(740 km) Tschungking (Unterkunft nur in chinesischen Gasthäusern), Stadt mit 610000 Einw., seit 1890 Vertragshafen, die Handelsmetropole der Provinz Szetschuan, liegt am l. Yangtseufer (über 2500 km oberhalb Schanghai) an der Einmündung des Kialingkiang halbinselförmig auf einer 30 m hohen Felsplatte. Die Umgebung ist sehr malerisch, im S. am r. Ufer liegt der heilige Berg Tuschan, wo der mythische Kaiser Yü seine Gattin heiratete. —Konsulate: Deutsches Reich, Konsul Weiß; ferner Großbritannien, Frankreich, Japan und Amerika.— Post: Kaiserl. Chinesische Post und ein Französisches Postamt.—Krankenhäuser: Deutsche Poliklinik (unter Leitung eines Stabsarztes); englisches, französisches und amerikanisches Missionshospital (letzteres mit Frauenabteilung).—Fremde Firmen: Arnhold, Karberg & Co. und Carlowitz & Co., beide deutsch; englische: Mackenzie & Co. und British-American Tobacco Co.Ladengeschäfte: ein französisches, das Konserven und Spirituosen vertreibt, ein amerikanisches, Apotheke und Gebrauchsgegenstände. —Klub: Seezoll-Klub mit Billardzimmer. P u. T.— Tschungking ist der Hauptflußhafen und-handelsplatz für das »Rote Becken« von Szetschuan, ein von schiffbaren Flüssen durchzogenes, dicht besiedeltes (40 Mill. Einw., 250 auf 1 qkm) Hügelland von 800-1000 m Durchschnittshöhe, das sehr fruchtbar ist und günstiges Klima hat. Seine Hauptprodukte, die von Tschungking zur Ausfuhr kommen, sind: Seide, Häute, Moschus, Rhabarber, Opium, Wolle, Borsten, Gallnüsse, Ziegenfelle; Einfuhr: Baumwollengarn, Wollenstoffe. Etwa 1600 Dschunken verkehren jährlich in Tschungking.
Der Yangtse wird oberhalb Tschungking bis Pingshanhien (westl. von Suifu) befahren; er ist noch weiter schiffbar, aber unsicher wegen der Überfälle durch unabhängige Lolostämme. (Vgl. H. Hackmann, An den Grenzen von China und Tibet; Halle a. S. 1904.)— Lohnend ist ein Ausflug von Tschungking nach der Provinzhauptstadt Tschöngtu, die auf einer der besterhaltenen Straßen Chinas in 10-12 Tagen zu erreichen ist, am besten im Tragstuhl (Tragkulis erhalten für die ganze Reise 4000 Käsch oder etwa $ 4). Die Gasthöfe sind verhältnismäßig sauber und billig, Kosten des Nachtlagers 300-1000 Käsch; Moskitonetz und Insektenpulver sind unentbehrlich. Tschöngtu, Sitz des Generalgouverneurs und der obersten Provinzialbehörden, mit etwa 600000 Einw., liegt nicht weit vom Fuße des das Rote Becken im N. begrenzenden Hochgebirges in einer sehr fruchtbaren Ebene, die etwa halb so groß ist wie die Oberrheinische Tiefebene. Es ist das »Paris Chinas« und gilt als die gebildetste, reinlichste und schönste Stadt des ganzen Reiches. Die Stadt zerfällt in die chinesische, die Tataren-und die (ehemalige) Kaiserstadt. In letzterer sind die Räume des Arbeitsamtes (einer Art Industrieschule). In der Tatarenstadt mandschurische Bevölkerung mit kleiner Mandschurengarnison. Die Zahl der Ausländer ist gering, da Tschöngtu nicht Vertragshafen. Außer drei Konsuln (deutschem, englischem und französischem) und einigen Ausländern (meist Japanern) in chinesischen Diensten wohnen dort nur Missionare. Mit den Missionen sind Hospitäler verbunden. (Vgl. A. Genschow, Unter Chinesen und Tibetanern, Rostock 1905.)
