Vermischte Nachrichten.
15) Regensburg. Unlängst wurde dahier durch Zufall eine höchst interessante archäologische Beobachtung gemacht, welche wohl Anspruch auf Neuheit erheben darf. Bekanntlich sind die auf römischen Todtenfeldern ausgegrabenen Urnen, welche die Knochenreste verbrannter Leichen enthalten, oftmals mit Thonschalen bedeckt, deren eigentlicher Zweck — wie bereits vor längerer Zeit schon vermuthet wurde — in der Aufnahme von Räucherwerk während der Leichenverbrennung bestand. Nun war aber der um die Alterthumskunde der Oberpfalz und von Regensburg in der prähistorischen und römischen Zeit hochverdiente freiresignierte Pfarrer Dahlem jüngsthin so glücklich, folgende Erfahrung zu machen. Derselbe hatte nämlich eine frischgekittete Thonschale der besagten Art zum Zwecke des Trocknens auf einen warmen Ofen gestellt, und als er mehr und mehr einen ungewöhnlichen Wohlgeruch bemerkte, überzeugte er sich bald, daß derselbe von der Schale auf dem Ofen herrühre. Hiermit ist nun der evidenteste Beweis geliefert, daß das mehrfach erwähnte Gefäß ehemals zum Räuchern gedient, indem die Ingredienzien, welche es vor länger als anderthalbtausend Jahren enthielt, sich selbst durch ihren noch frischen Geruch verriethen. Derselbe soll übrigens demjenigen des Storax ähnlich gewesen sein.
(Nürnberger Presse, Nr. 27.)
16) Die „Bonner Zeitung“ schreibt: „Bei den wieder aufgenommenen Ausgrabungen des hiesigen römischen Castrums wurde in den letzten Tagen am Wichelshof in einer Tiefe von 7 Fuß ein Fundament gefunden, welches sich durch die darüber liegenden Theile großer Säulen als Ueberreste nicht allein eines hervorragenden Bauwerks, sondern wahrscheinlich eines prächtigen Tempels darstellen wird. Die ionischen Säulen von Jurakalk, welche nach der Weite ihrer Schäfte auf eine Höhe von ca. 11 Fuß schließen lassen, haben Kapitäle, wie sie in dieser Schönheit an rheinischen Römerbauten kaum anderwärts vorgekommen sind. In hohem Grade rechtfertigt der neue Fund die vom Professor aus’m Weerth in seinem Vortrage am letzten Winkelmannsfeste ausgesprochene Ansicht, daß das Bonner Castrum in architektonischer Hinsicht nach der Zahl und Art seiner Gebäude das bedeutendste unter den bisher bekannt gewordenen ähnlichen Anlagen sei. Ein gleichzeitig gefundenes Inschriftfragment der ersten Kaiserzeit wird, wenn sich die dazu gehörigen Stücke finden, vielleicht Auskunft über den Zweck des Baues ertheilen. Die vollständige Aufdeckung des Bauwerks ist beschlossen, und es sollen — wie wir hören — Kenner und Freunde des Alterthums zu dessen Besichtigung zur Zeit eingeladen werden.“
(Nordd. allg. Zeitung, Nr. 37.)
17) In Wien hat man bei der Terrain-Regulierung, die gegenwärtig nächst der Votivkirche vorgenommen wird, eine Aschenkiste aus Stein, wahrscheinlich aus römischer Zeit, zu Tage gefördert. Die Kiste ist aus einem Stück Stein gehauen und enthielt Knochenreste und eine große Menge interessanter antiker Gegenstände: Thonkrüge, Spangen, Brochen, Ringe, Nadeln. Die Thonkrüge sind nur einige Zoll hoch, mit Henkeln versehen und tragen Zeichnungen, welche ein tätowiertes Antlitz vorstellen. Die Schmuckgegenstände sind mit einer solchen Patinaschichte bedeckt, daß man noch nicht erkennen konnte, ob sie aus Silber oder Bronze gearbeitet sind. Vorläufig wurde der Fund im städtischen Archiv deponiert.
