Nikkō und Umgebung
Durch das Tor Ni-ō-mon (die buddhistischen Ni-ō sind aber durch die shintōistischen Ama-inu und Koma-inu ersetzt worden) gelangt man in den Tempelhof; oben am Tore sieht man das Fabeltier Baku, das gegen böse Träume schützt, und andre Tierschnitzereien: Löwen, Einhörner, Takujū (sprachbegabte Fabeltiere, die nur in der Ära tugendhafter Fürsten erscheinen sollen), Elefantenköpfe, Tapire, Tiger etc. Im Hof stehen Vorratshäuser für Festgerät und Tempelschätze. L. vom Tor eine große Kōyamakikonifere, die Ieyasu als kleine Topfpflanze gepflegt und auch auf Reisen stets bei sich getragen haben soll. Daneben der Stall für den heiligen Schimmel, dessen Tor die Affenschnitzerei (Sambiki-saru) zeigt. Sehr schön ist das Weihwasserbecken (On Chōzuya) aus einem Granitstück mit Drachendachschmuck. Dahinter steht eine Archivhalle, Kyōzō (Warai-dō), mit buddhistischen Schriften in prächtigen Rotlackbüchergestellen. Im Innern Engelsbilder. Mitten im Hof ein bronzenes Torii mit dem Tokugawawappen in Gold. Treppenstufen führen zum zweiten Hof, in dem zwei Steinlöwen, ein Glockenturm und eine Glocke sowie Bronzelaternen aus Korea, ein holländischer Kandelaber und ein Trommelturm stehen. — Am Ende l. steht der Yakushitempel, der innen sehr farbenprächtig ist. Von hier führen Treppenstufen zu dem prächtigen Tore Yōmeimon, von dem ein Pfeiler absichtlich, um den Neid der Götter zu meiden, fehlerhaft geformt ist; er heißt Ma-yoke no Hashira (Böses abhaltender Pfeiler). Verschiedene Säulenkapitelle und Architrave zeigen Einhorn-und Drachenköpfe, das Balkongeländer zeigt spielende Kinder (Karako-asobi). Durch dieses Tor gelangt man in den Festhof, in dem l. die Halle zur Aufbewahrung der schweren Palankine, worin die Geister von Ieyasu, Hideyoshi und Yoritomo bei Prozessionen umhergetragen werden; daneben ist eine Reliquienausstellung; r. hat man die Bühne für den heiligen Kaguratanz (vgl. S. [368]), der sehr sehenswert ist und gegen Geldopfer von der Priesterin ausgeführt wird.
Einige Stufen führen durch das Chinesische Tor (Kara-mon) zum Vortempel (Haiden; Schuhe ausziehen!) mit Shintōgerät, Gohei und rundem Spiegel, und von da durch prächtige Korridore zum Honden (Allerheiligsten), dessen Seitenkapellen aber geschlossen sind. Zu *Ieyasus Grabmal gelangt man vom Kara-mon und an der Kagura-dō (Tanzbühne) vorbei an ein Tor an der Ostseite mit der berühmten Schnitzerei von Hidari Jingorō, »die schlafende Katze« (Nemuri no Neko); dann führt eine lange Steintreppe von etwa 200 Stufen zu dem Hügelgrab. Das Grabmal ist sehr einfach, ein hellfarbiger Bronzeguß, der einer kleinen Pagode ähnelt. Davor steht ein niedriger Steintisch, worauf ein riesiger bronzener Storch steht, der im Schnabel einen Messingleuchter trägt; daneben ein Rauchopferanzünder und eine Vase aus Bronze, mit Lotosblüten und Blättern geziert.—Nachdem man das Mausoleum des Ieyasu wieder verlassen hat, wendet man sich r. und gelangt durch die Allee und einen Torii zum Shintōtempel Futaara Jinja, begründet 782 und dem Friedensgott Ōnamuji geweiht, in dessen Honden alte Schwerter, Lacksachen, Magatama (S. [399]), Kostüme etc. zu sehen sind. In einer Ecke des Tempelhofs steht die Bronzelaterne Bakemono Tōrō, 1292 geschenkt, die nachts öfters Teufelsgestalt annahm, bis ein tapferer Krieger ihr den noch sichtbaren Schwerthieb über den Deckel gab.— Nach l. hinabsteigend, erreicht man zwei rotlackierte buddhistische Tempel (Futatsu-dō), durch gedeckte Galerie verbunden, deren größerer Amida geweiht ist. Innen viele buddhistische Bildnisse sowie die Gebeine von Yoritomo (daher der Tempel auch Yoritomo-dō heißt); ein zweites Grab von Yoritomo ist aber in Kamakura (S. [391]).— Durch die Galerie gelangt man in eine Allee, die zum Grabe des Abtes Jigen Daishi (auch Tenkai Daisōjō genannt) führt, das indische Stupaform hat und von lebensgroßen Steingötzen bewacht wird; l. davon führt eine Treppe zu den einfachen Gräbern der 13 Prinzäbte von Nikkō.—R. vor der großen Steintreppe liegt das Priesterhaus Ryūkō-in, dessen erstes Tor, ein Ni-ō-mon (mit zwei Paaren Ni-ō, das eine Paar aus dem obenerwähnten Ni-ō-mon des Ieyasu-Tempels hierher versetzt) zum Grabmal des Iemitsu führt, vorbei an einem granitenen Wasserbecken mit Drachendach, dann eine Steintreppe hinauf zum Tore Niten-mon; drei Treppen höher liegt das Teufelstor Yasha-mon, dahinter der Grabtempel, von dem r. eine Treppe auf den Grabhügel führt. Das Grabmal ist aus Bronze, ähnlich dem des Ieyasu; die Bronzetore tragen Sanskritinschriften.
