Cronstedts Kanonenkugeln sausten über ihren Köpfen und warfen Steine und Sand auf, wo sie die Verschanzung trafen. Der Boden bebte, und von allen Seiten blitzte das Musketenfeuer. Es schwirrte und schrie, als ob ein Heer hungriger Weihe über den Strand segele, die Pulverwolken häuften sich so hoch, daß das Mondlicht nur an einzelnen Stellen durchzudringen vermochte und daselbst auf dem Boden weiße Flecken wie von Schnee hinmalte. Noch lange konnten die Kämpfenden, wenn das Geräusch eine Zeitlang nachließ, aus der Ferne das Geheul der angebundenen Hunde hören, aber bald wieder wurde das Getöse so heftig, daß die Soldaten nicht einmal die Kommandorufe der Offiziere aufzufangen vermochten. Die Fäuste um den Degengriff geballt, stürzten die Schweden vorwärts wie Berserker beim Holmgang. Da blieb es nicht mehr ein geordnetes Treffen mit Anführern und gehorsamen Bataillonen. Es waren die letzten Kämpfer aus dem Heer, das durch Europa gezogen war, die nun im Herbst ihrer Taten zum letzten Male im Süden des schwedischen Meeres ihr Blut opferten. Es galt hier, Brust gegen Brust in einem Handgemenge auf Tod und Leben, ewige Heldenehre oder Schande. Der Oberst Jakob Torstenson lag schon gefallen, aber sein Bruder Karl Ulrik brach sich Bahn über den Wall mit seinen Leibtrabanten und focht mitten in der feindlichen Verschanzung. Langsam zurückgedrängt, rief er, mit dem Rücken gegen die Erdmauer gedrückt und den sterbenden Hauptmann Adlerfeldt zwischen den Füßen:
»Haltet tapfer stand, liebe Kameraden! Mein Großvater führte das ganze Heer der Schweden und ich strecke den Degen nur vorm alten Dessauer selbst!«
Barhaupt und mit der Flamme des Zornes und der Begeisterung auf der Stirn, hieb der König sich seinen Weg zwischen den Klingen und Kolben. Er ging den mordenden Degenspitzen mit Herbststürmen in seinem Sinn entgegen, demütig, gleichgültig gegen Schmerz und Tod. Noch einmal grinste des Fähnrichs Aaberg zahnloses und männlich häßliches Gesicht an seiner Seite, und Seved Tolfslag brach Schädel und Waffen. Das Musketenfeuer sprühte nach allen Seiten und sengte des Königs zerrissenen Soldatenrock. Er durchbohrte und schoß. Von derben Händen wurde er um den Leib gepackt, und er rang Arm in Arm mit gemeinen, fluchenden Soldaten. Ein dänischer Offizier, der ihn erkannte, faßte ihm mit der einen Hand in das dünne Haar und suchte ihm den Degen abzuringen, aber der König riß die Pistole aus der Scheide und schoß dem Dänen durch den Leib, so daß er tot niederfiel. Dann sprangen neue Feinde hervor, und Dessauers Reiter und Feldstücke fielen die Schweden von den Seiten an, so daß sie in dem Dunkel der stürmischen Novembernacht von einem Ring von stechenden Degen und flackerndem Donner umschlossen waren.
Der Generalmajor Strömfelt gab dem König sein Pferd, aber das Tier stutzte im Dunkel vor einem spanischen Reiter, stürzte bei einer Stückkugel zusammen und blieb auf dem Boden über dem König liegen. Als er sich frei zu machen versuchte, wurde er vor der Brust von einer verlaufenen Stückkugel getroffen, so daß das Blut ihm von den Lippen floß. Es wurde ihm schwarz vor den Augen, und er sank zurück, besinnungslos und halb im Sand begraben, aber die Hand noch um den Degen geballt.
Der Oberstleutnant Tranfelt stritt mitten in einem Schwarm von Dänen. In jeder Hand schwang er eine Waffe, und unter seinem aufgerissenen Rock und Hemd sah man drei Wunden auf der bloßen Brust. Als er nicht länger zu stehen vermochte, kämpfte er auf den Knieen, bis daß er fiel und den Geist aufgab.
Cronstedt war, verwundet und blutend, auf eines seiner Feldstücke emporgehoben worden.
»Das sind die Römer des Nordens,« sagte er, »die in der Nacht für ihre letzten Provinzen fallen!«
Vor ihm lag ein gestürzter Stückjunker mit der noch brennenden Lunte, und mitten durch das Getöse der Schlacht und des Sturmes klang ganz nahe eine betende Stimme. Es war ein Feldprediger, der hinter den Fechtenden sich über die Verwundeten und Sterbenden beugte.
»Du König aller Könige! Rufe uns nicht zu wie den Kindern aus Jerobeams Haus: der, welcher stirbt in der Stadt, den sollen die Hunde fressen, wer aber auf dem Felde stirbt, den sollen die Vögel des Himmels fressen, denn der Herr hat es geredet! Warum versagst du uns das Zeichen, daß du noch mit uns seiest? Warum vergönnst du uns nicht, den Frieden des Sieges den Unseren zu verkünden, welche bluten, auf daß das harte Bett ihnen weich werde …«
Bassewitz wurde schon auf zwei Musketen sterbend aus dem Handgemenge getragen, und Daldorff, der Veteran, der schon in so manchem Streite mitten unter den gefallenen Trabanten blutend das Leben des Königs gerettet und unter seinen Augen die Smaaländer Reiter bei Holofzin dem Tod entgegengeführt hatte, lag auf seinem ausgebreiteten Mantel, leichenblaß. Die Schüsse warfen ihr plötzliches Licht über die hauenden und gekreuzten Degen und über die Schatten gleichenden kämpfenden Soldaten. Beim Schein eines Feldstückes erkannte der Trabantenkorporal Baumgarten schließlich den König und hob ihn auf sein Pferd und umgab ihn mit den zurückgeschlagenen Schweden.