(Korresp. v. u. f. D., Nr. 90)
18) Als ansehnliches Geschenk eines Privatmannes, des Hrn. Albert Katz in Görlitz, ist dem Deutschen Gewerbemuseum neuerdings ein werthvolles Denkmal deutschen Kunstfleißes zugeführt worden, dem bereits die Gefahr drohte, ins Ausland, und zwar nach Holland, verkauft zu werden. Es ist eine, abgesehen von einzelnen gegossenen und ciselierten Details, in getriebener Arbeit hergestellte und theilweise vergoldete Silberstatuette des heil. Georg, die, bisher in Elbing befindlich, von einem dortigen Meister im 15. Jahrhundert angefertigt wurde und ursprünglich als Reliquiarium diente. Ihre Basis, die von drei kleinen, aus krausem gothischen Blattwerk emporwachsenden Figuren wilder Männer getragen wird, stellt sich als ein leichtgewölbter, von einem zierlich gearbeiteten Gehege eingefaßter Hügel dar, der, durch allerhand kriechendes und kletterndes, in winzigem Maßstab gebildetes Gethier belebt, als Behausung des Drachen gedacht ist und durch einen Todtenschädel nebst übereinanderliegendem Gebein auf das von diesem ausgehende Verderben hindeutet. Inmitten dieses sorglich durchgeführten Terrains, aus dem seitwärts die reich ornamentierte, meist durch einen Krystall geschlossene, jetzt dieser Decke sowohl wie des ehemaligen Inhalts beraubte cylindrische Reliquienkapsel heraustritt, ragt die Gestalt des jugendlichen Ritters empor, dessen Speer an dem Schuppenpanzer des Feindes bereits in Stücke zerschellt ist. In schwerer Schienenrüstung auf dem Rücken des bekämpften Ungethüms dastehend, hält er in der gesenkten Linken den Schild, während die Rechte, mit einem kurzen, krummen Schwert bewaffnet, zum Streich ausholt. Bei aller Bewegtheit der Scene geht indeß die Komposition der Figur weniger auf eine realistische Wahrheit in der Schilderung der dargestellten Aktion, als vielmehr auf die Erzielung einer ruhigen statuarischen Haltung aus, die sich auch darin bekundet, wie dem emporgereckten, den herabhangenden Schild mit den Zähnen packenden Rachen auf der anderen Seite der hochaufgeringelte Schwanz des sich am Boden windenden Ungeheuers das Gleichgewicht hält. In ihrer eigenthümlich zierlichen und schmiegsamen, bei fast herber Knappheit der Formen eine graziöse Anmuth und Eleganz anstrebenden Bewegung ist die Figur dabei eben so sehr eine charakteristische Probe der Kunstweise des späteren gothischen Stils wie in der Gediegenheit und Delikatesse der Arbeit ein treffliches Meisterwerk technischer Behandlung. Einen ganz besonderen Reiz aber gewinnt sie endlich noch dadurch, daß sie in sämmtlichen Details der Tracht, wie u. A. in dem seltsamen, aus einer Schnur gedrehten, oberhalb der Stirn eine phantastische Blume befestigenden Kranz, der das lange Gelock des Ritters umschließt, das Profankostüm der Zeit vollständig getreu wiedergibt, was sie im Hinblick auf verwandte Arbeiten als ein außerordentlich seltenes und doppelt bemerkenswerthes Stück erscheinen läßt.
(D. Reichsanz., Nr. 23.)
19) In Berlin wird im Laufe des Frühlings eine Ausstellung von Originalaufnahmen interessanter Werke der Vorzeit aus den Mappen deutscher Architekten stattfinden. Aus der großen Zahl der Studien, welche dieselben alljährlich, insbesondere aber nach Abschluß ihrer akademischen Studien auf den durch die Fachbildung bedingten Reisen machen, wird zwar mitunter etwas für irgend eine fachmännische Zeitschrift verwerthet; das Meiste aber ruht, nur dem eigenen Gebrauche zugänglich, in Mappen und Skizzenbüchern. Hier sollen nun diese Quellen einmal erschlossen werden als Ergänzung zu den durch die Literatur sich bietenden Studien zur Kunstgeschichte. Man beabsichtigt, nicht blos sorgfältig ausgeführte Zeichnungen, sondern bei weniger bekannten Werken auch leichte Skizzen aufzunehmen, wo sorgfältige Zeichnungen nicht zu bekommen sind. Es wird sich auf diese Weise ohne Zweifel eine Uebersicht über den Jahrtausende langen Entwickelungsgang der Architektur, neben ihr der dekorativen Kunst und des Kunsthandwerkes ergeben. Hoffentlich wird, trotz der steten Sehnsucht unserer Architekten nach Süden, die unsere Bauweise mitunter mehr als nöthig und billig in „klassische“ Bahnen gelenkt hat, durch die junge Generation auch das Vaterland nicht vergessen und werden auch die nationalen Schätze der eigenen Vorzeit würdig vertreten sein.