bildniß der heiligen Maria und der Umschrift: Sei gegrüßt, Maria, voll der Gnaden, der Herr ist mit Dir.
(Numism.-sphrag. Anzeiger., Nr. 10.)
140) Die Schletter’sche Buchhandlung in Breslau gibt bekannt, daß sie ein Exemplar der ersten sog. September-Ausgabe der Luther’schen Uebersetzung des Neuen Testamentes vom Jahre 1522 besitzt, in welchem sich auf der Rückseite von Blatt CVII, auf dem leeren Papier unter dem Schlusse der Apostelgeschichte, ein handschriftliches, 16zeiliges Fragment einer nicht wörtlichen Uebersetzung von Matthaeus XXVI, 1 u. ff. in niedersorbischer (niederlausitzischer) Sprache befindet.