Die Umgebung von Nikkō ist reich an schönen Spazierwegen, für die meist Führer nicht erforderlich sind.
Ausflüge: 1) Zum *Chūzenjisee, der beliebteste Ausflug, im Mai und Oktober besonders schön; zu Fuß 41/2-5 St. (zurück 21/2-3 St.), zu Pferde (21/2 Yen) oder in Rikscha (3 Kulis 31/2 Yen), mit Sänfte (4 Kulis 4 Yen) in 31/2 St. Unterwegs mehrere Teehäuser zum Rasten. Diesen Ausflug (am 4. Okt. 1904) beschreibt Karl, Prinz von Hohenzollern: »In der erquickenden Morgenkühle schritten wir rüstig einher auf gutem Sträßchen, l. den schäumenden Dayagawa und bewaldete Höhen, r. schroffere Hänge, von bewaldeten Schluchten durchzogen. Das Sträßchen führt 11/2 St. in mäßiger Steigung aufwärts bis zum ersten Teehaus (Misawa). Nun verengt sich die Schlucht, und an Stelle der grünen Hänge treten schroffe Abhänge und Felswände, von denen Wasserfälle ihre Sprühregen erfrischend herabsenden. Die Steigung wird größer, und bei einer Biegung haben wir zum erstenmal den Blick auf die kupferrot bis violett gefärbten Flanken des 2483 m hohen Nantaizan. Wir verlassen den über kleinere Felsabsätze sich donnernd überstürzenden Dayagawa und biegen in die trümmererfüllte Schlucht des Hannyabaches ein; eine starke und kurze Steigung, und wir stehen senkrecht 60 m über dem Hannya auf der Felsterrasse des zweiten Teehauses (Naka no Chaya). Worte können den herrlichen Blick, der sich dem Auge bietet, schwer schildern; er ist lieblich, ernst und großartig zugleich. Nach N. blicken wir in zwei Felsschluchten, deren Bäche sich uns zu Füßen vereinigen. Die eine zerreißt die Hänge des 1560 m hohen, in scharfem Horn endenden Tanzaiyama, der oben eine Rasenkappe trägt; in dieser stürzt der Hannyabach 40 m über eine senkrechte Wand, den Hannyadaki (Wasserfall) bildend; 300 m l. davon, durch bewaldeten Rücken getrennt, hat sich der Hodobach eine noch großartigere Schlucht in die Felsflanken des Nantaizan gegraben, in der er vor seiner Vereinigung mit dem Hannyabach den wasserreichen, sehr hübschen Hododaki bildet. Im W. rauschte mehr als 100 m unter uns der Dayagawa in seiner Felsschlucht. Auf ordentlich gehaltenen Wegen geht es mäßig steigend durch schönen Wald, Tannen und Bergahorn, aufwärts an den Ausläufern des Nantaizan empor, bis wir in 1 St. das dritte Teehaus erreichen. Der Blick in die Dayagawaschlucht ist großartig; fast 600 m unter uns sieht man den Fluß wie eine milchige Masse zwischen finstern Tannen und Felswänden hindurchrasen, und der Steilabsturz des Tanzaiyama scheint ihm den weitern Weg versperren zu wollen. Doch aufwärts! Nach 100 m weitern Steigens befinden wir uns auf einem Sattel, und dumpfes Donnern schlägt an unser Ohr. In lichtem Walde schreiten wir fast eben rüstig vorwärts und biegen (l.) auf einen Fußpfad ab, der sehr steil uns auf eine mit Geländer versicherte Felskanzel führt. Wir stehen vor einem herrlichen Schauspiel. Vor uns stürzt in einem gewaltigen Sprunge (80 m tief) der Dayagawa als Ausfluß des Chūzenjisees in einen Felskessel. Kegon-no-taki heißt dieser herrliche Wasserfall. Noch 1/4 St. haben wir zu gehen, und wir stehen am blauen Spiegel des Sees von Chūzenji.« Chūzenji (Lake Side Hotel, gute europ. Küche, Mitt. 11/2 Yen, Pens. von 5 Yen an, Privattelephon zum Kanaya Hotel in Nikkō; jap. Gasthof Komeya; europ. Boote auf dem See tägl. 2 Yen, 1 St. 50 sen; jap. Boote stündl. 40 sen), Ort am gleichnamigen See, 1316 m ü. M., eingebettet zwischen Bergen von 1600-2483 m Höhe, beliebte Sommerfrische für Europäer, im Juli und August von etwa 10000 buddhistischen Pilgern besucht, die den erloschenen Vulkan Nantaizan (2483 m) besteigen. Der Aufstieg führt durch das Tempeltor am Ende des Dorfes (den Japanerinnen ist der heilige Berg verboten!), ist sehr steil und erfordert 3 St., oben besonders bei Sonnenaufgang wundervolle Aussicht. Man beginne mit Laternen zu steigen und nehme Strohsandalen unter die Stiefel! Bei klarem Wetter kann man den Fuji sehen.