Etwa 60 km nw. von Tschöngtu, am Rande der Ebene, wo der Min aus dem Gebirge tritt, liegt Kuanhsien, berühmt durch das mehr als 2000 Jahre alte Bewässerungssystem, dem die Tschöngtuebene ihre Fruchtbarkeit verdankt. Von dort aus werden die unzähligen künstlichen Kanäle, die die ganze Ebene durchziehen, mit Wasser versorgt. Die Öffnung der Dämme bei Kuanhsien erfolgt im Frühjahr unter großem Zeremoniell. Dem Begründer dieser Bewässerungsanlage ist dort einer der prächtigsten Tempel Chinas errichtet worden.
Ausflug (etwa 5 Tage) nach dem heiligen Berge Omi (3380 m), einem der interessantesten und schönsten Punkte Westchinas.


Nordchina.

Nordchina unterscheidet sich in seinem ganzen Landschaftscharakter von Südchina sehr stark. Schon die Oberflächengestaltung ist ganz anders; denn während Südchina größtenteils aus Gebirgsland besteht, bildet den wichtigsten Teil Nord Chinas ein Flachland: die 300000 qkm einnehmende (Preußen 350000 qkm) Große Ebene, die das weit ins Nordchinesische Meer vorspringende, Bayern an Größe gleichende Gebirgsland von Schantung umschließt. Erst westl. der Großen Ebene beginnt zusammenhängendes Gebirgsland. Mehr noch unterscheidet sich aber der Norden des »Reiches der Mitte« vom Süden durch seine Kahlheit. Außer Nutzbäumen (Obst-und Maulbeerpflanzungen) und Gräberhainen gibt es keine holzigen Gewächse mehr, alles ist ausgerodet. Nackt steigen die Granitberge von Schantung empor, waldlos das Gebirge im N. von Peking; kahl, einförmig, im Winter geradezu trostlos ist auch die Große Ebene. Sogar die Graswurzeln rauft der Chinese mit eigens dazu hergestellten Gerätschaften aus, denn die Bevölkerung ist dicht, der Winter kalt, die Kohle teuer und das Brennmaterial rar. Eine dritte Haupteigenschaft Nordchinas, sein Reichtum an Löß, jener lehmartigen, aber ungeschichteten und kalkreichen, äußerst fruchtbaren Bodenart, die in trockenem Klima durch Verwitterung entsteht und vom Wind fortgetragen und in Tälern und an Berghängen abgelagert wird, tritt dem Weltreisenden nur in der gelben Farbe des Gelben Meeres, des Hoangho, d. h. des Gelben Flusses, und des Peiho, entgegen. Der Hoangho durchfließt vor seinem Eintritt in die Große Ebene diejenigen Gebirgsländer, die hauptsächlich von einer dicken Lößdecke verhüllt sind; er bringt daher so viel gelösten Löß in die Ebene mit hinaus, daß er nicht nur gelb aussieht und auch das Meer, in das er mündet, weithin gelb färbt, sondern daß er sein Bett immer wieder über seine Umgebung erhöht und, trotzdem er von den Chinesen in Dämme eingeschlossen wird, ständig die Neigung hat, seitwärts auszubrechen. Diese Neigung wird noch erhöht durch die starke Anschwellung, der er, wie der Yangtsekiang, allsommerlich unterliegt. So kann es nicht wundernehmen, daß der Hoangho in den letzten 21/2 Jahrtausenden neunmal seinen Unterlauf gewechselt hat; sein jetziges Bett, das am Gebirgslande von Schantung nördl. vorbeiführt, hat er erst seit 1852 inne; von 1280-1852 floß er südostwärts und mündete halbwegs zwischen Schanghai und Kiautschou. Solche Laufwechsel des Stromes und auch schon Dammbrüche bilden für die dicht bevölkerte Ebene natürlich immer furchtbare Ereignisse; bei dem letzten Ausbruch im Jahre 1887 wurden 22000 qkm (etwa = Westfalen oder Schlesien) überschwemmt, und 1,5 Mill. Menschen kamen ums Leben. So wertvoll also der Yangtse für China ist, so unnütz, ja verderblich ist ihm der Hoangho, um so mehr, als er wegen zu großen Gefälles auch im Unterlauf kaum schiffbar ist.
