Görtz biß sich in die Lippen, aber als er herunter kam, winkte er mit einer hochmütigen Gebärde seinen Freund Grothusen ans Wagenfenster.

»Der kranke und blutende Löwe von Ukraine und Poltava hat seine Tatzen so lange ausgeruht, daß die Klauen länger und schärfer geworden sind denn je. Drücket den Hut fest auf den Kopf und knöpfet den Rock, meine Herren, und haltet euch bereit! Die Herbststürme beginnen!«


Die geringzählige Besetzung von Stralsund hörte bald das Kanonenspiel des Feindes außerhalb der Mauern. Glockenschläge riefen die Mannschaft zu den Wällen oder zu brennenden Häusern. Gegen Morgen legte sich der König mit dem Hut über dem Gesicht zu einer Stunde Ruhe auf das Steinpflaster im Frankentor. Wach stierte er in den dunkeln Hut, aber die Knechte, die mit der Handlaterne auf ihn leuchteten, fanden nur das Kinn und die Lippen, über denen noch ein Lächeln schwebte, zusammengebissen und kalt, als hätte es nur zu seiner Gesichtsbildung gehört. Dann flüsterten sie, daß sie nie einen freimütigeren Helden gesehen hätten, aber abseits im Sternenlicht standen viele hohe Offiziere und sprachen davon, daß nur sein Tod das schwedische Reich retten könne.

Er wußte, wovon sie sprachen, obgleich er es nicht merken ließ. Das Volk, von dem er seine größten Träume geträumt hatte, erblickte bereits in seinem Tod die Erlösung. Wann erlitt ein König ein entsetzlicheres Geschick? War er denn nur geboren worden, um die Schweden in ihrem letzten großen Streit anzuführen und dann weggeworfen zu werden wie ein verbrauchtes Werkzeug? Seiner Schwester Gemahl schielte schon nach seiner Krone, und der Sohn seiner dahingeschiedenen Lieblingsschwester hob schon gegen ihn die Kinderhand.

Bei der Abendmahlsfeier demütigte er sich und betete mit aufrichtigen Tränen, aber nie weinte er über seine eigenen Mißgeschicke. Waren sie nicht einfach Feinde, denen er mit des Rächers Zorn zu begegnen hatte? Er wurde härter und kälter gegen die Offiziere und sprach öfter mit geballter Faust, aber er befahl auch um so strenger über sich selbst und seine eigenen Gedanken. Freilich vernachlässigte er immer mehr seine Kleidung, so daß er vierzehn Tage dasselbe schmutzige Hemde tragen konnte, aber er bezwang seinen hinkenden Gang. Sein Haar schimmerte schon silbrig, obgleich er kaum dreiunddreißig Jahre alt war, aber wenn er wachend in seinen Hut aufsah, wiederholte er für sich selbst: Es muß der Wille Gottes sein, dem ich folge. – Sodann richtete er sich auf wie ein ausgeruhter Jüngling und reichte seinen Mantel einem frierenden Graukopf, – aber wenn die Heimat oder die Schweden genannt wurden, dann zupfte er an seinen Rockknöpfen und schwieg.

Eines Tages exerzierte Grothusen mit größerem Eifer als gewöhnlich seine Soldaten unten vor dem Fenster der Schönen am Knipertor. Regungslos wie ein Bild saß die alte Dame hinter den Blumentöpfen, und als Grothusen seinen Hut abzog, blinkten die neuen Galonen.

Er winkte seinem kleinen Tambour.

»Noch hat deine Trommel nicht ihre volle Sprache. Laß sie uns öffnen. Hier liegt ein Paar der niedlichsten kleinen, goldgestickten Schuhe. Geh hinauf zu der Dame, und sage ihr, daß dies eine Abschiedsgabe von Grothusen sei. Nun ist die Trommel leer.«

»Herr General! Es liegt eine türkische Goldmünze auf dem Boden.«