Das Klima Nordchinas ist wie das des übrigen Ostasien ein reines Monsunklima; im Sommer herrscht feuchtwarmer Seewind, im Winter kalter und trockner Landwind. Die Regenzeit fällt daher in den Sommer; der Winter ist, je weiter nach Norden, um so trockner. Die Temperatur bleibt im Sommer durch ganz Nordchina trotz seiner Erstreckung durch neun Breitengrade gleich hoch, nur an den Küsten wird sie durch die Seenähe etwas gemildert (Julitemperatur in Schanghai 26,9°, in Peking 26,6°, in Tsingtau aber nur 23,4°). Dagegen nimmt sie im Winter nordwärts stark ab (Januartemperatur in Schanghai 3,1°, in Peking-4,7°, in Tsingtau aber nur-0,4°, wieder wegen der Seenähe). Man sieht schon aus diesen wenigen Zahlen, daß das Klima nordwärts immer extremer, der Unterschied zwischen Sommer und Winter immer schroffer wird; unsre Kolonie Kiautschou ist klimatisch noch recht begünstigt.


Bodenwirtschaft. Die Große Ebene sowohl wie das gebirgige Schantung sind dicht besiedelt, denn die Ebene ist, von einigen sandigen Strichen abgesehen, fruchtbar, und die feuchtheißen Sommer gestatten meist noch den Anbau empfindlicher Pflanzen, wie des Reises und der Baumwolle; außerdem werden eine Menge andrer Nahrungspflanzen (namentlich auch Bohnen), Ölpflanzen (Erdnuß) und Obstarten gezogen; der Teestrauch kommt nur im SW. der Großen Ebene noch fort, die Seidenraupenzucht ist weit verbreitet, doch wird der gewöhnliche, auf dem Maulbeerbaum lebende Seidenspinner im Gebirgslande Schantungs durch zwei andre Arten vertreten, deren Raupen auf Eichen leben und die sogen. Schantungseide liefern. Die Berghänge Schantungs werden, soweit sie nicht nackter Felsboden sind, mit Terrassenkultur bewirtschaftet. Die einzelnen Familien besitzen, wie in Südchina, meist nur sehr kleine Grundstücke, die entsprechend intensiv ausgenutzt werden.
An guten Häfen sind auch die Küsten Nordchinas, die teils sandig und flach, teils felsig und steil sind, nicht reich, und von diesen ist wieder die Mehrzahl während einiger Wintermonate durch Eis gesperrt; »eisfrei« sind nur unsre Kiautschoubucht und das erst neuerdings benutzte Tschinwangtao am Nordostzipfel des Gelben Meeres, dem Golfe von Liautung. Der Hauptweg für den Warenverkehr zwischen Süd-und Nordchina war in frühern Zeiten der Kaiserkanal, der vom Kaiser Kublai Chan (1280-95), dem Gründer Pekings, angelegt wurde, von Hangtschou südwestl. von Schanghai bis Tientsin reicht, aber im Winter gleichfalls großenteils zufriert und stark verfallen ist. Der Landverkehr erfolgt auf schlechten Straßen mit Lasttieren (Kamelen, Maultieren, Ponys), auf zweiräderigen, ungefederten, stark gebauten Karren, und für Waren auch auf Schubkarren, die zum Teil mit Segeln versehen sind. Der Weltreisende wird von diesen unbequemen Transportmitteln aber kaum Gebrauch machen müssen, da das Eisenbahnnetz Nordchinas die wichtigsten Städte bereits sämtlich miteinander verbindet. Folgende Hauptlinien bestehen: von der Küste des Gelben Meeres (Tongku, nahe der Peihomündung) über Tientsin nach Peking; von Tongku nordostwärts über Schanhaikwan nach Mukden und den Häfen der Halbinsel Liautung; von Peking über das Nankaugebirge und Kalgan nach Suijuenwan in der Mongolei; von Peking entlang dem Westrande der Großen Ebene und zuletzt über das Waigebirge nach Hankau am Yangtse (S. [259]); von Tientsin durch den Ostteil der Großen Ebene und den Westteil des Gebirgslandes von Schantung nach Pukou gegenüber Nanking (diese Strecke ist erst teilweise dem Verkehr übergeben, soll aber im Herbst 1912 fertig sein); endlich von Tsingtau nach Tsinanfu, der Hauptstadt Schantungs, die an der vorgenannten Strecke liegt.